Europa in Verantwortung

Von links nach rechts: Heinz Thoma, kultur- und sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Eschweiler; Kateryna Kravchenko und Lina Shreim vom Blau-Gelben Kreuz; Valerio Krüger von der IGFM; die Musikerin Olga Hryhoruk; Andrea Wolff, Präsidentin des Europavereins GPB; Artem Kryvulia von der IGFM; sowie der Musiker Oleksii.

Europa in Verantwortung:

Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine sichtbar machen
Bei einer Veranstaltung am 7. Juli 2026 in Eschweiler informierten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), der Europaverein GPB und das Blau-Gelbe Kreuz über schwere Menschenrechtsverletzungen in frontnahen und besetzten Gebieten der Ukraine. Im Mittelpunkt standen gezielte Drohnenangriffe auf Zivilisten in Cherson sowie die Verschleppung ukrainischer Zivilisten durch russische Besatzungskräfte.

Unter dem Titel „Europa in Verantwortung“ kamen am 7. Juli zahlreiche Interessierte im Kirschenhof – Haus der Geschichte in Eschweiler zusammen. Die Veranstaltung ging der Frage nach, was Europa tun kann, um Menschenrechtsverletzungen in frontnahen und besetzten Gebieten der Ukraine wirksam entgegenzutreten.

Eröffnet wurde der Abend durch Andrea Wolff, Präsidentin des Europavereins GPB e. V., sowie Heinz Thoma, kultur- und sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Eschweiler. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Olga Hryhoruk, die Moderation übernahm Lina Shreim.

„Human Safari“ in Cherson

Dr. Kateryna Kravchenko vom Blau-Gelben Kreuz berichtete über die sogenannte „Human Safari“ in Cherson. Mit Sprengstoff bestückte Drohnen verfolgen dort gezielt Fußgänger, Radfahrer, Rettungskräfte sowie Fahrzeuge mit Zivilisten. Die Angriffe werden von den Tätern gefilmt und teilweise selbst veröffentlicht.

Diese Form des Terrors zeigt, mit welcher Brutalität und Menschenverachtung russische Streitkräfte gegen die ukrainische Zivilbevölkerung vorgehen. Sie macht zugleich deutlich, warum internationale Aufmerksamkeit und konsequenter politischer Druck weiterhin notwendig sind.

Verschleppte ukrainische Zivilisten

Artem Kryvulia stellte für die IGFM das Schicksal verschleppter ukrainischer Zivilisten vor. Im Zentrum seines Beitrags stand der Fall von Serhii Sergeev, einem Mechaniker aus der Region Charkiw.

Sergeev wurde am 3. März 2022 von russischen Soldaten geschlagen und gewaltsam verschleppt. Seine Familie erhielt anschließend widersprüchliche Aussagen über seinen Aufenthaltsort. Seit mehr als vier Jahren gibt es keine verlässlichen Informationen über seinen Gesundheitszustand oder darüber, ob er noch am Leben ist.

Sein Fall steht beispielhaft für ein größeres Muster: Zivilisten werden aus ihren Häusern, von Arbeitsplätzen oder an Kontrollpunkten mitgenommen, von ihren Familien isoliert, zwischen verschiedenen Haftorten verlegt und teilweise nach Russland transportiert. Häufig bestreiten die zuständigen Behörden später vollständig, die betroffene Person festzuhalten.

„Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und hinter jedem Menschen wartet eine Familie auf Antworten“, betonte Kryvulia.

Für Artem Kryvulia war der Vortrag zugleich seine erste öffentliche Rede auf Deutsch. Gemeinsam mit IGFM-Vorstandssprecher Valerio Krüger vertrat er die Menschenrechtsorganisation bei der Veranstaltung.

Interaktive Ausstellung gibt Betroffenen eine Stimme
Begleitend zur Veranstaltung präsentierte die IGFM eine interaktive Ausstellung über verschleppte ukrainische Zivilisten.

Die Besucherinnen und Besucher konnten QR-Codes auf den Porträts scannen und die Geschichten der Betroffenen als persönliche Audioerzählungen in der Ich-Perspektive anhören. Dadurch wurden aus abstrakten Zahlen individuelle Lebensgeschichten – von Menschen mit Familien, Berufen, Hoffnungen und einem Leben, das durch die Verschleppung gewaltsam unterbrochen wurde.

Eine dieser Geschichten ist die von Natalia Vlasova. Ihre Audioerzählung kann auf der IGFM-Webseite angehört werden.

Dokumentation, politische Patenschaften und Postkarten

Die IGFM dokumentiert Fälle verschleppter Zivilisten, arbeitet mit Angehörigen, Anwälten und Partnerorganisationen zusammen und bringt konkrete Fälle an Abgeordnete und internationale Institutionen heran.

Ein wichtiges Instrument sind politische Patenschaften. Abgeordnete übernehmen dabei die langfristige Begleitung eines konkreten Falls, schreiben an Behörden und Regierungen, stellen parlamentarische Fragen und fordern Informationen über Haftort, Gesundheitszustand und rechtlichen Status.

Auch Privatpersonen können einen Beitrag leisten. Auf der IGFM-Webseite finden sich Profile von Gefangenen, deren Haftort bekannt ist. Briefe und Postkarten zeigen den Betroffenen, dass sie nicht vergessen wurden. Zugleich signalisieren sie den Gefängnisverwaltungen, dass die Behandlung dieser Menschen international beobachtet wird.

In einzelnen Fällen hat die erhöhte Aufmerksamkeit dazu beigetragen, dass Gefangene medizinische Versorgung erhielten oder sich ihre Haftbedingungen verbesserten.

Jedes Opfer hat einen Namen. Jede Geschichte verdient es, erzählt zu werden.