Von Deepfakes bis hin zu Panikmache: Mit welchen Arten von Desinformation sehen sich die europäischen Länder bei Wahlen konfrontiert?

Wahlprozesse in Europa entwickeln sich zunehmend nicht nur zu einem politischen Wettbewerb, sondern auch zu einer großangelegten Informationskriegsführung. Algorithmen sozialer Medien, „schlafende“ Benutzerkonten, künstliche Intelligenz und die in der Gesellschaft angestauten Ängste führen dazu, dass selbst ein einzelner realer Vorfall zu einer politischen Krise werden kann.
Während eines Seminars in Jerewan berichteten Experten der polnischen Organisation „praktycy.eu“ armenischen Journalisten über die Arten von Desinformation, die in europäischen Ländern insbesondere während Wahlen auftreten, sowie über ihre Erfahrungen bei deren Bekämpfung.
Laut dem Medienexperten Jarosław Sliżewski (Jarosław Sliżewski) „lebt jeder von uns in seinem eigenen Internet“, wo das Falsche oft attraktiver ist als die Wahrheit, da es die emotionalen Bedürfnisse der Menschen befriedigt. Sliżewski, der polnische Experte Paweł Nowacki (Pawel Nowacki), der rumänische Experte Răzvan Petri (Rezvan Petri) und weitere Spezialisten identifizieren 5 Hauptmechanismen der Einflussnahme, die bei europäischen Wahlen eingesetzt werden:
1. Gefälschte Programme und „Schwarze PR“
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Deutschland: Während der Bundestagswahl wurde eine koordinierte Kampagne gegen die Partei Bündnis 90/Die Grünen durchgeführt. Mehr als 270 Auspuffrohre von Autos wurden mit Bauschaum gefüllt und mit „Be Greener“-Aufklebern versehen, um den Unmut der Autofahrer gezielt auf die Partei zu lenken. Gleichzeitig wurden gefälschte Dokumente verbreitet, in denen behauptet wurde, die Grünen planten schichtweise Verbote für Privatfahrzeuge.
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Slowakei: Dem Präsidentschaftskandidaten Ivan Korčok wurde fälschlicherweise vorgeworfen, die Entsendung slowakischer Soldaten in die Ukraine zu planen (obwohl der Präsident über keine solche Befugnis verfügt). Jungen Wählern wurden zudem kostenlose Reisen nach Brüssel angeboten, um sie am Wahltag aus dem Land zu locken und von der Stimmabgabe fernzuhalten.
2. Technologische Manipulationen und Deepfakes
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Deutschland: Ein Deepfake-Video einer Frau, die Stimmzettel der Alternative für Deutschland (AfD) vernichtet, wurde weit verbreitet. Zudem erstellten russische Netzwerke gefälschte Websites, die Der Spiegel und Die Welt imitierten, mit Artikeln über Deutschlands wirtschaftliche „Fehlschläge“.
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Zypern: Eine Hotelseite auf Cyprus.com, die aufgrund technischer Probleme nicht für Buchungen verfügbar war, wurde als „Beweis“ dafür präsentiert, dass das Hotel von Wolodymyr Selenskyj gekauft worden sei.
Die KI-Herausforderung: Der Experte Jarosław Sliżewski merkt an, dass das Erkennen von Fakes durch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz drastisch schwieriger geworden ist: Während KI-generierte Bilder früher an offensichtlichen Fehlern (wie sechsfingrigen Händen) leicht zu erkennen waren, sind solche Merkmale mittlerweile fast verschwunden, und es gibt kein einzelnes eindeutiges Merkmal mehr, um eine Fälschung zu entlarven.
3. Manipulation realer Fakten
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Polen: Im September 2025, in den Stunden nachdem 21 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren, aktivierten schlafende Accounts und verbliebene Impfgegner-Seiten aus der COVID-19-Ära den Hashtag #tonienaszawojna („das ist nicht unser Krieg“). Laut Paweł Nowacki war das Ziel: „die Verantwortung von Russland abzulenken und das Vertrauen in den polnischen Staat sowie seine Beziehungen zur Ukraine zu untergraben.“ Er betont, dass Polen nur ein Testgelände in einer breiter angelegten kognitiven Kampagne sei, die gegen die NATO und die Ostflanke der EU geführt werde.
