Die Desinformation hat seit den Wahlen nicht abgenommen: Nur die Ziele und Methoden haben sich geändert

Fakenews

Nach den Parlamentswahlen in Armenien hat die Intensität der Desinformationsströme nicht nachgelassen. Stattdessen haben sich ihre Formen, Ziele und Instrumente verändert. Während in der Zeit vor den Wahlen direkte Propagandanarrative über die Legitimität der Wahlergebnisse, Migrationsbedrohungen und die außenpolitische Ausrichtung dominierten, konzentrierten sich die Informationsangriffe in der Zeit nach den Wahlen auf staatliche Institutionen, das Sicherheitsumfeld und die Grundlagen des öffentlichen Vertrauens.

Falsche Erdbebenwarnung: ein Schlag gegen das Vertrauen in die Institutionen

Einer der bemerkenswertesten Vorfälle der vergangenen Woche war ein auf der Plattform X veröffentlichtes gefälschtes Video, in dem der regionale Erdbebenschutzdienst des armenischen Innenministeriums ankündigte, dass in den kommenden Wochen ein Erdbeben der Stärke 7,4 in der Region Kotayk zu erwarten sei. Das Video enthielt zudem einen gefälschten Link zum United States Geological Survey (USGS), der angeblich eine entsprechende Erdbebenrisikobewertung veröffentlicht hatte. Das Innenministerium wies das Video öffentlich zurück und wies darauf hin, dass die genaue Vorhersage von Erdbeben derzeit als ungelöstes wissenschaftliches Problem gilt und keine staatliche oder internationale Organisation solche Vorhersagen trifft.

Diese Episode ist nicht nur als Einzelfall von Desinformation von Bedeutung. Sie verdeutlicht eine tiefgreifendere Logik der Informationsbeeinflussung: Das Ziel besteht nicht darin, die Menschen zu warnen, sondern Misstrauen gegenüber dem staatlichen Kommunikationssystem zu schüren und eine Atmosphäre der Panik zu erzeugen. In Krisensituationen hängt das Verhalten der Gesellschaft maßgeblich vom Vertrauen in staatliche Institutionen ab, und wenn dieses Vertrauen gezielt untergraben wird, wird die Gesellschaft nicht nur gegenüber informativen, sondern auch gegenüber realen Notfällen anfälliger.

Fälschungen, die im Namen staatlicher Stellen verbreitet werden, als systematische Taktik

Im gleichen Zeitraum sah sich das Innenministerium gezwungen, zwei weitere Veröffentlichungen zu widerlegen: den Artikel mit dem Titel „Bayraktars Partner hat die staatliche Ausschreibung gewonnen“ sowie den Artikel über die Ausschreibung für das biometrische System. Für sich genommen können diese Fälle als gewöhnliche Falschmeldungen angesehen werden, doch ihre kumulative Wirkung reicht tiefer: Im Namen staatlicher Stellen verbreitete Desinformation erweckt den Eindruck, dass die staatliche Verwaltung intransparent arbeitet, versteckte Interessen verfolgt oder in korrupte Vorgänge verwickelt ist. Diese Methode ist ein weit verbreitetes Instrument in Informationskriegen, da sie nicht darauf abzielt, eine bestimmte Entscheidung zu kritisieren, sondern die Legitimität des Staates schrittweise zu untergraben.

Die „Panikwirtschaft“: Wenn Falschinformationen zum Geschäft werden

Die von CivilNetCheck dokumentierten Vorfälle verdeutlichen einen weiteren wichtigen Trend: die Kommerzialisierung von Desinformation. Die Facebook-Seite „Hayastan Jan“, die rund 160.000 Follower hat, veröffentlichte am 1. Juli einen Beitrag, der den Eindruck erweckte, es habe infolge von Hagelstürmen in der Region Lori Tote und Verletzte gegeben. Tatsächlich ereignete sich der Hagelsturm am 20. Juni, und in offiziellen Quellen gab es keinerlei Hinweise darauf. Dieselbe Seite verbreitete zudem die Nachricht von einem „Sabotageangriff“ in Sotk und berief sich dabei auf einen Beitrag, der die Behauptungen über Schüsse oder versuchte Infiltrationsversuche durch aserbaidschanische Streitkräfte faktisch widerlegte.

Diese Fälle zeigen, dass ein erheblicher Teil der Desinformation nicht mehr nur politische Ziele verfolgt. Es ist eine sogenannte „Panikwirtschaft“ entstanden, deren Logik einfach ist: Panik → Klicks → Werbeeinnahmen. Dieses Modell ist jedoch nicht nur aus kommerzieller Sicht gefährlich: Es schafft eine vorgefertigte Infrastruktur, die jederzeit von politischen Akteuren oder externen Einflusszentren für eine schnelle und „organische“ Verbreitung genutzt werden kann.

„Matryoshka“ und Storm-1516: Eine Kampagne, deren Erfolg durch Zahlen belegt ist

Im Gegensatz zu vereinzelten Fake News wurde die externe Kampagne gegen die Wahlen in Armenien von mehreren unabhängigen Forschungszentren dokumentiert, sodass man sich nicht nur auf allgemeine Beschreibungen beschränken muss, sondern konkrete Zahlen nennen kann.

