Der Jüngste unter ihnen wird heute 16 Jahre alt. Nach dem russischen Gefangenenaustausch zählt die Organisation OVD aktuell 2747 politisch motivierte Strafverfahren, darunter 1015 gegen Kriegsgegner und wiederum davon 131 gegen Kinder und Jugendliche.

Der 15jährige Arsenij Turbin aus Liwny wurde kürzlich für das Verteilen von Antikriegs -Flugblättern zu 5 Jahren Haft verurteilt. Heute muss er seinen 16. Geburtstag hinter Gefängnismauern erleben. Die IGFM, die im Fall Arsenijs die Familie unterstützt, konnte ein Geburtstagschreiben für den heutigen Tag übermitteln.
Die Mutter des heute 19jährigen inhaftierten Kriegsgegners Daniel Efimow aus Rostow am Don, der für ukrainische Hilfsorganisationen etwas Geld gespendet hatte und dafür eine im drakonische Haftstrafe von 12 Jahren zu verbüßen muss, beschreibt ihren Sohn „als weich wie Butter“. Dies scheinen all diese so jungen Kriegsgegner gemein zu haben. Es sind zumeist auffällig intelligente Schüler und Studenten und sehr sensible junge Menschen. Und eine weitere Gemeinsamkeit zeichnet sie aus, einerseits weich wie Butter, aber gleichsam mit festem Rückgrat. Bereit, im Notfall für ihre feste Überzeugung, dass dieser Krieg ein unfassbares Verbrechen gegen die Menschenrechte ist, ins Gefängnis zu gehen. Ins russische Gefängnis, wo die Haftbedingungen schlimmer kaum sein könnten.
10 von diesen tapferen 131 jungen Menschen aus ganz Russland möchten wir gerne beispielhaft vorstellen.

Arsenij Turbin, Liwny, 15 Jahre alt, 5 Jahre Haft, Verteilen von Flugblättern
Der Gymnasialschüler Arsenij Turbin (die IGFM berichtet) aus der russischen Stadt Liwny (gute 100 km von Kursk), der seit Beginn seines 15 Lebensjahrs unter staatlichem Hausarrest stand und vor zwei Monaten am 20. Juni zu 5 Jahren Haft verurteilt wurde, muss nun seinen 16. Geburtstag hinter Gittern erleben. Damit dürfte er der jüngste Staatsverbrecher hinter Putins Gefängnismauern sein. Was hatte er verbrochen? Arsenij hatte Flugblätter in Liwny verteilt mit der Überschrift: „Wollt ihr so einen Präsidenten?“

Egor Balasejkin, St. Petersburg, 18 Jahre, 6 Jahre Gefängnis, Versuch einen Brandschaden an einem Einberufungsgebäude zu verursachen
Egor Balasejkin aus der Nähe von St. Petersburg musste seinen 18. Geburtstag am 4. August hinter Gittern erleben. Der aus einer pro-putinschen Familie stammende ausgezeichnete Schüler, hatte versucht mit einem selbstgebastelten Molotow-Cocktail ein Einberufungsgebäude zu schädigen, diese löste jedoch keinen Brand aus. Hierfür wurde er im November l.J. zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Mutter erzählt in einem Interview, was Egor dazu gesagt hatte: „Wenn ich das nicht getan hätte, hätte ich mich wahrscheinlich erhängt, weil ich nicht mit dieser Schwere in meiner Seele gehen kann, wenn ich sehe, wie viele Menschen sterben.“

Ljubow Lizunowa, 17, Alex Sneschkow, 19, Tschita, 3,5 Jahre und 6 Jahre für Graffiti
Die 17jährige Ljubow Lizunowa und ihr 19jähriger Freund Alex Sneschkow haben in ihrer Stadt Tschita knappe 5000 km von Moskau entfernt, Antikriegs-Graffiti gesprüht. Dafür erhielt sie 3,5, und er 6 Jahre Haftsstrafe.

