Die historische Entwicklung von zwei gegensätzlichen Erzählsträngen in (der) Ukraine am Beispiel von Galizien und Donbass

Dr. phil. Carmen Krusch-Grün, Juli 2019

 

Inhaltsverzeichnis

 

  1. Einleitung – Der Krieg in der Ostukraine, die größte humanitäre europäische Katastrophe des jungen 21 Jahrhunderts.

1.1. Ukraine – Die Riesin zwischen Ost und West

1.2. Machtkämpfe ausgepeitscht auf ihrem breiten bäuerlichen Rücken.

  1. Generationen vor dem Ersten Weltkrieg: Mit einem Fuß im Wiener Parlament, mit dem anderen auf wilder Steppe.

2.1. Westlicher Ukraine Zipfel im „Kaiserin Sissi-Land“ – Galizien.

2.2. Zwischen Zuckerbrot und Peitsche.

2.2.1. Die Peitsche.

2.2.2. Das Zuckerbrot

2.3. Jüdische Fluchtburg, im 18 Jhd leben 80% aller Juden weltweit im Osten.

2.4. Galizische Ukraine – Zeitenwende innerhalb der zentraleuropäischen Hausmacht

2.4.1. Ukrainisch-galizische Feindbilder

2.5. Ostukrainischer Zipfel – der Donbass, wilde Steppe.

2.5.1. Kleinrussische orthodoxe Riesin?.

2.5.2. Die Riesin im Kosakenkleid.

2.5.3. Neurussland, Katharina die Große pflanzt sich auf die Riesin.

2.5.4. Zähmung des wilden Lands.

2.5.5. Donbass Kohle – die Fahrkarte für den Anschlusszug zum westlichem Europa.

2.5.6. Donbass- mortifiziertes Arbeitermoloch.

  1. Erster Weltkrieg: Ukrainischer West- und Ostzipfel im Urknall des jungen 20 Jhds.

3.1. Galizien. Lemberg – Eckpfeiler der österreichischen Ostfront

3.2. Ein Jahrtausend von Fürsten, Großfürsten und Zaren ist Geschichte.

3.3. Zaristische Ukraine: Einbeiniger Sprint nach vorn.

3.3.1. Klares Votum für Landverteilung und Selbstbestimmung.

3.4. Lenins Parteidiktatur – Gewalt und Terror gegen Selbstbestimmung.

3.5. Arbeitermoloch Donbass für Lenin.

3.6. Mittelmächte – junge Ukraine, Symbiose auf falschen Krücken.

3.7. Donbass – Der linke Fuß macht sich selbstständig.

3.8. Neunzehnhundertachtzehn – Deutsche Chauvinistenherrschaft in den Kriegswirren.

3.9. Galizische Ukrainer nach Abdankung Kaiser Karls I

3.9.1. Galizien – Der rechte Fuß steht wieder vor der Tür

3.10. Vereint und doch alleine.

3.10.1. Aufbäumen im freien Fall und schlimmste Kriegsauswüchse.

3.10.2. Die Riesin opfert ihr rechtes Bein.

3.10.3. Nationaler Befreiungskampf im Kriegschaos ohne Kämpfer

  1. Ende Weltkrieg I: Die Riesin schwer verwundet und wieder gefesselt

4.1. West- und zentralukrainische Nationalisten – Der Kampf geht weiter

4.2. Galizien in der Zweiten Polnischen Republik – In „pole position“ zum Weltkrieg II

4.3. Donbass – Motor der Sowjetdiktatur

4.4. Stalins Rache gegen die ukrainische Nationalbewegung – gezielter Hungertod von Abermillionen Ukrainern.

  1. Der Zweite Weltkrieg: Die Riesin zwischen Stalin und Hitler

5.1. Aufteilung Galiziens: Massenterror zwischen Roter Flagge und Hakenkreuz.

5.1.2. Freischein für die menschliche Bestie als Kriegswaffe.

5.1.3. Hinab in dunkelste Tiefen zentraleuropäischer Menschheitsgeschichte – Galizien im deutschen Generalgouvernement

5.2. Der Russlandfeldzug in der Ukraine – Holocaust der Kugeln.

5.2.1. Inkorporation der Ukraine in den deutschen Holocaust

5.3. Donbass – Massenflucht vor faschistischer Monsterwelle.

5.4. Distrikt Galizien: Hitlers Generalgouvernement, Zentrum des Holocaust

5.5. Hunger – Stalins und Hitlers billige Tötungswaffen.

5.6. Ostgalizien- Maschinerie zur Leichenschändung der meisten jüdischen Massengräber in Europa.

  1. Ende Zweiter Weltkrieg: Roter Deckmantel über die ausgeblutete Riesin.

6.1. Ostgalizien fällt in stählerne Hände Stalins, der Widerstand geht weiter

  1. Eine neue Weltära beginnt – Stunde Null

7.1. Teilung Europas – Kaugummi vs. Molotow-Cocktail

  1. Der Zerfall des Sowjetimperiums, die Riesin darf aufstehen und taumelt

8.1. Schweres Gewicht: Alt- und Neulasten auf dem Rücken der taumelnden Riesin.

8.1.2. Neuer Präsident der Mitte, Aufstiegschance der Riesin.

 

  

Die historische Entwicklung von zwei gegensätzlichen Erzählsträngen in (der) Ukraine am Beispiel von Galizien und Donbass

 

1. Einleitung – Der Krieg in der Ostukraine, die größte humanitäre europäische Katastrophe des jungen 21 Jahrhunderts.

 

„Wir sind nichts weiter als Aussätzige. Wir werden von den Menschen auf der anderen Seite geächtet und keiner weiß von der Hölle, durch die wir gehen.“ (Zitat eines ukrainischen Rentners aus Donezk)

 

Ein 2019 ins sechste Jahr gehender Krieg im zweitgrößten Land Europas, im Osten der Ukraine mit 13 000 Toten, 25 000 Verwundeten, weit über 1,5 Million Flüchtlingen. Mit an die 4 Millionen Zurückgebliebenen, Alleingelassenen, Urgroßvätern und Urgroßmüttern, deren Kinder und Kindeskinder. Osteuropäische Bürger, ignoriert von westeuropäischen Bürgern, völlig verlassen inmitten des Traumas von Kriegszerstörung und Kriegsgräueln.[1]

Sollten wir uns als Europäer nicht zumindest etwas genauer mit diesem Krieg und unseren europäischen Mitbürgern in der Ukraine beschäftigen? Versuchen, an der Linderung der humanitären Katastrophe beizutragen und Lösungswege zur Beendigung des Krieges zu unterstützen?

Im Schlachtfeld zwischen Hitler und Stalin durchlebte die Ukraine einen quantitativen und qualitativen Höhepunkt an Kriegsgräueln der europäischen Weltgeschichte und wurde im Anschluss, Teil dessen größten staatspolitischen geschlossenen Experiments, das Europa in zwei Teile schnitt. Den „sozialistischen“ und den der „freien Marktwirtschaft“. Zwischen ca. einer halben Milliarde Europäern, wurde ein „Eiserner Vorhang“ aufgebaut, hinter dem die Ukraine als Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ganze 70 Jahre verschwand und nun seit mittlerweile fast 30 Jahren wieder hervorlugt.

Problemlos erreicht man heute bspw. von Berlin in 2 Stunden Flugstunden Kiew, die historisch faszinierende Hauptstadt am drittgrößten Fluss Europas, dem Dnepr. Ist in derselben Zeit von Wien nach Odessa, an die „Riviera des Ostens“, geflogen. Bedeutende jahrhundertelange europäische Großstädte, deren Besichtigung nicht nur das Herz eines Historikers höherschlagen lässt.

Doch während vor 30 Jahren das westliche Interesse und die Begeisterung für die Öffnung des Eisernen Vorhangs, für die Perestroika Michail Gorbatschows, dessen Mutter übrigens auch Ukrainerin war, noch riesig war, so ist es heute völlig abgeflacht.

Dafür gibt es zahlreiche nachvollziehbare Gründe, einer davon ist, dass wir kein Empfinden mehr dafür haben, wie nahe wir mit diesen Europäern verbunden sind, wie tief miteinander verwoben, über wie viele Jahrhunderte wir gemeinsam durch Höhen und tiefste Abgründe der europäischen Geschichte gegangen sind.

Im Folgenden möchte ich deshalb versuchen, anhand der geschichtlichen Skizzierung zweier sich gegenüberliegender Landeszipfel der heutigen Ukraine, etwas von diesem gemeinsamen europäischen Bewusstsein wachzurütteln und vor allem den Millionen Europäern, die sich nun im sechstem Jahr durch das unsägliche Leid eines Krieges winden, ein Gesicht verschaffen.

 

1.1. Ukraine – Die Riesin zwischen Ost und West

 Die Ukraine ist das zweitgrößte Land Europas. Sie grenzt nördlich an Weißrussland und von ihrem nordwestlichen Zipfel sind es ca. 500 km Luftlinie bis zur Ostsee. Ca. 1000 km weiter südlich ist sie umgeben vom Schwarzen Meer, das auf der gegenüberliegenden Seite an den Norden der Türkei grenzt, wo es weiter über den Bosporus in die Ägäis und zum Mittelmeer führt. In einer großen Ostkurve, geteilt von dem drittgrößten Fluss Europas, dem Dnepr. Westlich beugt sie sich in Nordsüdrichtung nach Polen, in die Slowakei, nach Ungarn, Rumänien und Moldawien. In dieser Beuge bildet sie den ukrainischen Teil des mitteleuropäisch bestimmenden Gebirgssystems der Karpaten, wo geographisch die Mitte Europas verordnet werden könnte. Ca. 1300 km weiter östlich verläuft ihre gesamte Flanke mit weit über 2000 Kilometern von Norden bis Süden entlang des größten Landes der Welt, Russlands, wo sie im Asowschen Meer abschließt, in das der viertlängste Fluss Europas, der Don, mündet, der wiederum mit dem größten Fluss Europas, der Wolga, verbunden ist und so eine weitere Anbindung zur Ostsee sowie zum Kaspischen Meer besteht.

 

1.2. Machtkämpfe ausgepeitscht auf ihrem breiten bäuerlichen Rücken

 Auf ihrem breiten bäuerlichen Rücken, zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, zwischen West- und Osteuropa, an den weiten Ufern Europas drittgrößten, verschlungenen Flusses, des Dnepr, mit großen Wasseradern zu Mittelmeer, Kaukasus und dem Nahen Osten, wurden seit Beginn unserer Zeitrechnung gesamteuropäisch und weltweit entscheidende Machtkämpfe ausgetragen. Und „während Stalin und Hitler gleichzeitig an der Macht waren, starben mehr Menschen in der Ukraine als irgendwo sonst … in Europa oder auf der Welt“.[2]

Machtkämpfe von Großmächten aus dem Süden heraus, angefangen mit dem Römischen, gefolgt von dem Byzantinischen und Osmanischen Reich. Im Norden von den Normannen, nordisch-slawischen Fürstentümern, der großen Litauischen Herrscherdynastie. Von Osten stets vom Russischen Reich, aber auch von den Mongolen, aus dem Nordwesten vom Polnischen Reich bzw. von der Polnisch-Litauischen Herrscherdynastie und aus dem Westen auch von der Habsburger K u. K. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, dem deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik und was wir natürlich alle wissen, Hitler-Deutschland.

 

2. Generationen vor dem Ersten Weltkrieg: Mit einem Fuß im Wiener Parlament, mit dem anderen auf wilder Steppe

 

2.1. Westlicher Ukraine Zipfel im „Kaiserin Sissi-Land“ – Galizien

 Was allein schon Viele heute nicht mehr wissen, ist, dass der westukrainische, sich in die Karpaten beugende Teil, um die Stadt Lemberg (heute Lwiw), zusammen mit dem südlichen Kleinpolen östlich von Krakau, von der ersten Teilung Polens 1772 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, das östlichste Kronland der Habsburger Monarchie stellte. Das Kronland Galizien, das im Übrigen nichts zu tun hat mit dem gleichnamigen spanischen Galizien. Dieser Teil der Ukraine gehörte also zu Österreich-Ungarn, oder ganz trivial für die „Sissifilm – Liebhaber“ gesagt, zu „unserem Kaiser Franz und seiner Sissi“. Und schon zuvor gehörte dieses ukrainische Gebiet über 4 Jahrhunderte zur Polnischen (Litauischen) Herrscherdynastie. Dieser Teil der Ukraine stand also nie wirklich unter dem Herrschaftsgebiet des russischen Zaren und wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von der Roten Armee, der schon fast 30 Jahre existierenden Sowjetmacht, von Josif Stalin, erkämpft.

 

2.2. Zwischen Zuckerbrot und Peitsche

 Der Großteil der heutigen Ukraine (ca. 80 %), war in der Ära der Feudalherrschaft in der Hand der russischen Monarchie. Insofern befanden sich alle Ukrainer (über 22 Million auf zaristischer und ca. 4 Million auf Habsburger Seite[3]), die allesamt zum absoluten Großteil aus armen unfreien Feldbauern bestanden, unter Fremdherrschaft großer europäischer Herrscherdynastien. Einen eigenen Staat gab es bis dato nicht, wenn auch die ukrainischen Kosaken (Hetmanat, 17-18 Jhd) Vorstufen eines solchen erkämpft hatten.

