Wie die Geschichte begann:
In sozialen Netzwerken kursierende Beiträge behaupteten, Nikol Paschinjans Mutter sei Aserbaidschanerin gewesen, habe „Arzu Ayvaz kizi Mustafayeva“ geheißen, sei 1962 in Schamchor geboren worden und Anfang der 1990er Jahre gestorben. Der Behauptung beigefügt war das Foto einer Frau, die als Paschinjans Mutter präsentiert wurde.
Auf den ersten Blick mag das Foto wie ein Beweis für die Behauptung wirken. Die Hauptfrage der journalistischen Überprüfung lautet hier jedoch: Wer ist die Frau auf dem Foto und wo wurde das Foto aufgenommen?
Finden wir nun heraus, was die offizielle Biografie zeigt:
In der archivierten Biografie auf Paschinjans ehemaliger offizieller Website machte er selbst Angaben zu seinen Eltern. Diesen Daten zufolge war seine Mutter Swetlana Nikoli Paschinjan (Howhannisjan), geboren am 1. Januar 1946. Paschinjan schrieb, dass sie am 4. Mai 1987 an Hirntumor starb.
Diese Daten stimmen nicht mit der in den sozialen Netzwerken kursierenden Geschichte überein, die ein Geburtsdatum von 1962 und einen Tod Anfang der 1990er Jahre angab. Mit anderen Worten: Selbst ohne das Foto zu untersuchen, gibt es einen erheblichen Widerspruch zwischen den in der Behauptung präsentierten biografischen Daten und der offiziellen Biografie.
Und wer ist auf dem Foto zu sehen?
Der wichtigste Teil des Artikels ist die Rückverfolgung des Fotos selbst. Im Rahmen einer Faktenprüfung fand CivilNetCheck die ursprüngliche Quelle des Fotos. Es tauchte im Archiv der aserbaidschanischen Ethnografin Atiga Izmaylova auf, wo es als ein Foto präsentiert wird, das 1958 in der Region Lerik in Aserbaidschan aufgenommen wurde.

Foto: von der Website von Atiga Izmaylova
Mit anderen Worten: Das in den sozialen Medien geteilte Bild ist kein Foto von Paschinjans Mutter, sondern ein Foto aus einer anderen Quelle, das später in einem völlig anderen Kontext präsentiert wurde.
Dies ist einer der klassischen Mechanismen zur Verbreitung von Desinformation: Das reale Foto wird nicht gefälscht, aber sein Kontext wird verändert. Das Foto ist echt, aber ihm wird eine falsche Identität und Geschichte zugeschrieben.
Finden wir nun heraus, wie eine Falschinformation zu einem sich verbreitenden Narrativ wird:
Dieser Fall ist auch hinsichtlich des Verbreitungsvolumens einzigartig. CivilNetCheck stellt fest, dass eine der Publikationen, die am 18. März verbreitet wurde, etwa 2.300 Reaktionen, 266 Kommentare, 1.100 Getreilt-Markierungen und mehr als 636 Tausend Aufrufe sammelte. Eine weitere Publikation, die am 28. April veröffentlicht wurde, sammelte Tausende von Reaktionen und Getreilt-Markierungen.
Diese Zahlen zeigen, dass es für die Verbreitung von Desinformation nicht erforderlich ist, dass das Material in einem großen Medienunternehmen veröffentlicht wird. Über soziale Netzwerke kann es ein weit größeres Publikum erreichen.
In diesem Fall ist es auch wichtig, zwischen Aufruf und Vertrauen zu unterscheiden. 636 Tausend Aufrufe bedeuten nicht, dass so viele Menschen der Behauptung geglaubt haben. Eine große Verbreitung erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die Information im Newsfeed neuer Nutzer erscheint und auf anderen Seiten reproduziert wird.
Und wo liegt hier die Manipulation?
In dieser Geschichte lassen sich mindestens drei manipulative Mechanismen unterscheiden:
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Die falsche Kontextualisierung eines realen Fotos: Das Foto ist echt, wird aber als Foto einer anderen Person präsentiert.
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Das Hinzufügen falscher biografischer Details: Geburtsdatum, Geburtsort, Name und Todeszeitpunkt werden so dargestellt, dass die Geschichte möglichst spezifisch und glaubwürdig wirkt.
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Die Spekulation über die Familie und Herkunft einer politischen Persönlichkeit: Solche Behauptungen sollen gewöhnlich nicht nur biografische Informationen vermitteln. Sie können die öffentliche Einstellung gegenüber einer politischen Persönlichkeit beeinflussen, insbesondere in einem Umfeld, in dem die Themen der nationalen Identität und der Beziehungen zu Aserbaidschan sensibel sind.
Warum glauben Menschen solche Materialien?
Desinformation ist nicht immer völlig frei erfundenes Material. Manchmal basiert sie auf einem realen Foto, einem echten Namen oder einem realen historischen Ort, und diese realen Elemente werden dann mit Falschinformationen kombiniert. Aus diesem Grund kann das Material auf den ersten Blick überzeugender wirken.
Dieser Fall ist auch ein gutes Beispiel dafür, warum es in der journalistischen Arbeit notwendig ist, nicht nur zu prüfen, was auf dem Foto abgebildet ist, sondern auch, wer abgebildet ist, wann es fotografiert wurde, wo es zuerst veröffentlicht wurde und in welchem Kontext es entstanden ist.
Faktenprüfung als journalistisches Werkzeug
Diese Geschichte zeigt, dass Faktenprüfung eine separate Phase der journalistischen Arbeit ist und nicht nur ein Prozess, an dessen Ende ein Stempel „richtig“ oder „falsch“ gesetzt wird.
Ein Journalist kann mit einer einfachen Frage beginnen: „Wer ist auf diesem Foto zu sehen?“ und zur ursprünglichen Quelle gehen. Danach ist es notwendig, verschiedene Quellen zu vergleichen: offizielle Biografien, archivierte Seiten, die ursprüngliche Quelle des Fotos, das Veröffentlichungsdatum und Spuren der Verbreitung. In diesem Fall ermöglicht uns genau diese Methode zu sehen, dass die in den sozialen Netzwerken kursierende Geschichte auf einer manipulativen Kombination aus einem Foto und biografischen Daten aufgebaut ist.
Ein Foto, aber eine große Wirkung
Die Geschichte der Behauptung „Paschinjans Mutter ist Aserbaidschanerin“ zeigt, dass moderne Desinformation nicht die Erstellung eines komplexen Fake-Videos oder eines völlig gefälschten Dokuments erfordert. Manchmal reicht es aus, ein reales Foto zu nehmen, seine Geschichte zu ändern, ein paar spezifische Zahlen und Namen hinzuzufügen und es in den sozialen Netzwerken zu verbreiten.
Deshalb ist es im Kampf gegen Desinformation wichtig, sich nicht nur zu fragen: „Ist diese Information wahr?“, sondern auch: „Wer hat sie zuerst veröffentlicht, auf welcher Quelle basiert sie, wie wurde sie verbreitet und zu welchem Zweck wird sie auf diese Weise präsentiert?“
Dieser Fall zeigt, dass der Weg eines einzelnen Fotos viel länger sein kann, als es auf den ersten Blick scheint – vom „Mythischen Archiv“ bis zu Tausenden von Aufrufen und Getreilt-Markierungen auf Facebook.
Journalist: Sargis Asatryan
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Das Projekt wird mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland umgesetzt.
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