Nach Angaben der Botnetz-Forschungsgruppe Antibot4Navalny, auf die das Projekt „The Cube“ von Euronews Bezug nimmt, waren bis Anfang Mai 343 gefälschte, durch künstliche Intelligenz erzeugte Videos im Umlauf, die seit Anfang März im Rahmen einer als „Matryoshka“ bekannten pro-russischen Kampagne verbreitet wurden. Analysten haben diese Kampagne als eine der größten der letzten Jahre bezeichnet, die in ihrer Größenordnung nur von den moldauischen Wahlen 2025 übertroffen wird.

  • In mehr als einem Dutzend Videos wurde die falsche Behauptung verbreitet, Pashinyan und der französische Präsident Macron hätten ein „geheimes Abkommen“ unterzeichnet, wonach Armenien nach einem Wahlsieg im Gegenzug für französische Unterstützung bei den Wahlen einen Krieg gegen Russland beginnen würde.
  • In einem gefälschten Video vom 11. Mai wurde behauptet, Paschinjans Pressesprecher habe die Anwesenheit von NATO-Ausbildern in Armenien sowie die Absicht bestätigt, nach den Wahlen einen militärischen Konflikt zu provozieren.

NewsGuard hat detailliertere Daten zum parallelen Storm-1516-Netzwerk veröffentlicht und dabei – wie das amerikanische FDD Research Center feststellt – analysiert, dass die Kampagne bereits im April 2025 begann und sowohl Storm-1516 als auch das Netzwerk „Foundation to Battle Injustice“ umfasst, die beide zuvor an Kampagnen in den Vereinigten Staaten, Deutschland, Frankreich und Moldawien beteiligt waren. Ein besonderer Indikator ist die Verbreitung einer bestimmten Falschmeldung: Eine falsche Behauptung über die Abtretung von Gebieten an Aserbaidschan hat auf der Plattform X mehr als 17 Millionen Aufrufe erzielt, während andere Veröffentlichungen unbegründete Vorwürfe der Veruntreuung gegen die Familie Pashinyan erhoben haben. NewsGuard hat zudem dokumentiert, dass die KI-Modelle von Meta, Perplexity, You.com und Mistral unbeabsichtigt zur weiteren Verbreitung dieser Falschmeldungen beigetragen haben, indem sie diese als zuverlässige Informationen präsentierten.

Einen breiteren Kontext liefert ein Reuters-Bericht, der in einem Wikipedia-Artikel zitiert wird und unter Berufung auf fünf westliche Geheimdienstquellen angibt, dass Russland einen Plan in Erwägung gezogen habe, bis zu 100.000 armenische Wähler aus Russland umzusiedeln – zu Kosten von etwa 50 Millionen US-Dollar –, und der zudem Dokumente zitiert, die der „Social Design Agency“ zugeschrieben werden (eine von der EU und Großbritannien sanktionierte Organisation), in denen vorgeschlagen wird, ein neues Medienunternehmen für in Russland lebende Armenier namens „Yerevan1“ zu gründen, um eine negative Stimmung gegenüber Paschinjan zu erzeugen.

Laut einer Analyse des in London ansässigen RUSI-Zentrums begann die Kampagne im April 2025, fast sieben Monate früher als die vergleichbare Kampagne gegen Moldawien, was darauf hindeutet, dass es sich hierbei nicht um eine kurzfristige Wahlintervention, sondern um eine langfristige strategische Investition handelt. Auch die Fraktion „Renew Europe“ im Europäischen Parlament wies in einer Erklärung auf einen Fall direkten politischen Drucks hin: Am 1. April appellierte Putin persönlich an Paschinjan, die Kandidatur des inhaftierten pro-russischen Milliardärs Samvel Karapetyan bei den Wahlen zuzulassen.

Vor diesem Hintergrund ist auch eine Episode auf nationaler Ebene erwähnenswert: In einem Interview mit Factor TV bezeichnete der ehemalige Abgeordnete der türkischen Nationalversammlung und Experte der Carnegie Endowment, Karo Paylan, die Behauptungen, die Öffnung der armenisch-türkischen Grenze würde durch die Einwanderung von Hunderttausenden Aserbaidschanern zu einer „Türkisierung“ Armeniens führen, öffentlich als Desinformation. Im Vergleich zu der oben beschriebenen Kampagne, die durch Zahlen und unabhängige Untersuchungen untermauert wird, handelt es sich hierbei um eine demografische Angstmacherei geringerer Intensität, die jedoch nach derselben Logik funktioniert und verdeutlicht, wie das Thema der Grenzöffnung auf mehreren parallelen Ebenen zu einem eigenständigen Angriffspunkt geworden ist.