 

2.2.1. Die Peitsche

 Doch gab es wesentliche Unterschiede zwischen den Fremdherrschern für die Ukrainer. In Russland betrachtete man sie gar nicht als eigene Nation, sondern als Zugehörige des eigenen slawischen Volksstamms. Es waren „kleinrussische Bauersleute“, die das westliche russische Grenzland (russ.:  U kraine – an der Grenze) zur nächsten Herrscherdynastie hin bewohnten und deren Sprache man als russischen Dialekt betrachtete, der durch die lange Zeit der polnischen Besetzung verdorben sei[4].

Aus russischer Sicht durchaus historisch begründet, entstammt das russische Großfürstentum doch der Kiewer Rus und war das russische Adelsgeschlecht eng verwoben auch mit dem ukrainischen. Natürlich ist auch eine slawische Verwandtschaft nicht zu verneinen. Doch selbstverständlich war dies vor allem die imperialistische Betrachtung einer europäischen Feudalgroßmacht, für die Bauern an sich keine rechtliche Identität besaßen, und die sich an ihrer westlichen Angriffsfläche ein luxuriöses Puffer-Schlachtfeld gönnte. Zudem sind die Adelsverquickungen durch eine bewusste Aufstiegsassimilation[5] der kleinen Gruppe der ukrainischen „upper class“ entstanden.

Ukrainer, die diesen imperialen Druck als solchen empfanden und ihre eigene Identität,-die sich vor allen in ihrer Sprache und Kultur, in ihrer Zugehörigkeit zur unierten ukrainischen orthodoxen Kirche, aber auch in dem gemeinsamen Feindbild ihren Fremdherrschern gegenüber, ausdrückte-, nicht in dem Russischen Großreich verlieren wollten, wurden vor diesem Hintergrund als Volksverräter betrachtet, Aktivisten gar verfolgt und verbannt. Ende des 19 Jhd kam er zu restriktiven Gesetzen gegen die ukrainische Sprache und Literatur[6].

 

2.2.2. Das Zuckerbrot

 Zwar befanden sich auch die ukrainischen Bauern des österreich-ungarischen Galiziens (Ruthenen) unter Fremdherrschaft, doch verstand man sie hier keineswegs als Zugehörige des eigenen Volkstammes. Dennoch waren sie auch hier nur die breite Unterschicht[7] in einer hinzugewonnenen strategisch bedeutenden Nord-Ostfront, die man nun mit verschiedenen Anreizen für die „Seinigen“ zu besiedeln und auszubauen suchte. Mit dem Anreiz von vollkommener Gewissens- und Religionsfreiheit, holte man bspw. gezielt deutsche protestantische Handwerker ein[8].

 

2.3. Jüdische Fluchtburg, im 18 Jhd leben 80% aller Juden weltweit im Osten

 Vor allem siedelte sich eine weitere Welle von Menschen jüdischen Glaubens an, die mehr und mehr ihrer stetig zunehmenden zentraleuropäischen Unterdrückung gen Osten entflohen.[9] Denn schon seit dem 13 Jhd. boten ihnen Fürsten des Polnisch-Litauischen Reiches Privilegien, die es für sie sonst nirgendwo in Europa gab. Hier liegen die Wurzeln dafür, dass dort im 18. Jahrhundert 80 Prozent[10] aller Juden und noch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs fast 40 Prozent aller Juden weltweit, in Osteuropa (vor allem in Polen, dem Baltikum, Weißrussland und der –heutigen- Ukraine) lebten.[11]

So entwickelten sie sich auch in Galizien, dem völkerreichsten Kronland der österreichischen Doppelmonarchie, mit über 10 Prozent[12] zur einzigen größeren Bevölkerungsgruppe, neben den beiden Hauptgruppen von Polen und Ukrainern. Da sie sich vor allem in Städten ansiedelten, lag ihr prozentualer Anteil dort wesentlich höher, so stellten sie in der damals drittgrößten Stadt Galiziens (Brody) beispielsweise mit 80 Prozent die absolute Mehrheit.[13]

 

2.4. Galizische Ukraine – Zeitenwende innerhalb der zentraleuropäischen Hausmacht

 Die galizischen Ukrainer, mit einem Anteil von über 15 Prozent an der damaligen ukrainischen Gesamtbevölkerung, erlebten nun die große Zeitenwende des ausgehenden 18 Jhd bis zu Beginn des 20 Jhd innerhalb der „zentraleuropäischen Hausmacht“. Eine Zeit, in der das jahrhundertelang währende System der Feudalherrschaft in Frage gestellt und nach neuen staatspolitischen Konzepten gesucht wurde.

Während die Habsburger Monarchie längst mit Machtdezentralisierung und Modernisierung versuchte, Druck aus der antifeudalen Bewegung zu nehmen, zog die russische Monarchie die Schraubzwingen weiter an.

So wurden die galizischen Bauern schon 1781 mit dem Untertanenpatent des österreichischen Kaisers Joseph II erstmals als Rechtssubjekte innerhalb eines Staatengebildes anerkannt, wurde ihnen bestimmte Grundrechte zugesprochen und vor allem ihre Leibeigenschaft aufgeboben, in Russland geschah dies erst 1861.

Die Städte Galiziens, allen voran Lemberg, wuchsen und gediehen zur kulturellen Blüte, näherten sich mehr und mehr ihrem Wiener Vorbild an, es bestand mit der ersten österreichischen Dampfeisenbahn, der Kaiser Ferdinand Nordbahn[14], eine rege, schnelle Verbindung (über Schlesien, Mähren, Böhmen) nach Wien.

Aufgrund der politischen Freiheiten, die Galizien im Gegensatz zur russisch beherrschten Ukraine bot, entwickelte sich seine Hauptstadt Lemberg zur Oase für ukrainische Nationaldenker. Es entstanden ukrainische Literaturkreise, Zeitungen, Diskussionsklubs, es wurden politische Vertreter gewählt, die in Regionalparlamenten sowie in Wien ukrainische Interessen vertraten.[15]

Dennoch waren den Entfaltungsmöglichkeiten Grenzen gesetzt. Der polnische Adel, der um die Überbleibsel seines geteilten Königreichs kämpfte, konnte in Galizien bei den Habsburgern mehr und mehr Rechte durchsetzen und erhielt 1873 vollständige Autonomie unter polnischer Führung und damit praktisch freie Hand für sein rigoroses Polonisierungsbestreben. So wurde in Galizien, obgleich der Anteil der Polen von ca. 45%[16] gleich dem der Ukrainer war, die polnische Sprache als Schul- und Amtssprache eingeführt. Auch wurde in der Praxis ihre neu erlangten Rechte von den Gutsherren immer wieder umgangen[17], wurden ebenso wie auf zaristischer Seite entmenschlicht und wie Sklaven gehalten.

Insofern profitierte der Großteil der galizisch-ukrainischen Bevölkerung, also die Bauern, nicht von der modernen Entwicklung, im Gegenteil, es zeigte sich ihnen angesichts des neuen Glanzes der Städte, wie schäbig ihre eigene Hütte doch war.

 

2.4.1. Ukrainisch-galizische Feindbilder

Zu dem Feindbild gegenüber den Russen und ukrainischen Vertretern der kleinrussischen Identität, kristallisierte sich eine Welt, in der sich die zwei galizischen Hauptbevölkerungsgruppen, die Ukrainer und die Polen, immer feindlicher gegenüberstanden und in der beide die dritte Hauptgruppe, die Juden, mitverantwortlich für ihre jeweiligen Probleme machten.

Doch obgleich es auf der Straße und bei Demonstrationen situativ immer wieder und immer mehr zu Gewaltakten kam, spielte sich der Kampf doch vorwiegend mit den ihnen schon zur Verfügung stehenden Mitteln politischer Partizipation statt.[18] In dieses äußerst angespannte nationale Zweifrontengemisch durchtränkt von einem gemeinsamen, jüdischen Feindbild[19], platzte nun der Urknall des 20. Jhd, der Erste Weltkrieg.

 

2.5. Ostukrainischer Zipfel – der Donbass, wilde Steppe

 Wie sah es zu dieser Zeit an dem gegenüberliegenden Zipfel, 1300 km weiter westlich in der zaristischen Ukraine aus? Im Donbass?

Der Donbass liegt zwischen den Strömen Dnepr und Don in der östlichsten Ausbeugung der mittigen Ukraine, in einer russischen Rechtsklammer. Die südliche Grenze bildet für beide Grenzen das Asowsche Meer, eine Ausbuchtung des Schwarzen Meeres.

In der Nähe zur Krim, zum Schwarzen Meer, war es in seiner damals offenen Geographie ein kaum besiedeltes Steppengebiet, das eher als Durchgangsland für Kämpfe mit dem osmanischen Reich fungierte. Rückzugsraum für geflohene leibeigene Bauern aus der polnischen und auch russischen Monarchie und dem daraus entstandenen freien Reitervolk der Kosaken, die zum Teil von beiden Monarchien als Grenzschützer oder Kampftruppen eingesetzt wurden. Es wurde daher auch als „Wildes Land“ (dikoje strano) bezeichnet.

 

2.5.1. Kleinrussische orthodoxe Riesin?

 Schon früh in der Geschichte galt das besiedelte Gebiet nördlich des „Wilden Landes“ im russischen Zarenreich und darüber hinaus offiziell als „Kleinrussland“. So spricht das griechische Byzanz in seinen mittelalterlichen Kirchenunterlagen schon von Kleinrussland und unterscheidet damit das Gebiet westlich von „Großrussland“.

Dieser Begriff gewann mit dem geschichtlichen Großereignis der Kirchenunion von Brest 1596 wieder an Bedeutung. Hier schlossen der Römische Papst und der Polnische König ein Bündnis und die Kirchen Gesamt-Polens (mit der heutigen Ukraine) waren somit nicht mehr Konstantinopel, sondern Rom unterstellt. Den Ukrainern wurden einige Sonderrechte der Beibehaltung von eigenen Vertretern und kirchlicher Riten gewährt, es entstand die „ukrainisch unierte katholisch-orthodoxe Kirche“.

Das große Moskauer Kirchenpatriarchat verurteilte dieses Bündnis der „polnisch-litauischen Besetzer“, sah seine Kirche als dreieinige Kirche, zu der Weißrussland, die Ukraine und Russland als Glaubensgemeinschaft mit gleichen Wurzeln gehören. Die „völkische Bindung“ dieser gesamtrussischen, dem Russischen Kaiserreich zugehörigen Identität, wurde vom Kiewer Erzbischof Prokopowitsch 1674 in seinem Werk „Kiewer Synopsis“ herausgearbeitet und im 18 Jhd zu dem auf russischen Gebiet meist verbreiteten Geschichtsbuch[20]. In dieser „großen“ völkischen Symbiose, findet sich die „kleinrussische“ Identität, die sich nicht nur in Großrussland, sondern auch westlich von Russland, oder auch oft als linksufrig des Dnepr bezeichnet, sowie weit darüber hinaus, stark ausprägte.

Ende des 19 Jhd veröffentlichte der in Lemberg lehrende Historiker Michail Sergejewitsch Chruschewski ein zehnbändiges Pendant dieser geschichtlichen Auffassung, indem er die Geschichte der Ukraine aus eigenständiger, separater, völkischer Sichtweise betrachtete. Chruschewski wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum Präsidenten der Ersten Ukrainischen Volksrepublik gewählt[21] und ist vor diesem Hintergrund ein heute allgegenwärtiger Nationalheld, ziert Briefmarken, Büsten oder wissenschaftliche Gebäude mit seinem Antlitz.

 

2.5.2. Die Riesin im Kosakenkleid

 Westlich des „wilden Lands“, an der damaligen östlichen Grenze (der Ukraine aus polnischer Sicht) der führenden Herrscherdynastie Polen-Litauens, flohen immer mehr Bauern aus der sklavischen Leibeigenschaft und gliederten sich in die verschiedenen regionalen Freibeuterverbände ein.[22] Somit wuchs deren Heereskraft, mit der sie den Einflussbereich ihrer vorstaatlichen Gebilde ausweiten konnten. In ihrem Kampf gegen ihre Unterdrücker und ihrer Nähe zur Kiewer Position der dreieinigen Orthodoxie wurden sie zu deren Verteidiger. Ihr Feindbild wurden die polnischen Adeligen, deren römischer Katholizismus sowie die damit vereinte ukrainisch-unierte Kirche als auch die Juden, die man als Handlanger des polnischen Adels empfand.

