Die Zielgruppenlogik hinter Armeniens anti-europäischer Desinformation

Im Juni 2026 warf der russische Nachrichtendienst der Europäischen Union vor, zu versuchen, die Russisch-Orthodoxe Kirche aus Armenien zu vertreiben. Gleichzeitig kursierte Ende Mai eine andere Behauptung, wonach Brüssel heimlich zugestimmt habe, 250.000 muslimische Migranten in Armenien anzusiedeln. Beide Behauptungen sind falsch. Sie unterscheiden sich jedoch erheblich in ihrem Inhalt und den Ängsten, auf denen sie aufbauen. Die eine verknüpft die EU-Integration mit dem Verlust der religiösen Identität und den Verbindungen zu Russland, die andere mit Migration, Sicherheit und demografischem Wandel.
Diese Beispiele sind keine Einzelfälle. Seit Beginn des armenischen EU-Beitrittsprozesses im Jahr 2025 kursieren mindestens drei verschiedene falsche Narrative: ein religiöses, ein demografisches und ein wirtschaftliches. Der breitere Kontext ihrer Verbreitung ist ebenfalls dokumentiert. Dem Institute for Strategic Dialogue (ISD) zufolge war Armenien von April 2025 bis April 2026 das weltweit am stärksten von der Kampagne Storm-1516 anvisierte Land, wobei in diesem Zeitraum mehr als 30 Kampagnen verzeichnet wurden.
Faktencheck-Organisationen in Armenien und im Ausland haben jede dieser Behauptungen bereits widerlegt. Betrachtet man sie jedoch zusammen, sind die Unterschiede deutlich: Die drei Narrative bedienen drei verschiedene Ängste: religiöse Identität, demografischen Wandel und wirtschaftliche Sicherheit. Diese Unterschiede werfen die Frage auf, ob die verschiedenen Narrative auch für unterschiedliche Zielgruppen strukturiert sind. Dieser Artikel versucht, die Logik dieses Targetings anhand von drei Fallstudien aufzudecken. Einzeln betrachtet handelt es sich um schlichte Falschbehauptungen. Zusammen genommen deuten sie auf einen strukturierteren Ansatz hin: nicht eine Lüge für alle, sondern eine maßgeschneiderte Lüge für jede Gruppe.
Das religiöse Narrativ: Die europäische Ausrichtung als Bedrohung für die Identität
Am 3. Juni 2026, nur vier Tage vor den nächsten Parlamentswahlen in Armenien, veröffentlichte der russische Auslandsgeheimdienst (SVR) eine Erklärung, in der er der EU aggressive Maßnahmen gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche in Armenien vorwarf. Dem SVR zufolge hat Brüssel den vollständigen Bruch mit den „jahrhundertealten religiösen und spirituellen Bindungen“ zu Moskau zur Voraussetzung für Armeniens europäische Integration gemacht. In der Erklärung wurde darauf hingewiesen, dass die im April 2026 in Armenien etablierte EU-Partnerschaftsmission (EUPM Armenia) versuche, der Diözese Jerewan-Armenien, der lokalen Struktur der Russisch-Orthodoxen Kirche, das Recht auf Nutzung von Kircheneigentum zu entziehen und ihren Dialog mit lokalen religiösen Strukturen, primär der Armenischen Apostolischen Kirche, zu blockieren. Als Beweis führte der SVR eine Veröffentlichung zweier armenischer NGOs an – der Union of Informed Citizens und des Vanadzor-Büros der Helsinki Citizens‘ Assembly –, die Timofey Ghazaryan, einem Ältesten der Erzengel-Michael-Kirche an der 102. russischen Militärbasis in Gjumri, vorgeworfen hatten, sich in die Parlamentswahlen einzumischen.