Die Erzählung, die sich um die orthodoxe Kirche herum entwickelt

Am 3. Juni, nach den Wahlen, veröffentlichte der russische Auslandsgeheimdienst (SVR) eine offizielle Erklärung, in der er der Europäischen Union vorwarf, „aggressiv“ zu versuchen, die russisch-orthodoxe Kirche aus Armenien zu verdrängen, und eine „vollständige Trennung“ der religiösen Bindungen zu Moskau zur Voraussetzung für die EU-Integration zu machen. Als „Beweis“ führte der SVR eine Veröffentlichung zweier armenischer zivilgesellschaftlicher Organisationen an, nämlich der „Union of Informed Citizens“ und der Vanadzor-Vertretung der „Helsinki Citizens’ Assembly“, in der Vorwürfe einer Wahlbeeinflussung durch einen Priester einer Kirche erhoben wurden, die auf dem Gelände des russischen Militärstützpunkts Nr. 102 in Gyumri tätig ist.

EUvsDisinfo (das Überwachungsinstrument des Auswärtigen Dienstes der EU) hat diese Behauptung als wiederkehrendes Desinformationsnarrativ eingestuft, das Teil einer umfassenderen Serie zum Thema „Der Westen gegen die Orthodoxie“ ist, von der ähnliche Versionen bereits gegen die Ukraine und die baltischen Staaten eingesetzt wurden. Auch die Chronologie ist von Bedeutung: Dieses Narrativ wurde bereits nach der Wahl aktiviert, was zeigt, dass sich der Informationskampf nach der Wahl nicht nur auf den politischen, sondern auch auf den religiösen und zivilisatorischen Bereich ausweitet.

Die gegen Armenien vorgebrachten Argumente sind nicht neu.

Eine Analyse von Dutzenden von Fällen, die in der EUvsDisinfo-Datenbank erfasst wurden, zeigt, dass die gegen Armenien verwendeten Narrative selten eigenständig und neu sind: Es handelt sich meist um vorgefertigte Vorlagen, die je nach Situation wiederverwendet werden. Im Folgenden werden vier solcher Vorlagen vorgestellt, die jeweils auf einem konkreten, von EUvsDisinfo dokumentierten Fall basieren:

Die Wiederholungen in diesen vier Vorlagen (die gleichen Thesen finden sich in der EUvsDisinfo-Datenbank in unterschiedlichen Formulierungen und wurden im Laufe der Jahre sowohl gegen Armenien als auch gegen andere Länder verwendet) zeigen, dass es sich hier nicht um einmalige Erfindungen handelt, sondern um wiederverwendbare, an die jeweilige Situation anpassbare Informationsmodule, die unabhängig vom konkreten Anlass jederzeit aktiviert werden können.

Vierlagige Struktur

A comparison of the events of recent weeks allows us to distinguish four interconnected layers of disinformation:

  • Vertrauensverlust in staatliche Institutionen (vorgetäuschtes Erdbeben, gefälschte Wettbewerbsergebnisse),
  • Schüren von Panik hinsichtlich der Sicherheitslage und deren kommerzielle Verwertung (Lori, Sotk),
  • von außen finanzierte, koordinierte Kampagnen, deren Erfolg durch Zahlen belegt ist (Matryoshka, Storm-1516),
  • Langfristig einsetzbare, wiederverwendbare Erzählvorlagen (Werkzeug des Westens, Verfolgung der Orthodoxie, Wahlbetrug, Verlust der Souveränität).

Die ersten beiden Ebenen werden in der Regel schnell von Regierungsbehörden oder Faktenprüfungsplattformen (CivilNetCheck, inFact) widerlegt. Die dritte und vierte Ebene sind jedoch stabiler und schwerer zu entkräften, da sie auf einer spezialisierten Infrastruktur (Botnetze, Finanzierung, gezielte KI-Inhalte) und langfristigen Investitionen in die Narrativbildung beruhen.

Fazit

Das Ausmaß der Desinformation hat seit den Wahlen nicht abgenommen. Lediglich die Ziele und Methoden haben sich geändert: Anstelle direkter Wahlkampfthemen liegt der Schwerpunkt nun auf institutioneller Legitimität, religiösen Themen und dem Vertrauen in den Staat. Unabhängige Analysen von Euronews, Reuters, NewsGuard, RUSI und EUvsDisinfo bestätigen und ergänzen die von armenischen Faktenprüfungszentren (Innenministerium, CivilNetCheck) erfassten Fälle und zeigen, dass es sich hierbei nicht um ein isoliertes, lokales Phänomen handelt, sondern um einen international dokumentierten, koordinierten Prozess. Dieser Prozess fällt mit dem Verfahren zur Anfechtung der Wahlergebnisse vor dem Verfassungsgericht zusammen, was die Annahme nahelegt, dass in den kommenden Wochen eine neue Welle von Desinformation möglich ist, die bereits mit der Entscheidung des Verfassungsgerichts und deren politischen Folgen in Zusammenhang steht. Die Wahlen sind vorbei, doch der Informationskampf dauert noch an.

Das Material wurde im Rahmen des Projekts „Überwachung des Informationsflusses“ erstellt.

Das Projekt wird vom deutschen Auswärtigen Amt finanziert.

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Marine Kharatyan