So propagierte der Kosakenführer (Hetman), der erstmals mit Hilfe des Krim-Khanats große Landgewinne gegen die Polen in der Ukraine erzielen konnte, der Hetman Bohdan Chmelnyzkyj (1595-1657), dass er „als unabhängiger Herrscher das ganze Volk der Rus von den Polen befreien … und für den orthodoxen Glauben kämpfen werde“.[23] Den Befreiungskämpfen fielen vor diesem Hintergrund auch Zehntausende Juden durch Pogrome zum Opfer, die ersten dieses Ausmaßes in Europa. Für die Bekämpfung der polnischen Großmacht und die Erlangung der Autonomie eines eigenen ukrainischen Kosakenstaates verbündete sich Chmelnyzkyj mit dem Moskauer Zaren und leistete ihm 1654 den Treueeid. Seit dieser Zeit führte der russische Zar die Bezeichnung „Kleinrussland“ (Malaja Rossija) mit im Titel. Mit russischer Unterstützung entstand so ein Herrschaftssystem der Kosaken (Hetmanat), das den Großteil der heutigen Ukraine umfasste, allerdings alsbald unter der polnischen und russischen Herrscherdynastie, links- und rechtsufrig des Dneprs aufgeteilt wurde und so nie volle Autonomie erlangte. Linksufrig verdiente man sich als militärische Unterstützung für den russischen Zaren und rechtsufrig für den polnischen König. Ende des 17 Jhd gab es unter dem ukrainischen Kosakenführer Iwan Mazepa noch ein letztes Aufbäumen in Richtung Autonomie, nach ehemaliger Freundschaft mit Zar Peter dem Großen, verbündete er sich mit dem schwedischen König gegen das russische Zarenreich, musste dann nach verlorenem Kampf fliehen. Dennoch prägte diese Kosakenzeit weit über hundert Jahre das Leben der heutigen Ukraine und wird von ihr auch heute im heroischen Glanz allgegenwärtig aufpoliert. So bspw. heißt es in der Nationalhymne, „Wir werden zeigen, dass wir eine Nation von Kosaken sind“, zieren Chmelnyzkyi und Mazepa die Geldscheine, werden Heldenstatuen errichtet oder Straßen und Plätze nach ihnen benannt.

 

2.5.3. Neurussland, Katharina die Große pflanzt sich auf die Riesin

 Das Ende des ukrainischen Kosakenstaates, die späte zweite Hälfte des 18 Jhs, war die Zeit, die die russische Kaiserin Katharina II, zur Katharina der Großen machte, in der sie sich im Westen mit der Preußischen und Habsburger Monarchie nach und nach Polen aufteilte und im Süden große Siege gegen das Osmanische Reich erzielte, die Krim einnahm, und dadurch das „Wilde Land“ zähmte. Ihr Feldmarschall, Fürst Potjomkin wollte für sie dieses Steppenland in blühende Dörfer verwandeln. Die Anekdote der „Potjomkischen Dörfer“ stammt von hier.

In dem offiziell nun als Neurussland bezeichneten Gebiet, reichte der östliche Teil der untergeordneten Provinz Jekaterinoslaw mit der gleichnamigen Hauptstadt des Gouvernements Neurusslands (später Dnepropetrowsk, seit 2016 Dnipr), bis in den heutigen Donbass. Gemeinsam mit dem österreichischen Kaiser Franz II wurde die Errichtung der Stadt Jekaterinoslaw 1776 hochfeierlich begangen, sie sollte das „St. Petersburg des Südens“[24] werden.

 

2.5.4. Zähmung des wilden Lands

 Zur Zähmung und Russifizierung des Gebiets bediente man sich dem verbreiteten Usus der „Aufstiegsassimilation“[25]. Die „upper class“ wurde mit der Zuteilung von großem Landbesitz und zahlreichen Boni gelockt und die obere ukrainische Kosakenschicht in den russischen Adel erhoben. Die energische Massenansiedlung von Ausländern, die direkt zuvor noch mit den „Wolgadeutschen“ stattgefunden hatte, trat hier nicht mehr zutage, dennoch ging nach Katharinas Tod die Ansiedlungspolitik weiter, da man im rückständigen Russland auf ausländisches Investitionskapital und technisches Know-How angewiesen war, bevorzugte man neue Siedler, die etwas zu bieten hatten. Zu bereits bewährten Fürsorgeämtern für ausländische Aussiedler entstand nun auch das „Neurussland-Fürsorgekontor“, dessen Leitung dem französischen Herzog von Richelieu übertragen wurde und das 84 Kolonien mit 17000 Bewohnern umfasste.[26]

So war es auch ein Schotte, der im äußersten Osten Neurusslands, in dem ersten Eisenwalzwerk in Lugansk, die Kunst des Ausschmelzens von Roheisen vermittelte. Katharina hatte 1795 noch ein Jahr vor ihrem Tod, den Befehl „Über den Bau eines Walzwerkes im Donezker Kreis beim Flüsschen Lugani und über den Beginn des Abbaus der in dieser Gegend gefundenen Steinkohle“ erteilt und legte damit den Grundstein für die Industrialisierung des Donbass. Bis 1860 war der Donbass mit sechs Millionen Pud Jahresertrag (fast 100 000 t) bereits zur Kohlebasis des russischen Imperiums geworden; 81 Prozent der gesamten Fördermenge wurden hier abgebaut.“[27]

1870 war es der Walise John Hughes, der vom Russischen Reich Landrechte erworben hatte und sich mit 8 Segelschiffen und 100 Mann in den Donbass aufmachte, dort Kohle förderte und eine Stahlfabrik errichtete.[28] Binnen 10 Jahren brachte er die dortige Einwohnerschaft von 164 auf mehr als 4000 Einwohner, Ende des 19 Jhd war sein Stahlwerk das größte im Zarenreich und der Ort nach ihm benannt: „Jusowka“ (später Stalino, heute Donezk).

 

2.5.5. Donbass Kohle – die Fahrkarte für den Anschlusszug zum westlichem Europa

Der Kohlereichtum, die Nähe zu landwirtschaftlicher Großproduktion von Zucker und Getreide sowie die forcierten infrastrukturellen Anbindungen an das Schienennetz und große Wasserwege, machte den Donbass zum strategisch bedeutendsten Motor des Industrialisierungsnachzüglers Russland. Industrialisierung und Urbanisierung nahmen spätestens nach dem verlorenen Krieg gegen die Osmanen mit ihren alliierten Verbündeten (Krim Krieg 1853-56), der die Rückständigkeit des Russischen Reichs vor der Welt entblößte, rasante Züge an. Jetzt kam es auch zur Aufhebung der Leibeigenschaft, in dessen Folge Hunderttausende russischer Bauern in Neurussland Arbeit suchten[29]. Der absolute Großteil der Ukrainer (fast 90 %[30]) blieb jedoch weiterhin in der Landwirtschaft gebunden, seine Äcker gehörten jetzt dem Gemeindekollektiv, dem er dafür Steuern zu entrichten hatte. In den neuen Städten waren sie in der Minderheit, in Odessa am Schwarzen Meer waren es nicht einmal 10 Prozent.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten in der Kohle- und Eisenindustrie des Donbass 50.000 Menschen. 70 Prozent der Arbeiter kamen aus Gebieten Zentral- und Nordwestrusslands, nur 30 Prozent stammten aus der Region selbst. Die Statistik nahm eine zusätzliche Familienmitgliederzahl von durchschnittlich fünf Personen an und kam somit auf 250.000 Menschen, die im südlichen Russland zu versorgen waren.[31]

Russland war in den 3 Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Europas und Neurussland Zentrum der Modernisierung[32]. Hier lag das Tor zum Export in die westliche Welt.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren 26 von 36 Unternehmen der Kohleunternehmen des Donbass auf ausländischem Kapital und Know How aufgebaut. Darüber hinaus befanden sich die Schwerindustrieunternehmen des Donbass fast vollständig in den Händen englischer, belgischer und französischer Firmen.[33]

Die Russifizierung Klein- und Neurusslands, erfolgte nicht alleine über die genannte Ansiedlungspolitik und „Aufstiegsassimilation“, auch blieben die Privilegien (großer Landbesitz, kein Militärdienst, keine Steuern u.a.) der Kolonisten lange erhalten.

Insofern profitierte der Großteil der zaristisch-ukrainischen Bevölkerung, also die Bauern, nicht von der modernen Entwicklung, im Gegenteil, es zeigte sich ihnen angesichts des industriellen Fortschritts, wie schäbig ihre eigene Hütte doch war.

Des Weiteren wurden ganz massive repressive Russifizierungsschritte vorgenommen, die ukrainische Sprache in fast allen Bereichen verboten, ukrainische Nationaldenker verboten, verfolgt, verbannt, die ukrainisch-orthodoxe Kirche (anlehnend an Rom) vom Moskauer Patriarchat (anlehnend an Konstantinopel) absorbiert.

Auch in der Wirtschaft ließ sich die russische Monarchie die Zügel nicht aus der Hand und hemmte dadurch die Entwicklung des freien Marktes, so dass es innerhalb der rasanten Wachstums mehrere große Einbrüche mit hoher Arbeitslosigkeit und Hungerkatastrophen gab.

 

2.5.6. Donbass- mortifiziertes Arbeitermoloch

Neue staatspolitische Konzepte als Alternative zum herrschenden Feudalsystem waren vor diesen Hintergründen in den Städten des Donbass daher weniger nationalistischer, denn politisch-sozialer Natur. Die Gegebenheiten hier waren mit denen westlicher Industrieländer, mit einem britischen Manchester ansatzweise vergleichbar. Die Kluft zwischen Arbeiter und Bauern einerseits und Unternehmern, Händlern, Kolonisten und Adel andererseits, wurde immer größer. Der Donbass war eine der wenigen Regionen der zaristischen Ukraine, wo sozialistisches, kommunistisches Gedankengut greifen konnte, wo es Elendsviertel von Arbeitern und wirkliche ausgebeutete und entrechtete Massen von Industriearbeiten gab. Der damalige Schriftsteller, Aleksander Kuprin, widmete seinen Erfahrungen als Stahlarbeiter im Donezbecken 1896 seinen bezeichnenden Roman „Der Moloch“. In realistischer Erzählform wird hier die frühkapitalistische Ausbeutung der Arbeiter durch das reich gewordene Bürgertum, einer neuen Klasse Russlands, die von Altgläubigen und Juden dominiert  wurde[34], drastisch beschrieben.

Das ausgehende 19 und beginnende 20 Jhd war eine Zeit, in der sich unterdrückte Bauern- und Arbeitermassen gegen die noch immer repressive russische Herrscherdynastie formierten.

Viele Hunderttausende gingen im gesamten Reich (auch in der Ukraine u.a. in Jusowka-Donez) auf die Straßen. Am 9. Januar 1905 zog eine riesige Menschenmenge in Petersburg friedlich zum Winterpalais, dem Sitz des Zaren, wo sie diesem ihre Bittschrift übergeben wollten. Darin schrieben sie:

“Wir sind verelendet, wir sind unterdrückt, über unsere Kraft mit Arbeit überlastet… …Wir ersticken unter der Despotie und Rechtlosigkeit“. [35] 

Der Zar erteilte den Wachmannschaften Schießbefehl, der ca. hundert Protestierende tötete und sich als „blutiger Sonntag“ in das Gedächtnis der Menschen einbrannte. Doch musste der Zar jetzt erstmals Eingeständnisse politischer Partizipation mit der Einberufung eines gewählten Parlaments (Duma) und Zulassung von politischen Parteien machen. So konstituierten sich in dieser ersten russischen Duma zahlreiche größere Parteien, die zuvor noch im Geheimen arbeiten mussten. Neben zarentreuen Parteien, konnten sich verschiedenste neue politische Alternativkonzepte parteipolitisch konstituieren. Angefangen von liberal konservativen, über zum Großteil sozialdemokratische bis hin zu radikal sozialistischen Gruppierungen.

Zu den radikal sozialistischen Parteien zählten vor allem die „Bolschewiki“ (Mehrheitler), die sich durch die gewaltbereiten, radikalen Ansichten ihres im Exil befindlichen Führers, Vladimir Ilitsch Lenin, von der gemäßigten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, abgespalten hatten. Lenin forderte die Abdankung des Zaren, Landverteilung ohne Kompensation, eine Kaderpartei von Berufsrevolutionären und eine von der Partei geführte Diktatur der Arbeiter- und Bauernräte. Nationale Befreiung war der politischen Befreiung der Arbeiter- und Bauerklasse weltweit untergeordnet. Ebenso war Lenin später der Einzige (selbst innerhalb seiner Partei), der ein bedingungsloses sofortiges Kriegsende forderte.

Mehr als ein Fünftel der zaristischen Dumaabgeordneten kamen aus der Ukraine, worunter ein großer Teil Interessenkonzepte von sozialen Reformen, hier insbesondere der Landverteilung an die Bauern gepaart mit ukrainischer nationaler Autonomie vertrat.[36]

Doch ungeachtet dessen, behielt der Zar die absolute Staatsgewalt, reagierte immer wieder mit Repressionen und schloss diese Parteien und damit die Mehrheit des Volkes weiterhin weitgehend von politischer Partizipation aus.