Die Behauptung selbst ist falsch, was nicht durch bloße Meinungsverschiedenheiten, sondern durch eine konkrete rechtliche Grundlage belegt wird. Das Abkommen über eine umfassende und verstärkte Partnerschaft (CEPA), das die Beziehungen zwischen Armenien und der EU regelt, enthält keine Bestimmung, die Armeniens europäische Integration an die Bedingung knüpft, religiöse oder spirituelle Bindungen zu Russland zu kappen, die Aktivitäten einer Kirche einzuschränken oder die religiöse Zugehörigkeit zu ändern. Auch EUvsDisinfo kam zu demselben Schluss und stufte die Behauptung des russischen Auslandsgeheimdienstes als Desinformation ein. EUvsDisinfo betonte zudem, dass die Aussagen der russischen Geheimdienste angesichts ihrer Historie unbegründeter Behauptungen nicht als Beweis gelten können. Derselben Quelle zufolge wurde die Behauptung anschließend über TASS und eine Reihe armenischer Medien verbreitet. In einem breiteren Kontext wertet EUvsDisinfo dieses Narrativ als Teil einer Informationsbeeinflussungsoperation Russlands im Vorfeld der armenischen Wahlen und merkt an, dass das Ziel darin bestand, Armeniens europäischen Weg als Bedrohung für Religion, Identität und Souveränität darzustellen.
Der Mechanismus dieses Narrativs beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Verbreitung falscher Behauptungen. Das unmittelbare Ziel der Erklärung des SVR ist die Diözese Jerewan-Armenien der Russisch-Orthodoxen Kirche, eine spezifische religiöse Struktur in Armenien. Die Armenische Apostolische Kirche wird in der Erklärung als jene Struktur genannt, mit der laut SVR der Dialog der Russisch-Orthodoxen Kirche eingeschränkt werde. Die spezifische Behauptung über die Beziehungen zwischen diesen beiden Strukturen wird jedoch in einen breiteren Kontext gestellt: als Folge des Bruchs von Armeniens „jahrhundertealten religiösen und spirituellen Bindungen“ und folglich der europäischen Integration.
Diese Rahmung verändert die Bedeutung des Arguments. Das Problem der spezifischen Struktur der Russisch-Orthodoxen Kirche wird in eine Geschichte über eine Bedrohung der religiösen und nationalen Identität Armeniens umgewandelt. So wird die europäische Integration nicht nur als Änderung der außenpolitischen Ausrichtung dargestellt, sondern als ein Prozess, der die für Armenien symbolisch bedeutsamen religiösen Bindungen und die Identität untergraben könnte.
Das Migrationsnarrativ: Die europäische Ausrichtung als Migrationsbedrohung
Am 4. und 5. Mai 2026 fand in Jerewan der 8. Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft statt, gefolgt vom allerersten bilateralen EU-Armenien-Gipfel. Als Ergebnis wurde eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, die 44 Punkte umfasst. Das Dokument befasst sich mit Energie, Verkehr, Digitalisierung, Sicherheit und Handel. Der einzige Punkt (Punkt 24), der sich auf die Migrationsfrage bezieht, erwähnt die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Armenien und Europol, Eurojust sowie Frontex bei der Bekämpfung der illegalen Migration. In keinem der 44 Punkte finden sich Bestimmungen über die Aufnahme oder Umsiedlung von Migranten.
Drei Wochen später, am 28. Mai, erschien auf der Plattform X ein kurzes Video mit dem Logo der renommierten armenisch-amerikanischen Zeitung The Armenian Mirror-Spectator. Demnach sei am Rande des Gipfels ein weiteres, geheimes Dokument unterzeichnet worden – das „Jerewaner Partnerschaftsabkommen über Migration“, wonach Armenien sich bereit erklärt habe, bis zu 250.000 muslimische Migranten aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Pakistan aufzunehmen, darunter auch Personen, die Haftstrafen in europäischen Gefängnissen verbüßen. Eine Überprüfung durch Lead Stories ergab, dass das Logo einfach über ein bereits existierendes Video geklebt worden war und die Zeitung ein solches Material niemals veröffentlicht hatte.
Auch die Untersuchung von FIP.am ermöglichte es, die Quelle und die Verbreitungskette dieser Geschichte nachzuvollziehen. Der Artikel, auf dem das Video basierte, wurde auf der türkischen Website Ulusal unter dem Namen Aziz Yerganian veröffentlicht. Die Website steht in Verbindung mit der türkischen nationalistischen Vatan-Partei und deren Führer Doğu Perinçek, der für seine Leugnung des Völkermords an den Armeniern bekannt ist. FIP.am konnte keine früheren Veröffentlichungen des Autors unter diesem Namen finden; zudem wurde das Profilbild von Aziz Yerganian als ein durch Künstliche Intelligenz generiertes Bild identifiziert. Mit anderen Worten: Die Online-Identität des angeblichen Autors war ebenfalls gefälscht.
