Oleksandra Matviichuk

JHV 2026 Matviichuk

Wir müssen den Kreislauf der Straflosigkeit durchbrechen“

Bonn, 11. April 2026

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, meine Damen und Herren, 

Mein Name ist Oleksandra Matviichuk. Ich bin Menschenrechtsanwältin. Ich dokumentiere Kriegsverbrechen in diesem Krieg, den Russland gegen die Ukraine begonnen hat. Es ist mir eine Ehre, vor diesem Publikum zu sprechen. 

Als der Krieg ausbrach, haben wir uns mit Dutzenden Organisationen aus verschiedenen Regionen zusammengeschlossen. Wir haben ein landesweites Netzwerk lokaler Dokumentarfilmer aufgebaut. Wir haben das ganze Land bereist, einschließlich der besetzten Gebiete. Und durch Zusammenarbeit haben wir gemeinsam über 100.000 Kriegsverbrechen dokumentiert.  

Die auf Video aufgezeichnete Rede von Oleksandra Matviichuk

Während dieser Krieg Menschen in bloße Zahlen verwandelt, geben wir ihnen ihre Namen zurück. Denn Menschen sind keine Nummern. Und das Leben jedes Einzelnen zählt. 

Ich möchte das anhand einer Geschichte veranschaulichen. Dies ist eine Geschichte von dem 62-jährigen Zivilist Oleksandr Schalipow. Er wurde in der Nähe seines Hauses getötet. Diese Tragödie löste ein enormes Medieninteresse aus, weil dieser russische Soldat verhaftet wurde und es war das erste Gerichtsverfahren seit dem Beginn des Krieges. Im Gerichtssaal hörte ich seine Frau Kateryna. Seine Frau Kateryna teilte mit, dass ihr Mann ein ganz normaler Landwirt war. Aber er war ihre ganze Welt. Sie teilte dem Richter mit, dass sie nun alles verloren habe. 

Das ist die Bedeutung von Gerechtigkeit. Dass wir untersuchen, was mit einem gewöhnlichen Landwirt in einem kleinen Dorf in meinem Land passiert ist.  Wir tun dies unabhängig davon, wer diese Leute sind, was ihre soziale Position ist, welche Art von Verbrechen sie erlitten haben, und ob Medien oder internationale Organisationen an ihrem Fall interessiert sind. Weil das Leben jedes einzelnen Menschen zählt. All diese Gräueltaten, die wir in der Ukraine erleben, ist ein Ergebnis völliger Straffreiheit, die Russland jahrzehntelang genossen hat. 

Russland hat schreckliche Verbrechen begangen in Tschetschenien, in Moldawien, in Georgien, in Mali, in Libyen, in Syrien und in anderen Ländern der Welt. Russland wurde nie bestraft. Sie glauben, sie können alles tun, was sie wollen. 

Wir müssen diesen Kreislauf der Straflosigkeit durchbrechen. Wir müssen Gerechtigkeit walten lassen. Nicht nur für die Menschen, die bereits unter dem russischen Krieg gelitten haben, sondern auch einen anderen Angriff auf ein weiteres Land zu verhindern. 

Ironischerweise wurde Trumps Jahr der Friedensverhandlungen wurde zum tödlichsten Jahr für die ukrainische Zivilbevölkerung. Laut UNO ist die Zahl der Getöteten und verletzten Zivilisten ist um 31% gestiegen im Vergleich zu dem Jahr davor. Dafür gibt es einen Grund: Wir haben die menschliche Dimension in politischen Angelegenheiten aus den Augen verloren. In den letzten Monaten haben wir viel über natürliche Mineralien, Russlands Gebietsansprüche, geopolitische Interessen, sogar über Putins Vision der ukrainischen Geschichte gehört. Aber wir hören nicht viel über die Menschen. Und das ist nicht in Ordnung.  

Wir wissen immer noch nicht, was mit den Zehntausenden ukrainischen Kindern passiert, die von ihren Familien getrennt und illegal nach Russland deportiert wurden, in russische Umerziehungslager eingewiesen wurden, in denen man ihnen einredet, dass sie keine Ukrainer sind, sondern russische Kinder. Man sagt ihnen, dass ihre Familie, ihre Eltern sie verstoßen haben und sie von russischen Familien adoptiert werden, die sie als Russen erziehen werden.  

Was wird mit den Zehntausenden illegal inhaftierten ukrainischen Zivilisten, Männern und Frauen, sowie Kriegsgefangenen, die grausamer Folter und sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind, geschehen? 

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Oleksandra Matviichuk bei der Jahresversammlung 2026 / Foto: Sajedeh Jalali (IGFM) 

Ich persönlich habe Hunderte von ihnen interviewt. Sie erzählten mir, wie sie geschlagen, vergewaltigt, in Holzkisten eingesperrt, wie ihre Finger wurden abgeschnitten, ihre Nägel nach außen gedreht und durchbohrt wurden. Eine Frau erzählte mir, wie ihr das Auge mit einem Löffel herausgezogen wurde.  In Anbetracht dieser Details ist mir klar, dass ein Teil dieser Menschen keine Chance hat, bis zum Ende der Friedensverhandlungen am Leben zu bleiben.  

Wenn Politiker über besetzte Gebiete diskutieren, reden sie darüber wie über leerstehende Gebiete. Aber es tut mir leid. Diese Gebiete sind nicht leer. Millionen Ukrainer leben unter russischer Herrschaft in der Grauzonen. Sie haben keine Mittel, um Ihre Rechte, ihre Freiheit, ihr Eigentum, ihr Leben, ihre Kinder, ihre Angehörigen zu verteidigen. 

Und die russische Besatzung verändert nicht nur von einer Staatsflagge zur anderen. Russische Besatzung bedeutet Zwangsverschwinden, Folter, Vergewaltigung, Verleugnung der Identität, Zwangsadoption der eigenen Kinder, Filtrationslager und Massengräbern. Das ist die russische Besatzung. Wir müssen menschliche Dimensionen in den politischen Prozess zurückgeben. Ohne menschliche Dimension werden wir niemals einen Weg zu nachhaltigem Frieden finden.

Die wichtigste Lektion, die wir aus all diesen Tragödien gelernt haben, lautet: Das Volk hat die Macht. Wir sind es gewöhnt, in Kategorien von Großmächten, Staaten, zwischenstaatlichen Organisationen zu denken. Aber normale Menschen haben einen viel größeren Einfluss, als sie sich überhaupt vorstellen können. Ganz normale Menschen können Außergewöhnliches bewirken und die Geschichte verändern. 

Unsere Zukunft ist nicht nur ungewiss. Es ist auch nicht vordefiniert. Und Hoffnung ist keine Garantie dafür, dass alles gut wird. Hoffnung beinhaltet die Zuversicht dafür, dass all unsere Anstrengungen von großer Bedeutung sind.

Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen.