Zwei Jahre konnte Stanislaw Assejew aus den von Separatisten und russischen Geheimdienstkräften besetzten Gebieten in der Ostukraine berichten.

Ein erschütterndes Protokoll des Ausgeliefertseins und der Demütigung: Stanislaw Assejew.

2017 wurde er verschleppt, inhaftiert und gefoltert. Über diese Zeit hat er einen erschütternden Bericht verfasst.

Seine Artikel aus dem Donbass waren Kult. Stanislaw Assejew schrieb knapp und klar, der Ton: jung und frisch, wie Shortcuts aus einem Alltag, der plötzlich fremd geworden war. Der Journalist holte all diejenigen in der Ukraine ab, die über die retrosozialistischen und militanten Entwicklungen im Osten des Landes nur fassungslos staunen konnten.

Auf der zentralen Uniwersitezka-Strasse in Donezk Kolonnen von Panzern, Haubitzen und Artillerie? «Noch vor zwei oder drei Jahren (. . .) hätte ich wetten können, dass eine globale Katastrophe irgendwo am anderen Ende der Welt wahrscheinlicher ist», schrieb Stanislaw Assejew in einem Artikel für die Zeitung «Ukrainski Tischden» im März 2015.

Zwei Jahre konnte der Journalist unter dem Pseudonym Stas Wasin aus den von Separatisten und russischen Geheimdienstkräften besetzten Gebieten in der Ostukraine berichten. Im Mai 2017 wurde er im Zentrum von Donezk verschleppt. «Sie haben mich in ein Auto gezerrt und mir eine Tüte über den Kopf gezogen», erzählt der Journalist bei unserem Treffen in Kiew. Wie seine Tarnung auffliegen konnte, weiss er bis heute nicht.

Dachau des Donbass

Stanislaw Assejew ist ein bisschen blass, man sieht ihm an, dass er wenig Schlaf findet. Er lächelt leise und erzählt, dass er gerade aus dem Training für die Front komme. Er will in Awdijiwka kämpfen, aber noch muss er sein Knie auskurieren. Das habe er sich durchs häufige Laufen ruiniert, das ihm wiederum neben dem Schreiben dabei geholfen habe, ins Leben zurückzufinden.

Stanislaw Assejews bei Suhrkamp erschienenes Buch «Heller Weg, Donezk. Bericht aus einem Foltergefängnis» legt Zeugnis ab von 969 Tagen Gefangenschaft in der sogenannten «Donezker Volksrepublik». Mit nahezu wissenschaftlicher Präzision seziert der Autor ein durch russische Geheimdienste geschaffenes System aus Willkür und Erniedrigung. In dessen Zentrum: Isoljazija, ein Foltergefängnis in einer ehemaligen Dämmmaterialfabrik in Donezk. Bis 2014 hatte die stillgelegte Fabrik Künstlern und Aktivisten als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum gedient. Die Adresse lautet Heller Weg 3 – in Anlehnung an Lenins Versprechen vom hellen Weg in den Kommunismus. Er führe, resümiert Stanislaw Assejew in seinem Buch, abermals in den Abgrund.

Isoljazija wird als das «Dachau des Donbass» apostrophiert, ein «für jeden Sinn unzugänglicher Ort. Unzugänglich auch für Vergebung.» Offiziell existiert das vom russischen Geheimdienst betriebene Gefängnis gar nicht, ein Freibrief für gewalttätige Sadisten, die dort das Sagen haben.

«Wenn die Zellentür aufging, musste man sich sofort eine Tüte über den Kopf ziehen, mit dem Rücken zur Tür stehen und die Hände auf den Rücken halten», berichtet Stanislaw Assejew. Wer nicht innerhalb von Sekunden strammstand, wurde unter die Pritsche geprügelt und musste dort bellen wie ein Hund. Die Aufseher lachten dann, genauso wie bei der Folter mit Elektroschocks.

Foltern und lachen

«Die Prozeduren», wie die Folterer ihre Methoden nennen, gehören zum Alltag im Isoljazija-Gefängnis. «Wenn sie foltern und dabei lachen, baut das noch grösseren Druck auf. Denn das heisst, dass diese Leute durch nichts aufzuhalten sind», stellt Assejew nüchtern klar und macht eine Handbewegung, als wolle er diese ganzen Schandtaten einfach wegwischen, endgültig aus der Welt räumen.