Dies war das zweite Mal, dass Ulusal eine ähnliche Falschmeldung über Armenien veröffentlichte. Einige Monate zuvor hatte dieselbe Website eine andere erfundene Geschichte über Armenien veröffentlicht: einen Gesetzentwurf zum „Schutz des Islam“, der ebenfalls von einem nicht existierenden Autor mit armenischem Nachnamen eingereicht worden sein soll.
In der Folge begann sich die Geschichte breiter zu verbreiten. Angaben von FIP.am zufolge wurde sie am 28. Mai von etwa 20 X-Konten verbreitet, die mit Storm-1516 in Verbindung stehen. Im selben Zeitraum tauchte dieselbe Behauptung mit fast identischem Wortlaut auch bei Pravda EU und Pravda Turkey auf. Dadurch erschien dieselbe falsche Geschichte auf verschiedenen Plattformen, was den Eindruck erweckte, von unabhängigen Quellen verifiziert worden zu sein.
Die bloße Feststellung, dass sie falsch ist, erklärt jedoch nicht, warum die Geschichte auf diese Weise konstruiert ist. Die Zahl von 250.000 verleiht der Behauptung den Anschein einer spezifischen und offiziellen Angabe, während Verweise auf „muslimische Migranten“, „Personen ohne Status“ und bestimmte Herkunftsländer sie mit Ängsten vor Migration, Sicherheit und demografischem Wandel verknüpfen. So baut sich die falsche Behauptung nicht nur um ein nicht existierendes Dokument herum auf, sondern auch um mehrere miteinander verknüpfte Ängste.
Der Mechanismus der Verbreitung ist dabei von gleicher Bedeutung: Ein reales diplomatisches Ereignis dient als Aufhänger, um eine Verbindung zur Realität herzustellen; ein nicht existierendes, aber offiziell klingendes Abkommen wird hinzugefügt; anschließend wird das gefälschte Logo eines echten Medienunternehmens verwendet, und die Geschichte wird über zahlreiche Konten und Websites gestreut. Das Resultat ist der Eindruck von Informationen, die über viele verschiedene Quellen zirkulieren, anstatt einer Behauptung, die auf einer einzigen Quelle beruht.
Auch im Hinblick auf das Targeting gibt es hier einen spürbaren Unterschied zum vorherigen Narrativ. Während das religiöse Narrativ die Bedrohung um die religiöse und nationale Identität herum aufbaute, stehen in diesem Fall Migration, Sicherheit und demografischer Wandel im Vordergrund. Nicht das Ziel ändert sich folglich, sondern die Angst, durch die es präsentiert wird.
Das wirtschaftliche Narrativ: Die europäische Ausrichtung wird 80 % der Exporte vernichten
Am 1. Juni 2026, sechs Tage vor den Parlamentswahlen, veröffentlichte die Website Pravda Armenia eine Erklärung, wonach im Falle eines Austritts Armeniens aus der EAWU die Exporte des Landes um 80 % einbrechen würden.
Die offizielle Statistik stützt dieses Bild nicht. Daten des Statistischen Komitees der Republik Armenien, die von Hetq analysiert wurden, zeigen, dass im Jahr 2025 lediglich 38,4 % von Armeniens Exporten in die EAWU-Staaten gingen, 7,9 % in die EU und der Rest in andere Märkte, primär in die Vereinigte Arabische Emirate (hauptsächlich durch den Re-Export von Gold). Selbst im extremen Szenario eines vollständigen Wegfalls des EAWU-Marktes hätte es sich daher unmöglich um 80 % der Gesamtexporte handeln können.
Interessanter als die falsche Zahl ist hier jedoch ihr Ursprung. Der russische Minister für wirtschaftliche Entwicklung Maxim Reschetnikow erklärte, dass über 80 % der armenischen Exporte aus Lebensmitteln, Agrarprodukten und alkoholischen Getränken bestehen, die an die EAWU-Staaten verkauft werden. Der Sekretär des Sicherheitsrats, Sergei Schoigu, nannte separat spezifischere, aber abweichende Zahlen: 98 % der armenischen Agrarexporte und 78 % der Exporte alkoholischer Getränke gingen nach Russland. In beiden Fällen geht es um eine einzige, spezifische Produktkategorie, nicht um die gesamten Exporte Armeniens.