In dieser Zeit von 1905 bis 1917 wuchs im Halbschatten zaristischer Legalität ukrainisches, politisches, soziales und nationales Bewusstsein. Es entstanden viele eigene Zeitungen, Verbände, Parteien, kulturelle Clubs, man setzte sich intensiv für die Anerkennung des Ukrainischen als eigene Sprache ein, diskutierte über Unabhängigkeit oder Autonomie, über Landverteilung mit oder ohne Entschädigung. Radikale terrorbereite Konzepte wie das einer nationalistischen Diktatur oder einer Parteidiktatur (Lenin), fanden in der absoluten Mehrheit weder der russischen, noch der ukrainischen Bevölkerung, breiten Anklang.

In dieses äußerst angespannte vielschichtig politisch-sozialrevolutionäre Aufruhr-Gemisch platzte nun der Urknall des frischen 20 Jhd, der Erste Weltkrieg.

 

3. Erster Weltkrieg: Ukrainischer West- und Ostzipfel im Urknall des jungen 20 Jhds

 Als Protest gegen die Fremdherrschaft der österreich-ungarischen Habsburger Monarchie über Bosnien, hatte das bosnische Mitglied einer südslawischen nationalen, sozialrevolutionären Studentenbewegung (nach einer Reihe von fehlgeschlagenen Attentaten am selben Tag) den österreichischen Thronfolger und seine Gemahlin bei deren Besuch im benachbarten serbischen Sarajewo, am 14. Juni 1914, auf der Straße im offenen Automobil erschossen.

Obgleich Serbien lediglich zum Ort des Attentats geworden war, schrieben die Habsburger der Regierung eine Mitschuld zu und beabsichtigten bestehende Großmachtinteressen oder andere Bündniskonstellationen auf dem Balkan militärisch abzustrafen. Die verschiedenen Bündniskonstellationen der Großmächte (so deutsches Kaiserreich mit Habsburger Monarchie und das russische Zarenreich mit dem Königreich Serbien) führten am 1. August 1914 zur deutschen Kriegserklärung an Russland.

 

3.1. Galizien. Lemberg – Eckpfeiler der österreichischen Ostfront

 In seiner strategischen Lage und Bedeutung, wurde Lemberg, die fünftgrößte Stadt der Habsburger Monarchie, zum Hauptschauplatz der österreichischen Ostfront. In zahlreichen Schlachten der österreich-ungarischen Armee – zu der sowohl die ukrainischen als auch die polnischen Galizier gehörten – gegen die Armee des russischen Reichs, zu der die zaristischen Ukrainer gehörten, wurde das Gebiet von Chaos und Zerstörung übermannt. Alleine in den Karpatenschlachten gab es weit über 1 Million Opfer.[37] Je nach Besetzungsstand wurden die mutmaßlichen ukrainischen, polnischen oder jüdischen Kollaborateure verfolgt, abgeurteilt, exekutiert.

 

3.2. Ein Jahrtausend von Fürsten, Großfürsten und Zaren ist Geschichte

 Im russischen Zarenreich brachten Massenevakuierungen aus den westlichen Frontgebieten zu den Millionenverlusten von Soldaten, Millionen von Binnenflüchtlingen,- Hungersnöte und Verelendung breiteten sich im gesamten Land aus. Aus dem Aufruhrgemisch wurde ein Pulverfass, politisch soziale Aufstände und Demonstrationen mehrten sich überall.

Der russische Zar Nikolaus II und seine deutsche Gemahlin Alexandra Fjodorowna zeigten kaum Gespür für diese Zeitenwende vor ihrer Haustür, im Gegenteil, sie schotteten sich ab[38], blieben in ihrer für sie gottgegeben Welt von Feudalherrscher und Untertan verhaftet.

Mit dieser Haltung, zahlreichen folgenschweren militärischen Fehlentscheidungen und gesellschaftlichen faux pas (so die abgehobene enge Beziehung der Zarin zu dem Wanderprediger Rasputin), wurden sie mehr und mehr zum Feindbild der Bevölkerung in persona.

Erneuten Liquidationsbefehlen des Zaren zur Niederschlagung der Massendemonstrationen, wurde im Februar 2017 (Februarrevolution) immer weniger Folge geleistet, immer mehr Soldaten wechselten die Seite, die Duma kam ihrem erneuten Auflösungsbefehl des Zaren nicht mehr nach, übernahm gemeinsam mit dem aus der zaristischen Haft befreiten Petersburger Rat der Arbeiter, die Regierungsgeschäfte (Doppelherrschaft) und zwang den Zar zur Abdankung.

 

3.3. Zaristische Ukraine: Einbeiniger Sprint nach vorn

 Und während inmitten dieses Ersten Weltkrieges die gesamte europäische Ordnung zusammenbrach, galt es für die zaristischen Ukrainer plötzlich erstmals den Herrscherstab in die Hand zu nehmen und weiter nach vorne zu sprinten. Und das taten sie.

In der nun ehemals zaristischen Ukraine wurde von ihren ehemaligen Abgeordneten der russischen Duma umgehend in Kiew eine Zentralversammlung aller größeren Interessenvertreter (zum Teil aus der Kriegsfront oder dem politischen Exil) einberufen und ein erstes ukrainisches Parlament (Rada) aufgestellt.

 

3.3.1. Klares Votum für Landverteilung und Selbstbestimmung

Als Vorsitzender wurde der sich noch im Exil befindliche Lemberger Universitätsprofessor, Chruschewski gewählt. Der Historiker, dessen zehnbändige historische Enzyklopädie eine Ausarbeitung der eigenen ukrainischen Nationalgeschichte (im Gegensatz zu der kleinrussischen dreieinigen Position) war.[39]

Wenngleich auch Interessenvertreter sozialdemokratischer und sozialistischer Staatskonzepte deutlich überwogen, so waren auch hier nur 10 %[40]radikaler bolschewistischer Natur. Der absoluten Mehrheit der zu 80 % aus Bauern bestehenden kriegsgebeutelten Bevölkerung des Ostens ging es vorrangig um die sozialistische Idee der Landenteignung und –verteilung. Sie hofften ganz profan auf ein Stückchen Land und Frieden verbunden mit Beendigung der russischen repressiven Fremdherrschaft und nationaler Selbstbestimmung.

Ganz klar geht schon aus den ersten beiden Grundsatzerklärungen (Universale) dieser ukrainischen Zentralrada hervor, dass sie “von diesem Tage an ihr Leben alleine gestalten werden“ und “nur die Bevölkerung der Ukraine die Frage der politischen Ordnung in der Ukraine und die Beziehung der Ukraine zu Russland lösen kann”[41].

 

3.4. Lenins Parteidiktatur – Gewalt und Terror gegen Selbstbestimmung

 Doch es war die Gunst der Zeit von politischen Instabilitäten, von zunehmendem Hunger und Elend, von Kriegsmüdigkeit, die den von Beginn an radikalen Thesen Lenins nunmehr wirklichen Zustrom der Massen brachten, den er mit seiner militärisch zentralistisch geführten Partei strategisch zur alleinigen Machtergreifung umzusetzen vermochte.

Noch im Oktober/November desselben Jahres organisierten die „Berufsrevolutionäre“ der Bolschewiki einen Militärputsch (Oktoberrevolution) und übernahmen den totalitären Machtanspruch für das gesamte ehemalige Zarenreich sowie der gesamten Welt. Zeitgleich fand der zweite große allrussische Sowjetkongress in St. Petersburg (Petrograd) statt, auf dem die Bolschewisten ca. 300 von 670 Sitzen innehatten (193 die Sozialrevolutionäre)[42]. Auch hier riss Lenin ohne Einhaltung von Regularien die Macht an sich, sein Mitkämpfer Trotzki komplementierte die Oppositionellen mit seinem berühmten Satz auf den Müllhaufen der Geschichte[43] hinaus und ohne diese führten sie den Rat der Volkskommissare als oberstes Regierungsgremium ein.

Wie von Lenin angekündigt, wurde sogleich ein Waffenstillstand mit den Mittelmächten vereinbart und Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk begonnen. Erstmals saßen hier hochrangige, zumeist adelige Vertreter am Verhandlungstisch mit Vertretern aus der Arbeiter- und Bauernschicht, die deren Untergang proklamierten. Insofern stimmte die Chemie der Verhandlungsparteien nicht wirklich.

Zeitgleich verliefen auch die schon lange zuvor angesetzten allgemeinen freien Wahlen zu einer postzaristischen neuen Regierung. So wurden im ganzen Gebiet des ehemaligen Zarenreichs inmitten des Krieges Wahlen durchgeführt und insgesamt fast 50 Millionen Stimmen abgegeben. Die großen Sieger der Wahlen waren die Sozialrevolutionäre mit fast der Hälfte aller Stimmen sowie 10 Prozent für die ukrainischen Sozialrevolutionäre[44][45]. Das waren hauptsächlich die Stimmen der Bauern, die zwar eine Bodenreform, also eigenes Land wollten, aber keine kommunistische Parteidiktatur, sondern einen sozialdemokratischen Staat. Nur ein Viertel entschied sich für die Bolschewisten, ihre Stimmen entstammten hauptsächlich der Arbeiterschaft der Städte. Zieht man aus diesem Gesamtergebnis die 7,5 Millionen in der Ukraine abgegebenen Stimmen heraus, so wird klar, dass sich hier fast die Hälfte der Wähler für die ukrainischen Sozialrevolutionäre entschieden hatten, andere nichtrussische Parteien erhielten an die 17 %, die russischen Sozialrevolutionäre ca. 25 % und die Bolschewisten lediglich 10 Prozent.[46]

 

3.5. Arbeitermoloch Donbass für Lenin

 In der Ukraine hatten die Bolschewisten ihre größte Verbreitung in den Städten des Nordwestens (Charkow), des Südens (Odessa) sowie im Donbass, wo sie die Partei von der „Ekaterinoslaw“ Gruppe angeführt wurde. Ihre Anhänger bestanden zum absoluten Großteil aus der russischen verelendeten Arbeiterschaft der dortigen Schwerindustrie. Im Donbass sprachen nur gute 4 Prozent unter ihnen überhaupt Ukrainisch[47]. Angeführt wurde die Gruppe von Vertretern aus dem engen Führungskader Lenins wie dem Wolgadeutschen Emmanuel Kviring oder dem in Ekaterinoslaw aufgewachsenen Bauerssohn Fedor Sergejew (Artjom), dessen Sohn nach seinem Unfalltod von Stalin adoptiert wurde.

 

3.6. Mittelmächte – junge Ukraine, Symbiose auf falschen Krücken

 Auch die junge Kiewer Regierung (Zentralrada) führte mittlerweile Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und führte in ihrem dritten Universal (20. November 1917) eine Bodenreform ohne Kompensation und zahlreiche sozialdemokratische Gesetze sowie eine eigene Verfassungsversammlung ein. Nachdem sie sich weiterhin der Unterordnung Lenins Volkskommissariats verweigerte, wurde von diesem in Charkow eine Ukrainische Sozialistische Volksrepublik proklamiert (25. Dezember 1917) und mehrere Zehntausend Mann starke Truppen (Rote Armee, rote und schwarze Garden) zur Einnahme der Ukraine auf den Weg gebracht.

Genau in diese Zeit (Anfang Januar 1918), fiel nun die erste postzaristische Verfassungsversammlung aller gewählter Vertreter in Petrograd (Petersburg), auch hier ignorierten Lenin und sein Volkskommissariat jegliche Widersprüche und Regularien und ließen die Versammlung kurzerhand auflösen und verbieten.

Und während die Roten Garden des Volkskommissariats in der Ukraine eine Stadt nach der anderen einnahmen, erklärte die ukrainische Zentralrada in ihrem vierten Universal (22. Januar 2018) nun offiziell die Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik. Die Besetzung durch die Bolschewisten wurde in den Erinnerungen der damaligen Politiker und Historiker als dezidiert antiukrainisch und terroristisch beschrieben[48]. Mittlerweile auf der Flucht aus der Hauptstadt blieb der Regierung nur noch die Aussicht auf militärische Unterstützung der Mittelmächte.

Und im Gegensatz zu den Bolschwiken, konnte die Delegation der jungen Ukrainischen Volksrepublik am 9. Februar 1918 einen Separatfrieden mit den Mittelmächten erzielen. Die Ukrainer brauchten dringend Schutz vor den Bolschewisten zur Erhaltung ihres jungen ersten richtigen Nationalstaats, zudem hatten sie die Aussicht auf ein zukünftiges autonomes Galizien oder das Gouvernement Chelm erhalten. Die Mittelmächte wollten keine solche Erstarkung der Bolschewisten, wenngleich sie noch knapp ein Jahr zuvor führende bolschewistische Exilanten, insbesondere Lenin, zur Schwächung des russischen Feinds in geheimer Aktion nach Petersburg eingeschleust und mit enormen Geldmitteln unterstützt hatten. Absolut dringlich für sie war zudem bei den großen Versorgungsengpässen und Hungersnöten mit Millionen von Hungertoten[49], die Zulieferung von Getreide, die das riesige Agrarland Ukraine bot. So ist dieser Friedenschluss auch als „Brotfrieden“ in die Geschichte eingegangen.