Er selbst habe inzwischen kaum noch Albträume, auch nur noch selten Triggermomente, sagt er. Nur eine Stelle am Oberschenkel sei immer noch empfindlich. Etwas oberhalb des rechten Knies donnerte immer der Schlagstock während der Verhöre nieder. Immer auf dieselbe Stelle. Unter Folter presste man aus Stanislaw Assejew ein Geständnis der «Spionage» heraus.

«Heller Weg, Donezk» ist ein erschütterndes Protokoll des Ausgeliefertseins und der Demütigung. Es fügt der Lagerliteratur einen aktuellen Beitrag des 21. europäischen Jahrhunderts bei, der Bericht aus dem Foltergefängnis reisst erschreckend die Distanz zwischen damals, zwischen Nazi-Konzentrationslagern oder stalinistischem Gulag, und heute ein.

Stanislaw Assejew schreibt aus der Perspektive des betroffenen Journalisten, der das Erlebte bändigt, es in Kapitel unterteilt und beispielsweise nach den Motiven der Täter fragt. Stilistisch entscheidet er sich dabei für ein nahezu «atonales Schreiben»: Sachlich und präzise geht er mit analytischer Schärfe dem Wesen von Gewaltherrschaft auf den Grund. Isoljazija begreift er dabei als einen Ort der Wahrheit über das Putin-Regime, als dessen Essenz und Inbegriff, wo sich Machtgefälle, Sinnlosigkeit, existenzielle Ausgesetztheit und Angst konzentrieren.

In dem Kapitel über das «absolute Böse» widmet sich der Autor dem Kommandanten von Isoljazija, ohne den es das System «so nicht gegeben» hätte. «Alle nannten ihn Palytsch. (. . .) Ein eingefleischter Sadist, Gewalttäter, Henker und Alkoholiker mit klassischer Persönlichkeitsstörung und gleichzeitig ein subtiler Psychologe und ein Manipulator mit Sinn für Humor.» Seiner uneingeschränkten Grausamkeit sind die Gefangenen hilflos ausgeliefert.

Das Böse benennen

«Palytsch» ist eine Verballhornung von «palatsch», was auf Russisch «Henker» oder «Folterer» bedeutet. De facto heisst der Mann Denis Pawlowitsch Kulikowski, ein 1984 geborener Ukrainer. Es gehört zu der Brisanz des Falles, dass Stanislaw Assejew zwei Jahre nach seiner Freilassung durch einen Gefangenenaustausch im Winter 2019 erfuhr, dass sein Peiniger auch in Kiew lebt – und zwar ganz und gar unbehelligt. Die Erkenntnis sei die «grösste Herausforderung» für ihn gewesen, meint Stanislaw Assejew. Eine Retraumatisierung mit sprichwörtlich ungeheuerlicher Wucht.

Er wandte sich an den Investigativjournalisten Christo Grosew vom Recherchenetzwerk Bellingcat. Eine Woche später wussten die beiden Journalisten, wo Palytsch wohnt. Er hatte sich dem ukrainischen Geheimdienst SBU als Informant angedient, um einer vermeintlichen Bedrohung in der «Donezker Volksrepublik» zu entkommen. Stanislaw Assejew sorgte dafür, dass der Deal ein Ende fand. Im November 2021 wurde der ehemalige Kommandant von Isoljazija vom SBU verhaftet. Nach einem knapp sechsmonatigen Prozess wurde Denis Pawlowitsch Kulikowski am 3. Januar dieses Jahres in Kiew zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt.

Die Festsetzung seines Folterers hat den Journalisten zu der Gründung des Justice Initiative Fund (JIF) bewegt, einer Online-Plattform, auf der Täter von Kriegsverbrechen gelistet werden und Geld gegen Informationen geboten wird. «Das Böse muss einen Namen haben» ist Motto und Mission zugleich. «Was sind das für Menschen?», fragt Stanislaw Assejew in einem Kapitel in «Heller Weg, Donezk». Und kommt zu dem tragischen Schluss, dass es diejenigen sind, «die vor dem Krieg mit uns die gleichen Strassen entlangliefen, in derselben Schlange für Brot anstanden». Es sei das «absolute Machtgefälle auf engstem Raum», das bewirke, «dass sich die einen am Leid der anderen ergötzen».

Quelle: nzz.ch