Diese Zahlen beziehen sich auf einzelne Produktgruppen oder deren Märkte und nicht auf die Gesamtexporte Armeniens. In der Veröffentlichung von Pravda Armenia verschwindet diese Differenzierung: Der kategoriespezifische Indikator wird als Indikator für Armeniens Gesamtexport dargestellt.
Derselbe Mechanismus lässt sich auch in einer anderen Veröffentlichung beobachten. Das belarussische staatliche Medium News.by behauptete, dass bis zu 90 % der Exportgüter Armeniens vom EAWU-Markt absorbiert würden. InvestigateBel überprüfte dies und stellte fest, dass die reale Zahl bei rund 40 % lag. In diesen beiden Beispielen sind die Zahlen zwar unterschiedlich, aber die Logik der Verzerrung ist dieselbe: Hohe Zahlen für einzelne Produktkategorien oder Märkte werden als Maß für die allgemeine Exportabhängigkeit Armeniens ausgegeben.
Hier liegt die politische Bedeutung dieses Narrativs. Die handelsbezogene Verbindung zwischen Armenien und den EAWU-Märkten ist real und bedeutsam. Im Jahr 2025 gingen 38,4 % von Armeniens Exporten in EAWU-Länder; der potentielle Verlust dieser Märkte hätte also keineswegs unsichtbare oder unbedeutende Auswirkungen auf Armeniens Wirtschaft. Diese reale wirtschaftliche Verbindung rechtfertigt jedoch keineswegs die Behauptung, ein Austritt aus der EAWU würde 80 % der armenischen Exporte vernichten. Hier wird eine reale Tatsache – eine signifikante Handelsverbindung – aufgebläht und als nahezu vollständige Abhängigkeit neu gerahmt. Wie in den beiden vorherigen Fällen wird Armeniens europäische Ausrichtung somit als Quelle von Verlusten dargestellt, diesmal jedoch im Rahmen einer Bedrohung für die wirtschaftliche Sicherheit und den Export.
Fazit
Betrachtet man die drei Fälle zusammen, offenbart sich weniger eine einzelne, allgemeine Lüge als vielmehr die Vielfalt der Wege, auf denen sie konstruiert wird. Das religiöse Narrativ nutzt Empfindlichkeiten rund um reale religiöse und nationale Bindungen aus, das Migrationsnarrativ bedient Bedenken bezüglich realer internationaler Migrationskrisen, und das wirtschaftliche Narrativ setzt bei realen Handelsbeziehungen zwischen Armenien und den EAWU-Märkten an. In allen drei Fällen kreiert die Desinformation ihre Grundlage nicht aus dem Nichts. Sie nimmt einen realen Fakt oder politischen Prozess und verändert dessen Ausmaß, Bedeutung oder potenzielle Konsequenz.
Diese Unterschiede sind auch wichtig, um die Logik des Targetings zu verstehen. Die drei Narrative präsentieren Armeniens europäischen Kurs als Verlust verschiedenster Art: der eine als Verlust der religiösen und nationalen Identität, der zweite als Bedrohung durch demografischen Wandel und Sicherheit, und der dritte als Gefährdung der wirtschaftlichen Stabilität. Zwar erlauben diese Fälle für sich genommen nicht die Schlussfolgerung, dass jedes Narrativ exakt für eine klar definierte Zielgruppe maßgeschneidert wurde, doch ihre Kombination zeigt, dass derselbe politische Prozess durch unterschiedliche Ängste vermittelt werden kann – je nachdem, welche Sorge der jeweiligen Erzählung zugrunde gelegt wird.
Das Problem besteht somit nicht nur darin, falsche Behauptungen zu entlarven, sondern zu verstehen, welche reale Sorge dem Kern jeder Fälschung zugrunde liegt und welche Angst durch sie geschürt werden soll.
Hripsime Hovhannisyan
Das Material wurde im Rahmen des Projekts zur Überwachung von Desinformationsströmen erstellt.
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Das Projekt wird mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt.

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