 

3.7. Donbass – Der linke Fuß macht sich selbstständig

 Als Reaktion auf die somit erstarkte Ukrainische Zentralregierung und zum Schutz vor Getreideabgaben und Ausbeutung des Donbass errichteten unter Führung der Ekaterinoslaw Gruppe die Bolschewisten ihre eigene „Sowjetrepublik Donez-Kriwoj-Rog“ mit Charkow als deren Hauptstadt. Eine eigene, wenn auch bolschewistische Sowjetrepublik war allerdings nicht im Sinne der zentralistischen Parteiführung in Petersburg (gerade im Umzug ins östlichere Moskau befindlich) und auch der von Petersburg offiziell beauftragte Vorsitzende des im Dezember schon eingerichteten föderativen ukrainischen Volksrepublik in Charkow, der Sohn einer Donezker Arbeiterfamilie, fühlte sich auf den Schlips getreten, so dass die Donbass Republik alsbald aufgelöst wurde, deren Anführer aber im engen Führungskader der Moskauer Führungsspitze blieben.[50]

 

3.8. Neunzehnhundertachtzehn – Deutsche Chauvinistenherrschaft in den Kriegswirren

Zwei Wochen nach dem „Brotfrieden“ startete Deutschland das Unternehmen „Faustschlag“ und nahm binnen kürzester Zeit fast die gesamte heutige Ukraine ein, massiven Widerstand erlebten sie einzig im Osten, im unter bolschewistisch Führung stehenden Charkower Raum[51], das erst Mitte April eingenommen wurde. Die Moskauer Bolschewisten waren am 3. März 2018 zu einen „Diktatfrieden“ gezwungen, der ihnen in jeder Hinsicht enorme Verluste zusetzte wie auch die Anerkennung des unabhängigen ukrainischen Nationalstaates abforderte.

Dennoch war die neue ukrainische Regierung, trotz ihres klaren Feindbildes gegenüber den Bolschewisten, den Mittelmächten noch immer zu links, eine Landverteilung an die Bauern entsprach weder ihrer Vorstellungswelt, noch ihren Bedürfnissen, die Agrarprodukte der Ukraine für sich zu nutzen[52]. Insofern unterstützen die Deutschen schon knapp zwei Monate später den Putsch der jungen Zentralrada, just im Moment deren verfassungsgebender Versammlung. Der neue von den Deutschen gepuschte Regent entstammte einer alten, im Dienste des russischen Zaren stehenden, ukrainischen Kosakenfamilie: Pawlo Skoropadskij, ein im hessischen Wiesbaden geborener ukrainischer Großgrundbesitzer und ehemaliger General des Zaren. Wenngleich man ihn den Ukrainern als Hetman nach ukrainischer Kosakenmanier präsentierte und er sich in seinem Erscheinungsbild ukrainisch national darbot, so vertrat er die Interessen der Großgrundbesitzer, die, so ersichtlich aus den Wahlergebnissen zur Russischen konstituierenden Versammlung, noch einige Monate zuvor in der Bevölkerung so gut wie keine Unterstützung mehr gefunden hatten.

Wenn auch das neue Sowjetrussland gezwungen war, seine Truppen aus der Ukraine abzuziehen, so kämpften und rebellierten im ganzen Land verschiedenste Interessengruppen. Im Süden und im Donbass waren größere Reste der zaristischen Armee (Weiße), zu den Bolschewisten übergelaufene oder erzwungene ehemalige Soldaten des Zaren (Rote Armee), größere anarchistische Truppen (Schwarze), kleinere autonome Partisanengruppen (Grüne), ukrainische radikale rechte und linke Nationalisten, Bauerngruppen, Heere von bettelarmen Obdachlosen Kriegsflüchtlingen und ein wachsendes Heer an Reichen, die den Bolschewisten entflohen. “Groß war es und fürchterlich, das eintausendneunhundertachtzehnte Jahr nach Christi, das zweite nach Beginn der Revolution”, so heißt es in Michail Bulgakows teils autobiographischem Roman „Die weiße Garde“, der sich genau in diesem Jahr in Kiew abspielt.

Insofern hatten die deutschen Soldaten alle Hände voll zu tun, um die Macht Skoropadskijs aufrecht zu halten. Verhaftungen zahlreicher Vertreter der Zentralrada, „Zerstörung von Infrastruktur, Feldgericht, Exekutionen,…Pauschalverdächtigungen… waren auf der Tagesordnung und fester Bestandteil der Restauration zaristischen Agrarverhältnisse durch deutsches Militär von Mai bis August 1918.“[53]Alleine im Sommer wurden 10000 aufständische Bauern in deutsche Kriegsgefangenlager deportiert.[54]

 

3.9. Galizische Ukrainer nach Abdankung Kaiser Karls I

 Doch schon im Oktober 1918 zeichneten sich die Mittelmächte als Kriegsverlierer ab, viele europäische Staaten (bspw. Tschechoslowakei, Slowenien, Kroatien, Serbien, Ungarn, erneut Polen) konnten nach und nach erstmals ihre eigenen Nationalstaaten bilden. Im November mussten sowohl der österreichische Kaiser Karl I, als auch der deutsche Kaiser Wilhelm II abdanken. Im berühmten Eisenbahnwaggon in Compiègne wurde am 11. November 2018 der Waffenstillstand unterzeichnet, in dem unter anderem eine Räumung aller besetzten Gebiete innerhalb von 14 Tagen sowie die Annullierung der Verträge von Brest-Litowsk festgehalten war.

In Ostgalizien wurde unmittelbar daraufhin die „Westukrainische Volksrepublik“ mit Sitz in Lemberg ausgerufen. Der Präsident, Jewhen Petruschewitsch[55] und der Vizepräsident Konstantin Lewitskij[56] waren beide Absolventen der juristischen Fakultät im österreich-ungarischen Lemberg und führende ukrainische Vertreter im Wiener Parlament gewesen. Auch die Zweite Polnische Republik begann sich wieder zu formieren und ihre ehemaligen Landesteile wieder zusammenzufügen. Das hierzu eingerichtete „Liquidationskomitee“[57] sollte seinen Sitz im Lemberg haben.

Die beiden Nationalbewegungen, die polnische und die ukrainische, stießen nun nach Jahren verlustreicher unerbittlicher Kriegserfahrungen ohne den parlamentarischen Puffer der österreich-ungarischen Monarchie wieder direkt aufeinander. Kriegerische Auseinandersetzungen mit zum Teil furchtbarsten Pogromen, auch immer wieder an der jüdischen Bevölkerung, begannen. Wenn auch Ostgalizien mehrheitlich ukrainisch besiedelt war, so lag ihr Anteil in Lemberg bei nur 20 %. Die Regierung der Westukrainischen Republik musste schon zwei Wochen später ins östlich gelegenere Stanislaw (heute Iwano Frankiwsk) flüchten.

 

3.9.1. Galizien – Der rechte Fuß steht wieder vor der Tür

 In Kiew hatte Skoropadskij nach dem Abzug der deutschen Truppen seine Macht nicht halten können und wurde Anfang November von einem fünfköpfigen Direktorat unter Beteiligung des Militärführers Simon Petljura ersetzt. Das Direktorat bestimmte Ende Dezember den Rat der Nationalminister der Ukrainischen Volksrepublik, die nun wieder die Gesetzeserlasse der ehemaligen Zentralrada einführte.

Doch Petljuras Truppen konnten sich den nun wieder angreifenden Roten Truppen nicht erwehren, die schon im Januar Kiew wieder einnahmen. Teile der Regierung flüchteten in westlich gelegenere Vynnitsia.

Jetzt gab es erstmals eine offizielle Vereinigung der ehemals österreich-ungarischen und russisch zaristischen Ukrainer, am 22. Januar schlossen die Westukrainische Volksrepublik und die Ukrainische Volksrepublik zusammen, die galizische Armee und die der Kiewer sollten unter Petljuras Führung gemeinsam für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen. Gleichzeitig versuchten ihre Vertreter intensiv mit diesem Ziel Einfluss auf die Vorbereitungen der Friedensverhandlungen für die Nachkriegszeit zu nehmen.

 

3.10. Vereint und doch alleine

 Doch die zwei über viele Generationen hinweg getrennten Lebenswelten wollten nicht mehr richtig zueinander passen, die erfahrenen Parlamentarier der Habsburgermonarchie mit ihrem Hauptfeind, der Zweiten erstarkenden Polnischen Republik und die unerfahrenen Politiker der Ukrainischen Volksrepublik mit ihrem Hauptfeind, der erstarkenden bolschewistischen Sowjetrepublik. Und ungeachtet dessen, dass die Friedensverhandlungen ganz im Zeichen des Völkerrechts und des Minderheitenschutzes standen, sich viele Nationalstaaten hier erstmals etablieren konnten, fehlte den Kämpfern für einen unabhängigen, nicht bolschewistischen Nationalstaat eine geeinte innere mächtige Interessenvertretung als auch eine solche von außen.

 

3.10.1. Aufbäumen im freien Fall und schlimmste Kriegsauswüchse

 Inmitten von Kriegszerstörung und Elend mussten sie sich mit letzten Kräften aufbäumen, um ihre Schlachten zu schlagen, wobei es gerade auch unter den Petljura Truppen immer wieder zu völlig entarteten Ausschreitungen und Pogromen gegenüber der jüdischen Zivilbevölkerung mit Zehntausenden (bis hin zu mehr als 200 000) von Opfern kam[58][59]. Es war die zweite Monsterwelle, die die östliche Fluchtburg der Juden zur Todesfalle werden ließ und es lässt den Ursprung der Manifestation des Begriffs „Pogrom“ klarwerden, er liegt genau hier.[60] Weder der Versailler Vertrag der Siegermächte mit den Deutschen (28. Juni 1919), noch der von St. Germain mit den Österreichern (10. September 1919), brachte den Ukrainern ihren unabhängigen Staat.

 

3.10.2. Die Riesin opfert ihr rechtes Bein

 Als Petljura sich im April 1920 gar noch eine Allianz mit dem polnischen Feind der Westukrainer bildete, um mit Polen gemeinsam gegen die bolschewistischen Besetzer zu kämpfen und dafür die polnischen Gebietsansprüche auf Ostgalizien akzeptierte, sprangen wohl auch viele galizische Vertreter und Kämpfer zu der ukrainischen Sowjetrepublik der Bolschewisten über.

In der folgenden polnischen Hauptoffensive gegen die Sowjetmacht, in der Petljura die Regierung in Kiew wieder übernehmen sollte, konnten die auch mit Hilfe der Franzosen (auch Charles de Gaulle kämpfte als junger Offizier hier) gut ausgerüsteten Polen, obgleich im Verhältnis von nur 1:10 stehend, weite Teile der Ukraine einnehmen und im Mai Kiew erobern.[61]

 

3.10.3. Nationaler Befreiungskampf im Kriegschaos ohne Kämpfer

 Doch konnten die Erfolge durch die geringe Beteiligung ukrainischer Nationalisten nicht gehalten werden. Trotz Appellation an die ukrainische Bevölkerung, kamen nur zwei Divisionen[62] zustande. Während bei den Polen ihr Heer auf bis zu eine halbe Million anwuchs und auf bolschewistischer Seite (Rote Armee) weit über 2 Millionen Männer kämpften, konnten die ukrainischen Nationalisten nur um die 50 000[63] Soldaten rekrutieren.

So konterte die Rote Armee alsbald und nahm wieder die Ukraine ein, drang unter Stalin als verantwortlichem Politkommissar der Südwestfront im Juni und weiter nördlich bis an die Weichsel vor Warschau. Hier konnten die Polen unter ihrem Staatsoberhaupt, Feldmarschall Josef Pilsudski einen entscheidenden Sieg erringen, der im Oktober 1920 zum Waffenstillstand und am 18. März 1921 in Riga zu dem Friedensvertag der russischen und ukrainischen Sowjetrepublik mit Polen mündete, mit dem nun auch für den Osten der Erste Weltkrieg beendet wurde.

 

4. Ende Weltkrieg I: Die Riesin schwer verwundet und wieder gefesselt

 Galizien fiel hiermit in polnische und die zaristische Ukraine in bolschewistische Hände. Ende 1922 wurde die UdSSR, die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (Sowjetunion), mit der nach Russland zweitgrößten ukrainischen Unionsrepublik legitimiert.

Der Großteil der Ukraine fiel also in das größte staatspolitische Experiment des jungen 20 Jhds, das bald nach Lenins Tod 1924, schon von seinem diktatorischen Nachfolger Josef Stalin angeführt wurde.

 

4.1. West- und zentralukrainische Nationalisten – Der Kampf geht weiter

 Viele der Repräsentanten der unabhängigen antibolschewistischen ersten Ukrainischen Volksrepublik flohen ins Exil, wo sie die Insignien der Republik bis 1992 hüteten und dann an den Ersten Präsidenten der neuen unabhängigen feierlich übergaben.