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Tschechien: Die reale Tatsache, dass Innenminister Vít Rakušan eine rumänische Staatsauszeichnung erhielt, wurde zu einer Verschwörungstheorie umgedeutet, dass es sich dabei um eine „Belohnung“ für die Absage von Wahlen in Tschechien gehandelt habe.
4. Ausnutzung von Angst und Krisen
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Moldau: Gegen Präsidentin Maia Sandu wurden absurdeste Gerüchte verbreitet (beispielsweise über „Kinderhandel“ oder ein „Verbot von Rosen-Tee“). Das Ziel war nicht, jeden zu überzeugen, sondern Informationschaos zu stiften.
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Bulgarien: Während der Waldbrände im Jahr 2024 wurde das Narrativ verbreitet: „Bulgarien brennt, während die NATO schläft“, womit eine reale Naturkatastrophe als Mittel für Bündnis-kritische Propaganda genutzt wurde.
Angst als Waffe: Der Experte Jarosław Sliżewski nennt Angst die wahre „Königin“ der Desinformation. Ihm zufolge ist Desinformation stets bewusst emotional gestaltet. Menschen zu täuschen sei recht einfach, sie jedoch davon zu überzeugen, dass sie getäuscht wurden, sei eine wahre Kunst.
5. Künstliche öffentliche Meinung und Algorithmen
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Rumänien: Der Experte Răzvan Petri erklärt, dass TikTok-Algorithmen genutzt wurden, um die Kampagne des Präsidentschaftskandidaten Călin Georgescu in Koordination mit Telegram-Kanälen und Hunderten von Mikro-Influencern zu pushen. Petri merkt an: „Online-Radikalisierung geschieht dann, wenn das Umfeld bereit ist: Ungleichheit, Korruption und Unzufriedenheit machen Menschen empfänglicher für radikale Thesen.“
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Tschechien: Bei den Wahlen 2025 wurde „automatisierte Desinformation“ eingesetzt: Künstliche Intelligenz verfasste Tausende einzigartiger Kommentare auf Nachrichten-Websites und erzeugte so die Illusion einer „Massenunterstützung“ für extremistische Ansichten.
Herausforderungen für Journalisten und Gegenmaßnahmen
Die Experten Jarosław Sliżewski, Paweł Nowacki und Răzvan Petri fordern die Medien dringend auf, dem algorithmischen Druck nicht nachzugeben:
„Versuchen Sie nicht, die Ersten zu sein – versuchen Sie, die Genauesten zu sein.“
Um Desinformation wirksam entgegenzuwirken, schlagen die Experten folgende Methoden vor:
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Prebunking (Prävention): Aufklärung über Manipulationstechniken im Voraus durch kurze (ca. 90-sekündige) Videos. Dies erhöht die Fähigkeit, Täuschungen zu erkennen, um das 1,5- bis 2-Fache.
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Debunking und das „Truth Sandwich“: Nach der von Sliżewski vorgeschlagenen Methode sollte eine Widerlegung wie folgt aufgebaut sein: Zuerst den Fakt präsentieren, dann den Mechanismus der Lüge erklären (ohne die Lüge in der Überschrift oder im Teaser zu wiederholen) und schließlich erneut die Wahrheit betonen.
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Die „Sokratische Methode“: Wenn rationale Argumente nicht mehr greifen, sollte zur Selbstreflexion angeregt werden, indem man dem Leser Fragen stellt wie: „Was hat Sie überzeugt, dieser Information zu glauben?“ oder „Welche Quelle könnte Sie dazu bringen, Ihre Meinung zu ändern?“
Die europäische Erfahrung zeigt, dass die Sicherheit von Wahlen nicht nur von staatlichen Institutionen abhängt, sondern auch von der Fähigkeit der Gesellschaft, Informationen kritisch wahrzunehmen, sowie von der Einhaltung journalistischer Grundsätze.
Autorin: Marine Kharatyan
Das Material wurde im Rahmen des Disinformation Flows Monitoring Project erstellt.
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Das Projekt wird mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt.

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