Maksim Lipkam, Moskau, 19 Jahre, in Zwangspsychiatrie; Urteil steht aus, Teilnahme an und Organsiation von Demonstrationen gegen den Krieg
Auch der Moskauer Antikriegsaktivist der ersten Stunde, Maksim Lipkan, musste seinen 19. Geburtstag im Februar d.J. hinter den Gittern der Gefängnispsychiatrie verbringen. Er wurde kurz nach seinem 18 Geburtstag verhaftet, nachdem er in einem Interview mit Radio Liberty unter anderem sagte: „Ich erfuhr am 24. Februar um 5 Uhr morgens vom Krieg. Ich war wach, ich sah die Nachrichten über den Krieg und dachte, was für ein Kriegsverbrecher Putin war…“

Wladislaw Sosedko, Moskau, 18 Jahre, online Bewerbung für RDK, Urteil ausstehend
Auch Wladislaw Sosedko wurde kurz nach seinem 18. Geburtstag in Moskau festgenommen und wegen Vorbereitung eines „Staatsumsturzes“ angeklagt. Er hatte sich zuvor noch als Minderjähriger im Internet scheinbar für den Beitritt zum Russischen Freiwilligenkorps (RDK) und zur Legion der Freiheit Russlands interessiert. In welcher Haftanstalt sich der Junge derzeit befindet, ist nicht bekannt.

Daniel Efimow, Rostow am Don, 19 Jahre, 12 Jahre Gefängnis, Spenden für ukrainische wohltätige Vereine im Wert von 130 Euro
Der ukrainestämmige Daniel Efimow aus Rostow am Don wurde im Dezember 2023 am Flughafen in Wolgograd festgehalten. Er hatte in Wolgograd ein Studium der Psychologie begonnen. Man hatte auf seinem Handy Überweisungen an wohltätige ukrainische Hilfsorganisationen im Gesamtwert von umgerechnet 130 Euro entdeckt. Im Februar 2024 verbrachte man den Jungen in Untersuchungshaft nach Rostow, wo er im Keller mit 16 anderen Ukrainern in einer 10-Betten-Zelle untergebracht ist und sich einmal im Monat waschen darf. Hier erlebte er seine 19. Geburtstag. Vor einem Monat erhielt er nun sein Urteil: 12 Jahre Gefängnis. Die meisten von ihnen sind Bewohner der besetzten Gebiete. Sein Bruder berichtet über ihn in einem Interview: „Er ist erstaunlich glücklicher als wir alle. Er sagt, dass er im Gegenteil mit dieser Lektion zufrieden ist, dass er dabei Gott gefunden hat. Endlich habe er verstanden, was er im Leben brauche…“

Daria Kosyrewa, St. Petersburg, 19 Jahre, Zwangspsychiatrie, Urteil ausstehend, künstlerisch-philosophische Antikriegsaktionen
Daria Kosyrewa, die wohl bekannteste der jungen politischen Gefangenen Russlands, die St. Petersburger Medizin-Studentin wurde schon mit 17 Jahren politisch verfolgt. Am 7. Oktober wird sie ihren 19. Geburtstag hinter den Gefängnismauern in der Psychiatrie verbringen, wohin man sie im Juli letzten Monats nach Medienangaben eingewiesen hat. Sie hatte ein Gedicht an ein ukrainisches Denkmal geheftet und mehrere Male Antikriegsgedanken in künstlerischer und philosophischer Form umgesetzt. Wegen dieser „Wiederholungstaten“ wurde sie im Februar 2024 inhaftiert.

Valeria Sotowa, Jaroslawl, 21 Jahre, 6 Jahre Gefängnis, mündliche –nicht umgesetzte-Zusage eines Brandanschlags auf Militärverwaltungsgebäude
Valeria Sotowa hat kürzlich ihren zweiten Geburtstag hinter Gefängnismauern in Kostroma verbracht. Am 28. Juni 2023 wurde sie wegen „Vorbereitung eines terroristichen Akts“ zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt. Offensichtlich war sie als aktive Kriegsgegnerin in eine Falle des Geheimdienstes gelaufen. Sie ist am 4. September 21 Jahre alt geworden. An ihrem 20. Geburtstag war ihre Mutter mit einem Megaphon um das Gefängnis herumgegangen, hatte vergeblich versucht, ihrer Tochter ein Geburtstagslied zu singen. Valeria berichtet von schweren Haftbedingungen, eine Zellengenossin hatte sich im letzten Jahr in Einzelhaft erhängt.

Juri Michejew, Lobna, 18 Jahre, Urteil ausstehend, befand sich auf Militärgebiet
Juri Michejew befindet sich nunmehr seit fast einem Jahr in Moskauer Untersuchungshaft, seit er Anfang November letzten Jahren auf einem Militärgelände festgenommen und wegen der Vermutung eines geplanten Sabotageakts angeklagt wurde.
Leave A Comment