Galizien, insbesondere Lemberg als Kriegsschauplatz wechselnder Fronten, war am Boden zerstört, war nichts mehr weiter als eine geviertelte polnische Wojewodschaft, in der die Ukrainer jetzt massiv unterdrückt wurden. Ukrainische Kriegsveteranen organisierten sich (UVO) und führten ihren Kampf für einen ukrainischen Nationalstaat mit gezielten Gewaltanschlägen gegen Polen fort.

 

4.2. Galizien in der Zweiten Polnischen Republik – In „pole position“ zum Weltkrieg II

 1929 verbündeten sie sich in Wien mit der jüngeren Generation zur Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), deren Führungskreis auch der damals zwanzigjährige Stepan Bandera[64] angehörte, der 10 Jahre später die Abspaltung in einen radikalen Teil (OUN-B) herbei- und anführte. Oberste Priorität galt weiterhin der Gründung eines ukrainischen Nationalstaates, zu dessen Verwirklichung jetzt jedes Mittel recht war und gnadenlose Gewaltanwendung Pflicht. Ein faschistisches Konzept, das sich in Italien schon unter Mussolini, als Gegenmodell zum Sozialismus, aber auch instabiler junger Demokratien, durchgesetzt hatte. Man unterhielt Kontakte zu anderen faschistischen Gruppen, wurde in Spezialeinhalten faschistischer Gruppen geschult, von den deutschen Faschisten erhoffte man sich Unterstützung in der Anerkennung eines zukünftigen eigenen ukrainischen Nationalstaats[65]. So war die Nachkriegszeit in Galizien für die Organisation Ukrainischer Nationalisten ein Untergrundkampf, der sich zwischen den beiden neuen sich gegenüberstehenden Extremkonzepten, Faschismus und Sozialismus, auf die nächste kriegerische Chance zur eigenen Staatsbildung vorbereitete.

Nutzen wir diese Zeit um uns zu setzen, um tief Luft zu holen, bevor wir hinabsteigen in die dunkelsten Tiefen zentraleuropäischer Geschichte, die sich auf ukrainischem Boden zwischen Stalin und Hitler abspielen sollten.

 

4.3. Donbass – Motor der Sowjetdiktatur

 Stalin vertrat nun im Gegensatz zur ursprünglich geplanten sozialistischen Weltrevolution, die These des Sozialismus im eigenen Land. Er wollte also vorerst das erbeutete Territorium (das größte der Welt) sichern und das rückständige, kriegszerstörte, verelendete Land, schnellstmöglich als gigantische Weltmacht konsolidieren und präsentieren.

Für dieses Projekt ließ Stalin ein riesiges System von Arbeitslagern (Gulag) ausbauen, das bis zu seinem Tod 1953 bis zu 30 Millionen Menschen durchliefen und ungezählte viele Millionen Zwangsarbeiter nicht überlebten. Gefüllt wurde es mit Personen und Volksgruppen, die der Konsolidierung der neuen Sowjetdiktatur im Wege standen.[66]

In den Städten des Donbass gab es kaum ethnische Ukrainer und viele der Arbeiter hatten lange für ihre Rechte und für die Bolschewisten gekämpft. Jetzt war ihre Arbeitskraft in diesem Stalinschen Projekt von existenzieller Bedeutung und sie gehörten zum so gerühmten „Herz und Motor der neuen Sowjetunion“. Kohle war das Gold der Industrialisierung. Insofern waren die Arbeiter der Schwerindustrie im Donbass immer hoch angesehen und wurden verhältnismäßig gut versorgt. Ihre Lebenswelt verbesserte sich deutlich. Hier gab es zweifelsfrei eine Teilidentifikation mit dem neuen Staatssystem. Angesichts der Gnadenlosigkeit gegenüber allen etwaigen Kriegskollaborateuren, deren Verdächtige es im strategisch so bedeutenden Donbass außerordentlich viele gab, lässt sich der bewusste Identifikationsgrad allerdings kaum ermessen.  Widerstand war jedoch kaum nationalistischer Natur, eine nennenswerte Nationalbewegung gab es hier nicht.[67]

 

4.4. Stalins Rache gegen die ukrainische Nationalbewegung – gezielter Hungertod von Abermillionen Ukrainern

 Mit Stalins erstem großen Fünfjahresplan 1928 erfolgte die Zwangskollektivierung privaten bäuerlichen Landbesitzes. Mehrere Millionen privater Bauern mit mittlerem oder größerem Landbesitz (Kulaken), wurden praktisch über Nacht zum Feindbild des sozialistischen Staats erklärt und auf grausame Weise zwangsenteignet, mitsamt Familie zwangsumgesiedelt, deportiert oder an Ort und Stelle exekutiert. Dies traf vor allem die agrarische Ukraine.

Die ukrainischen Bauern wurden von der feudalen Leibeigenschaft in die sowjetische Leibeigenschaft überführt. Jedes ukrainische Getreidekorn musste abgegeben werden, um die gigantische Zwangsindustrialisierung mit zu finanzieren. Aus mehreren Gründen endete dieser Fünfjahresplan in einer unfassbaren Hungersnot, von der bis zu 30 Millionen Menschen betroffen waren, von denen ungezählte viele Millionen nicht überlebten.

Auch hier war insbesondere der große Teil der sowjetischen Ukraine betroffen. Und anstatt der hungernden ukrainischen Bevölkerung Hilfestellung zu leisten (wie es der Zar 1892 mit einem Exportverbot von Weizen getan hatte[68]), verkaufte Stalin weiterhin ukrainischen Weizen ins Ausland, ließ unter strenger Geheimhaltung und Parteikaderaufsicht Millionen von Ukrainern auf dem Lande aushungern. Der langsame Hungertod (Holodomor) 1932/33 von mindestens 3,5 Millionen Menschen aus ukrainischen Bauernfamilien, eines der großen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wurde in der stalinistischen Geschichtsschreibung nie genannt, Überlebende, die darüber berichteten, waren Volksfeinde, wurden in den Gulag deportiert oder getötet.

 

5. Der Zweite Weltkrieg: Die Riesin zwischen Stalin und Hitler

 Als Volksfeind wurde jetzt jeder betrachtet, der in irgendeiner Form als unzuverlässig galt, Millionen Menschen verschwanden nach und nach in die Arbeitslager. 1936-38 erfasste Stalins Terror auch die breiten Eliten der eigenen Partei- und Militärkader, der Intelligenz, des Adels, ganze Volksgruppen sowie erneut die restlichen Bauern mit Grundbesitz (große Säuberung). Auch von dieser Welle wurden viele Millionen Menschen erfasst, in Schauprozessen abgeurteilt, abtransportiert oder gleich erschossen[69].

Während Stalin sein Terrorregime als Sieg des neuen sozialistischen Konzepts verkaufte, hatte Hitler sich in Deutschland mit dem Gegenkonzept des starken nationalistischen Staats an die Macht gebracht. Dass nun gerade diese Beiden einen Pakt eingingen, hatte die Welt mächtig vor den Kopf gestoßen.

Hitler, der mit seinem ultrarassistischen Faschismus Deutschland als europäisches Kontinentalimperium aufbauen wollte, der für die Ernährung dieses Imperiums den Osten von den dortigen niederen Rassen zu „säubern“ plante, um dort arische Bauern anzusiedeln. Stalin, der, nachdem er den Sozialismus in der UdSSR aufgebaut hätte, den Sozialismus dann auf die Welt ausweiten wollte.

Mit ihrem Nichtangriffspakt 1939 gaben sich beide Weltmachtdiktatoren noch Zeit und Rückendeckung. Doch begradigten sie schon einmal ihre gemeinsame Front. Polen, das Beiden ohnehin zu groß war, wurde wieder geteilt, eine aus dem Ersten Weltkrieg stammende Grenze (Curzon-Linie), von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gezogen, die Länder östlich erhielt Stalin, die westlichen wurden zu Hitlers „Generalgouvernement“.

 

5.1. Aufteilung Galiziens: Massenterror zwischen Roter Flagge und Hakenkreuz

 Ostgalizien wurde im geheimen Zusatzprotokoll der Außenminister Ribbentrop und Molotow mit der Sowjetunion „vereint“. Damit hatte man die Fortsetzung des Ersten Weltkrieges, den Zweiten Weltkrieg, die größte militärische Auseinandersetzung der Menschheitsgeschichte mit bis zu 70 Millionen Opfern eröffnet, das Hauptschlachtfeld, auf dem mehr als die Hälfte aller gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs ihr Leben lassen sollten. Ein Gebiet, auf dem der Holocaust stattfinden würde. Ein Gebiet, in dem die dortige Bevölkerung und unbewaffnete Soldaten zu unzähligen Abermillionen in schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit hingerichtet wurde.

Und wieder verlief die Frontlinie im nunmehr geteilten Polen mitten durch das Gebiet Galiziens, das ja nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen war. Bei einer gemeinsamen Militärparade 1939 in Brest-Litowsk, wurde feierlich die rote Flagge mit der des Hakenkreuzes getauscht.

Die Wehrmacht begann sogleich mit der Ausschaltung der polnischen Elite. Es wurden Städte zerbombt, gebrandschatzt, vergewaltigt, geistig Behinderte erstmals vergast. Menschen-massen wurden nach ethnischen und rassistischen Kriterien verschoben und erschossen. Alleine im September und Oktober hatte man über 16000 Zivilisten in über 700 standrechtlichen Erschießungen ermordet.[70] Bis Ende des Jahres waren es 60 000 polnische Staatsbürger. Neben 400000 polnischen Soldaten wurden 200000 Zivilisten in Kriegs-gefangenschaft genommen. Mehr als 200 000 Juden flohen vor den Nazis in den von den Sowjets besetzten Ostteil.  An die 100000 Juden wurden in das deutsche General-gouvernement verfrachtet, bis 1945 waren es eine Million. Hier wurde auch 1940 das Warschauer Ghetto geschaffen. In die freigeräumten polnischen Gebiete wurden 1 Million Deutsche angesiedelt.

Auch die terrorerfahrene Rote Armee, die etwas später in das ehemals ostgalizische, dann südostpolnische und jetzt mit ihr westsowjetische Lemberg einzog, begann sofort mit der Erfassung von Menschenmassen. Sie nahm 240000 polnische Soldaten in Kriegs-gefangenschaft, sortierte, schob Deutsche und Westpolen den Deutschen zu, die wiederum Ostpolen, Ukrainer und Weißrussen den Sowjets. Über 20000 höhere polnische Militärs wurden von den Sowjets aufgeteilt und alle insgeheim erschossen (Massaker von Katyn, April/Mai 1940), die Familienangehörigen in den Gulag abtransportiert. Über 100000 „unzuverlässige Elemente“ wurden verhaftet, verhört und in den Gulag abtransportiert. Mehr als eine halbe Millionen Polen, Juden und Ukrainer wurde in mehreren Wellen in den Gulag oder einfach ins freie Feld des Fernen Ostens deportiert. Viele überlebten nicht einmal den Weg dorthin.

 

5.1.2.   Freischein für die menschliche Bestie als Kriegswaffe

 Es gab eine große Anzahl von ungezügelten Verbrechen und Gräueltaten außerhalb der deutschen und sowjetischen Militäreinheiten, die sich vor allem gegen Polen und Juden richteten.  Tausende Zivilisten wurden von Zivilisten erniedrigt, erschlagen, erschossen, gefoltert, vergewaltigt.

An solchen Verbrechen waren in Galizien auch viele Ukrainer beteiligt[71], die zum Großteil der Ukrainischen Nationalbewegung (OUN) angehörten. Unter dem Tenor der Führungsriege, erhofften sich die meisten Ukrainer von den Deutschen die Unterstützung im späteren Aufbau ihres eigenen unabhängigen Nationalstaates, der anscheinend nur noch durch rücksichtslose Vernichtung des Feindes erreicht werden konnte. Die Feinde waren ganz eindeutig die Russen (Moskowiter), die Bolschewiken (auch ukrainische), in Galizien natürlich auch die Polen und nicht zuletzt durch die Rassenpropaganda der Nazis gepuscht, mehr und mehr die jüdische Bevölkerung (der bolschewistische Jude).

Stepan Bandera, der Anführer der OUN (neben Andrej Melnik), wurde 1939 aus einem polnischen Gefängnis entlassen, wo er sechs Jahre zuvor wegen eines Attentats auf einen polnischen Minister zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Er schloss sich mit der Führungsriege der OUN der Wehrmacht an und operierte mit ihnen in Spezialeinheiten (Bataillon Nachtigall u.a.).[72]

In den nächsten beiden Jahren installierten auf der westlichen Seite Galiziens die Nazis und auf der östlichen Seite die Sowjets ihre diktatorischen Terrorregime.

Östlich wurden von den Sowjets nun auch die „letzten westlichen Zipfel des eigenen Reichs“ (mit Ostgalizien) zügig zwangskollektiviert und weiterhin unzuverlässige Elemente in den Gulag deportiert, die Sowjets hatten mittlerweile fast zwanzig Jahre Erfahrung im Umgang mit Massenterror und konnten die polnische und ukrainische Sprache verstehen. Westlich waren die Deutschen bei der Bewältigung der Inkorporation auf ortsansässige Hilfe angewiesen. In Westgalizien, wo die ukrainische Bevölkerung, neben den Polen die zweite Haupt-bevölkerungsgruppe ausmachte, bediente man sich hierfür vorwiegend der Ukrainer[73].

 

5.1.3. Hinab in dunkelste Tiefen zentraleuropäischer Menschheitsgeschichte – Galizien im deutschen Generalgouvernement

 Nachdem Hitlers Wehrmacht nach und nach fast den ganzen mittel- und westeuropäischen Kontinent eingenommen hatte, galt es jetzt für Hitler die Versorgung seines „1000jährigen Reichs“ sicherzustellen. Im Juni 1941 brach Hitler den Nichtangriffspakt und startete mit dem „Unternehmen Barbarossa“ einen Blitzkrieg auf die Sowjetunion (Russlandfeldzug).

Stepan Bandera, der nun endlich den heißersehnten, von den Nazis zugesagten, Ukrainischen Staat ausrief, wurde mitsamt seiner Führungsriege kurzerhand ins deutsche KZ verfrachtet. Allerdings wurden ihm als Häftling Sonderrechte gewährt und er wurde 1944 wohlbehalten entlassen, verbarg sich noch weitere 15 Jahre in München, bevor der sowjetische Geheimdienst ihn ausfindig machte und ermorden ließ.

 

5.2. Der Russlandfeldzug in der Ukraine – Holocaust der Kugeln

Das „Unternehmen Barbarossa“ schickte der Wehrmacht, die an der Ostfront in vier große Einheiten von Nord nach Süd (A-D) eingeteilt war, jeweils rassenideologisch geschulte Sondereinsatzgruppen von insgesamt 3000 (dreitausend) Mann, inklusive rein technischem Personal, nach, die im Hinterfeld für die „Flurbereinigung“ zuständig waren. Gruppe C, bestehend aus 700 Mann, zog von Lemberg durch die mittlere Ukraine Richtung Kiew, Charkow und Stalino (heute Donezk). Gruppe D erfasste mit 500 Mann den Süden der Ukraine und sollte mit C in Stalino zusammentreffen. Ihr Auftrag war es, das Gebiet von „allen radikalen Elementen“ zu befreien.[74]

In Lemberg, an der deutsch-sowjetischen Grenze innerhalb Galiziens marschierte die Wehrmacht mit ihrer Nachhut, der Einsatzgruppe C, schon gleich zu Kriegsbeginn, im Juni 1941 ein. Sie fügte das eroberte Ostgalizien mit dem bereits seit 2 Jahren inkorporierten Westgalizien in das mit der polnischen Besetzung errichtete Generalgouvernement als „Distrikt Galizien“ mit ein. Der Distrikt Galizien machte jetzt ca. ein Drittel des gesamten Generalgouvernements des Deutschen Reichs in Polen aus. Nach Schätzungen lebten zu dieser Zeit im Generalgouvernement etwa 18 Millionen Menschen, darunter über 11 Millionen Polen, fast 4 Millionen Ukrainer (vorwiegend in Ostgalizien) und weit über 2 Millionen Juden.[75] Der Großteil der sowjetischen Ukraine fiel alsbald in das deutsche „Reichskommisariat“ unter Militärverwaltung.

Wir erinnern uns, dass die Juden über die Jahrhunderte hinweg in den Osten geflohen waren, aber auch daran, dass die ersten beiden Massenprogrome mit Hundertausenden von Opfern auf dort im Osten stattfanden und viele Juden zur Flucht aus der Flucht bewegt hatten.[76] Dennoch lebten noch ca. 40% der jüdischen Weltbevölkerung dort.  In Polen lag ihr größter Anteil mit 3,4 Millionen, in der Sowjetunion waren es 3 Millionen Menschen, vorwiegend in der Westukraine. Sie waren mit dem Angriff Hitlerdeutschlands über Nacht in eine tödliche Falle geraten. Hitlers Plan war es, Osteuropa zu einem Agrarpool für Westeuropa zu machen, das Land von „niederen Rassen zu säubern“ und mit „arischen“ Bauern zu besiedeln. Innerhalb seiner „niederen Rassen“, standen die Juden an erster Stelle und wurden zudem in direkte Verbindung mit dem Bolschewismus (jüdischer Bolschewik) gestellt, so dass sie in ihrer ohnehin schwierigen Position zudem noch einem doppelten ultraextremistischen (ethnisch-politischen) Feindbild ausgesetzt waren.

Mit dem Auftrag der Sondereinsatzgruppen, das hintere Kriegsfeld von „allen radikalen Elementen zu befreien“, waren somit die Juden im wahrsten Sinne des Wortes „zum Abschuss frei gegeben“.

Mit dem Überschreiten der Frontlinien im Juni 1941 begann der bis heute den Meisten unbekannte „Holocaust der Kugeln“[77]. Die Einsatzgruppen jagten die Juden aus ihren Häusern, terrorisierten sie, trieben sie in Gruppen zusammen und eskortierten sie hinaus aufs Feld, an eine Grube, wo sie sie nacheinander in Reih und Glied aufstellten und erschossen. Unbewaffnete Menschen, Urgroßeltern, Großeltern, Mütter, Väter, Kinder, Kleinkinder und Säuglinge.

In wenigen Monaten bis zum Ende desselben Jahres wurden östlich der deutsch-sowjetischen Grenzlinie (Ribbentrop-Molotow-Linie) durch diese Sondereinheiten eine halbe Million Juden getötet (in der Ukraine ca. 200.000)[78]. Im Folgejahr 1942 mindestens ein weitere Millionen. Mindestens eineinhalb Millionen Juden wurden somit auf bestialische Weise im Kriegsgebiet auf freiem Feld in Massenerschießungen hingerichtet, bevor es in Vernichtungslagern zum Massenmord durch Gas kam.

 

5.2.1. Inkorporation der Ukraine in den deutschen Holocaust

 Gleichzeitig kam es mit dem „Eroberungszug“ der Nazis an unzähligen Orten im Baltikum, Weißrussland und in der Westukraine zu grauenhaften „eigenständigen“ Pogromen an der jüdischen und auch der polnischen Bevölkerung mit insgesamt Zehntausenden von Toten.[79]

Die erste große deutsche Massenerschießung von Juden ungeachtet ihres Alters und Geschlechts, fand Ende August 1941 im westukrainischen Kamenez- Podolsk statt, hier wurden 15 000 aus Ungarn deportierte Juden sowie bis zu 9000 ortsansässige Juden auf eine Hügellandschaft außerhalb eskortiert, wo sie sich in die bestehenden Krater und die zuvor ausgehobenen Gräben legen mussten und mit Maschinenpistolen per Kopfschuss getötet wurden. Viele wurden noch lebend zugeschüttet. Die Überlebenden wurden vorerst gettoisiert, bis auch sie ein Jahr später getötet wurden.

In die ukrainische Hauptstadt Kiew marschierte die Wehrmacht schon im September 1941 ein. Hier lebten 220 000 Juden, der Großteil, der jetzt nicht mehr wie zu Beginn im galizischen Teil überfallen wurde, sondern gewarnt war, flüchtete Richtung Osten, 50 000, zumeist ältere Menschen oder Familien mit Kleinkindern waren geblieben. Am 28. September wurde eine Bekanntmachung herausgegeben, dass sich alle Juden am nächsten Tag mit ihren Papieren und warmer Kleidung zum Kiewer Bahnhof zwecks Umsiedlung zu begeben hätten. Viele folgten diesem Aufruf und sie wurden in Gruppen aus der Stadt an die Schlucht namens „Babyn Jar“ (Altweiberschlucht) geführt. Dort mussten sie sich ausziehen, vor die Schlucht stellen und sich erschießen lassen. Mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen erschossen die Sonderkommandos 33 771 Männer, Frauen und Kinder innerhalb von 36 Stunden. Säuglinge wurden in die Schlucht geworfen und dabei erschossen.[80]

Charkow, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, war mit Flüchtlingsströmen von Hundertausenden auf weit über eine Million Menschen aufgequollen, als sich die Wehrmacht im Oktober näherte, flohen von hier weit über eine halbe Million, dennoch waren ca. 700 000 geblieben, man leistete kaum Widerstand und empfing die Wehrmacht zum Teil als Erretter des durchlebten Stalin Terrors (insbesondere nach Holodomor und großen Säuberungen). Die etwa 20 000 Juden, die zu schwach für die Flucht und geblieben waren, wurden von den Sondereinheiten erfasst, gettoisiert, und ab Dezember täglich in Gruppen von bis zu 300 Personen in der Schlucht „Drobizkij Jar“ erschossen.[81] Denunziationen von Juden, die sich versteckt hielten waren auch im Donbass keine Seltenheit, zu eigenständigen Pogromen der Zivilbevölkerung an den Juden kam es im Donbass, anders als in der Westukraine jedoch nicht [82].

Unter anderem aus Rücksichtnahme vor der „psychischen Belastung der deutschen Soldaten“, hatte man mittlerweile „euthanasieerprobte“ mobile Gaswagen entwickelt und an die Front geschickt, die nun auch hier zusätzlich zum Einsatz kamen.

 

5.3. Donbass – Massenflucht vor faschistischer Monsterwelle

 Der Einmarsch in den Donbass erfolgte ebenfalls Ende Oktober, auch hier waren Hunderttausende jetzt gewarnt und flohen, in Stalino (Donez) flohen 200 000 Menschen, ca. 40 % der Bevölkerung[83] vor dieser faschistischen-Monsterwelle. Es folgten Massener-schießungen von Zehntausenden zurückgebliebenen Juden im ganzen Gebiet.

Mittlerweile arbeiteten führende deutsche Nazis unter Führung von SS Obergruppenführer Reinhard Heydrich auf der Wannseekonferenz im Januar 1942, die „Endlösung der Judenfrage“ für Juden auf deutsch-verwaltetem Gebiet aus.

 

5.4. Distrikt Galizien: Hitlers Generalgouvernement, Zentrum des Holocaust

 Das Generalgouvernement (also westlich der Ribbentrop-Molotow Frontlinie in der Verwaltungseinheit des Deutsches Reichs), in dem zu diesem Zeitpunkt noch ca. 2 Millionen Juden unter brutalsten Bedingungen lebten (davon weit über eine halbe Million im größten Distrikt Galizien), wurde die „Aktion Reinhard“ detailliert geplant, die die Vergasung aller dort heimischen Juden vorsah. Dazu wurden drei große Vernichtungslager (keine Arbeitslager, sondern direkte Tötungsfabriken) ausgebaut, mit Gaskammern und Euthanasieexperten ausgestattet: Belzec (ca. 100 km von Lemberg), Sobibor (Nähe Lublin) und Treblinka (Nähe Warschau). Innerhalb von 15 Monaten hatte man bis Oktober 1943, 2 Millionen Juden des deutschen Generalgouvernements in Polen hier zu Tode gebracht. Alleine in Treblinka binnen 13 Monaten ca. 1 Million Menschen, ebenso viele wie in Ausschwitz-Birkenau bis zum Ende des Krieges (unmittelbar an der südwestlichen Grenze des Generalgouvernements, wohin vorwiegend Juden aus vielen anderen Ländern transportiert wurden).[84]

 

5.5. Hunger – Stalins und Hitlers billige Tötungswaffen

 Währenddessen lief der Zweite Weltkrieg in diesem Gebiet zwischen Hitler und Stalin auf Hochtouren.

Stalin ließ nach dem Angriff der Wehrmacht nunmehr ganze Völker in den Fernen Osten deportieren, so wurden fast eine Million Wolgadeutsche brutal erfasst, in Viehwaggons gepfercht und nach Sibirien verfrachtet, viele überlebten den Transport nicht. Dieses Schicksal ereilte zwei Jahre später noch während der deutschen Besatzung, auch über 200 000 Krimtataren.

Innerhalb der gesamten Ostfront (also Baltikum, Weißrussland, Ukraine, westliches Russland) gerieten fast 4 Millionen deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft, wovon über 1 Million starben. Über 5 Millionen sowjetische Soldaten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft, zwei Drittel überlebten sie nicht. Auch sie sollten in der Rassenideologie von Hitlers östlichem Lebensraum entfernt werden, so wie es für 30 Millionen Bewohner dort geplant war und zwar durch Hunger. Man internierte sie auf blankem Feld und ließ sie bewusst vor den Augen der Bevölkerung ohne Verpflegung, medizinische oder sanitäre Versorgung verhungern, erfrieren, verenden[85]. Auch die zivile Bevölkerung wurde von den Deutschen zum Arbeitseinsatz für die Besatzer verpflichtet, an die 3 Millionen Ostarbeiter litten unter Hunger. „Insgesamt sind unter deutscher Besatzung bis zu 17 Millionen sowjetische Zivilisten umgekommen, die meisten von ihnen durch Hunger oder unerträgliche Lebensumstände.“[86] „Insgesamt hat die Hälfte aller Zivilisten unter deutscher Besatzung gehungert.“ [87] Hunger wurde sowohl von Stalin als auch von Hitler als Massenvernichtungsinstrument genutzt.

Mit der Leningrader Blockade von 1941 bis 1944 hungerte die Wehrmacht die ganze Stadt aus, über 1 Million Zivilisten[88]. In Charkow verhungerten bis Ende 1942 14.000 Menschen[89]. Die Nahrungsmittelsituation betraf aber auch die deutschen Soldaten selbst, die man beorderte, sich so weit als möglich „vom Land“[90] zu ernähren und sie damit zu Plünderung, Requirierung von Lebensmitteln aus der Bevölkerung zwang, bis Hundertausende schließlich zum Ende des Krieges selbst an Hunger, Kälte und Krankheit starben, allein nach der sechsmonatigen entscheidungsträchtigen Schlacht um Stalingrad im Februar 1943 mindestens 100.000 Soldaten der Wehrmacht in der Schlacht um Stalingrad selbst verhungern und erfrieren mussten.

 

5.6. Ostgalizien- Maschinerie zur Leichenschändung der meisten jüdischen Massengräber in Europa

 Etwa zur gleichen Zeit gab SS Reichsführer Himmler den Befehl zur „Einäscherung des gesamten Osten“ (Sonderaktion 1005), hiermit war die Exhumierung der Massengräber und die Verbrennung der Leichen gemeint.[91] Die Spuren der Kriegsverbrechen sollten beseitigt werden. Zumeist die noch am Leben gebliebenen „Arbeitsjuden“ sollten nun Hunderttausende in den letzten beiden Jahren getötete Menschen, von Großeltern bis hin zu Säuglingen, aus den Massengräbern schaufeln, und sie auf einen Rost aus Eisenbahnschienen legen und mit Zwischenschichten aus Holz meterhoch stapeln, dann mit Benzin und Öl übergießen und verbrennen. In Ostgalizien befand sich die dichteste Massierung von Massengräbern in ganz Europa, hier wurden ca. 100.000 Leichen auf diese Weise geschändet. Leichen der gleichzeitig wiedereinsetzenden Massenerschießungen (vor allem in den geschlossenen Gettos und Arbeitslagern), wurden nicht mehr vergraben, sondern direkt verbrannt. Für den Anschluss hatte man Knochenmühlen entwickelt, die die Knochen zermahlten und restliches Zahngold oder Schmuck aussiebten. Drei Monate lange brannten die Leichenberge, ständig roch es nach Menschenfleisch.[92]

Nachdem die Sowjets immer weiter vorrückten, musste man die Sonderaktion, die ohnehin auf große technische Schwierigkeiten stieß, abbrechen und sich auf den eigenen Rückzug vorbereiten. Ende 1943 erteilte Himmler noch den Befehl zur „Aktion Erntefest“, in der die im Distrikt Lublin in Arbeitslagern verbliebenen Juden schnell beseitigt werden sollten. Hier wurden in wenigen Tagen über 40 000 Juden erschossen. In Ostgalizien wurden überlebende Juden aus ihren Verstecken aufgestöbert, gejagt, gehetzt, erschossen. Im ehemals polnischen, österreichischen-ungarischen, dann wieder polnischen, kurzzeitig halbsowjetischen und jetzt deutschen Distrikt Galizien, hatten von weit über einer halben Million ca. 10 – 15000 Juden überlebt, in Lemberg, wo zuvor ca. 130.000 Juden gelebt hatten, wurden am 1.Oktober 1944, 1.689 Juden gezählt.[93]

 

6. Ende Zweiter Weltkrieg: Roter Deckmantel über die ausgeblutete Riesin

 Im Juli 1944 erreichten die Sowjets Lublin, den östlichen Bezirk des Generalgouvernements, erst Ende Januar 1945 die südwestliche Grenze mit dem riesigen Arbeits- und Vernichtungslagerkomplex Ausschwitz. Gleichzeitig erfolgten innerhalb des Flächen-bombardements der Briten mit den Amerikanern die schwersten Luftangriffe, die gezielt die deutschen Kernstädte dem Erdboden gleichmachten.[94] Am 25. April stießen amerikanische und sowjetische Truppen erstmals in der Nähe von Leipzig am Ufer der Elbe zusammen, 5 Tage später erschoss sich Hitler in seinem Berliner Bunker. Drei Monate später, am 15. August 1945, fand der Zweite Weltkrieg mit den beiden amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nakasaki[95], sein letztliches infernales Ende.

Der Hitler-Stalin Pakt hatte weit über 60 Million (Schätzungen mit indirekten Opfern gehen bis zu 80 Millionen) Menschen auf der ganzen Welt das Leben gekostet, fast die Hälfte der Kriegsopfer auf Seiten der Sowjetunion. Und wenn wir hier immer von der Sowjetunion und bis heute von Russland sprechen, so muss ganz klar an dieser Stelle noch einmal verdeutlicht werden, dass das größte territoriale Hauptschlachtfeld des Zweiten Weltkrieges, von dem wir hier reden, das des größten, sich gänzlich in Europa befindenden Landes war, nämlich der heutigen Ukraine. Die zivilen Opfer lagen im westlichen Europa bei über 3 Millionen, davon jeweils um die Million in Deutschland und Jugoslawien sowie fast 600 000 in Ungarn. In Polen waren es um die 6 Millionen Zivilisten mit ca. 3 Millionen Holocaust-Opfern und in der Sowjetunion ca. 14 Millionen zivile Opfer.[96] Die Gesamtanzahl der militärischen Verluste allein aus Deutschland und der Sowjetunion repräsentieren 84% der gesamten erlittenen Verluste in Europa[97]. Dies nur noch einmal, um die Verhältnismäßigkeit und die Bedeutung des eingangs zitierten Satzes aus Timothy Snyders „Bloodlands“ etwas fassbarer zu machen, wenn wir es auch nie begreifen werden: Und „während Stalin und Hitler gleichzeitig an der Macht waren, starben mehr Menschen in der Ukraine als irgendwo sonst … in Europa oder auf der Welt“.[98] Wobei Snyder sein zutiefst unter die Haut gehendes Werk explizit ausschließlich den 14 Millionen zivilen und unbewaffneten Opfern der gezielten Massentötungen von und „zwischen“ Hitler und Stalin widmet.

 

6.1. Ostgalizien fällt in stählerne Hände Stalins, der Widerstand geht weiter

 Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fiel nun auch Ostgalizien (abgesehen von der Zeit zwischen 1939-41) „endgültig“ in die Ukrainische Unionsrepublik der Sowjetunion[99] und damit wie alle sowjeteroberten Gebiete „hinter den Eisernen Vorhang“. Die Welt hatte sich in zwei „Supermächte“ (UdSSR-USA) geteilt.

Die Partisanen der ukrainischen Nationalbewegung Galiziens, die zu Kriegsausbruch und zum Teil während des Krieges situativ mit der und auch gegen die Wehrmacht, gegen die Polen und Bolschewisten gekämpft hatten, waren nunmehr wieder völlig auf sich gestellt und versuchten noch als einzige Gruppe bis in die 50er Jahre hinein[100], sich der sowjetischen Übernahme zu erwehren, bis auch sie ihren Kampf aufgaben.

 

7.  Eine neue Weltära beginnt – Stunde Null

 

7.1. Teilung Europas – Kaugummi vs. Molotow-Cocktail

 Während im nunmehr „geteilten“ Europa (inklusive des daraus resultierenden geteilten Deutschlands) die USA auf der westlichen Seite zur „Stunde Null“ massiv in Wirtschaftsförderung, Entnazifizierung und Demokratisierung investierte (Marshall Plan), setzte Stalin (noch mit Molotow) weiterhin auf Zwangsindustrialisierung (Gulag), Stalinisierung und terroristische Führerdiktatur.

Während im Westen, insbesondere in Deutschland das „Wirtschaftswunder“ einsetzte und man den neuen „american way of life“ einsog, während man in den Schulen von den grausamen Verbrechen der Eltern und Großeltern erfuhr und zum „diskutieren“ aufgefordert wurde[101], gab es im Osten kein Privateigentum mehr, bestimmte die Generallinie der einzigen Partei (KPdSU, Kommunistische Partei der Sowjetunion) den Lebensweg, wurden alle Lehrbücher dieser Linie angepasst[102], wurde in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges alles auf die Glorifizierung des „Großen Vaterländischen Krieges“, auf die Befreiung der Welt von den Faschisten geeicht und subsummiert, wurden die Juden noch kurz vor Stalins Tod zum neuen Feind erklärt, freies Diskutieren praktisch unter Strafe gestellt.

Während sich im Westen Europas Individualität, freie Entfaltungsmöglichkeit und Eigenverantwortung innerhalb von Staat und Gesellschaft ausbreitete, wurde der Mensch in der Sowjetunion mit „graschdanin“ (Bürger) angesprochen, konnte er nur innerhalb der Partei (Einparteinherrschaft) beruflich aufsteigen, übernahm die Partei die staatliche und gesellschaftliche Verantwortung für das Individuum.

Dies galt für die gesamte Sowjetunion, das größte und völkerreichste Land der Erde. Fat ein Fünftel der gesamten Erdoberfläche. Vom mitteleuropäischen Lemberg bis zum nordostasiatischen Wladiwostok (West-Ostausrichtung 10 000 km), von nördlichen Eskimos bis zu südlichen Steppennomaden (Nord-Südausrichtung 5000 km). Für insgesamt 300 000 Millionen Menschen, darunter alleine (bspw. 1959) knapp 120 Millionen in der Russischen Sowjetrepublik, gefolgt von über 40 Millionen in der Ukrainischen und 9 Million in der Kasachischen Republik.[103]

Die Generallinie der Partei erfasste von Moskau aus jeden Winkel des sowjetischen Territoriums. Schul- und Amtssprache wurde Russisch, Literatur und Medien wurden zensiert und vereinheitlicht, Lenin- und Stalindenkmäler über das ganze Reich gepflastert, gleiche Schuluniformen, gleiche Lehraufträge, gleicher Lohn, gleiches Feindbild (der westliche Kapitalismus). Wer nicht gleich sein wollte, für den gab es genügend Platz im Gulag. Wer ins westliche Ausland wollte, der konnte sich zu Letzterem gesellen.

 

8. Der Zerfall des Sowjetimperiums, die Riesin darf aufstehen und taumelt

70 Jahre lang gab es keinen Austausch zwischen den Menschen West- und Osteuropas mehr (für die Westukraine/Galizien knappe 50 Jahre). Dennoch nahm mit Stalins Tod 1953 der Massenterror ab und begann mit Michail Gorbatschows (Generalsekretär der KPdSU 1985-1991, dessen Mutter übrigens Ukrainerin war) Politik der „Perestroika“ (Umbau) eine Liberalisierung des Systems, die alsbald zu einer fast sanften Revolution und zur letztlichen Auflösung der Sowjetunion führte.[104] Die 15 Unionsrepubliken erklärten umgehend ihre Unabhängigkeit, wurden zu eigenständigen Nationalstaaten.

 

8.1. Schweres Gewicht: Alt- und Neulasten auf dem Rücken der taumelnden Riesin

So auch (die) Ukraine am 24. August 1991. Also vor nunmehr gut 29 Jahren. Doch warum an dieser Stelle, nach dieser langen historischen Kriegsverlaufsskizzierung jetzt nicht „Ende gut, alles gut“, warum diese kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine seit nunmehr 6 Jahren? Warum gibt es dort nach fast 30 Jahren unabhängiger Ukraine ein Gebiet, in dem radikale Führer die Loslösung von der neuen ukrainischen Regierung und eine Autonomie durchsetzen wollen?

Ja, natürlich, es bestehen keine Zweifel daran, dass nach alter Manier russische Großmachtinteressen walten, dass es ohne russische Soldaten[105], Söldner und Kriegsausrüstung, möglicherweise gar nicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung gekommen wäre, sie sich sicher aber ohne diese, nicht so lange hätte halten können.

Doch sind es viele Faktoren, die für eine solche Eskalation verantwortlich sind. Die Entwicklung von zwei völlig verschiedenen voneinander abgetrennten Lebenswelten, die fehlende Freiheit und massive Meinungsmanipulation, das Versagen der Planwirtschaft, der Einfluss geopolitischer Machtinteressen oder auch das fehlende große Interesse Westeuropas.[106]

Ein bedeutender Faktor ist in jedem Fall immer die Wirtschaftssituation eines Land und für alle postsowjetischen Ländern gilt, dass bei der Reprivatisierung nach 7 Sowjetjahrzehnten fast alles schiefgelaufen war und sich Personen in bestehenden Positionen und Übergangsgrauzonen wie Kriegsgewinnler bereicherten und daraus ein Spinnennetz von Oligarchen, Korruption und Vetternwirtschaft entstanden ist, das seine  Länder ausgeblutet und missbraucht.[107] In der Ukraine hat es bislang keine Führungsriege dazu gebracht, die Riesin wieder auf ihre Füße zu stellen, die wirtschaftliche Situation der heutigen Bevölkerung ist von niedrigem Lebensstandard bis hin zur Armut gezeichnet. Der aktuelle Netto-Durchschnittslohn bei 200 Euro.[108]

 

8.1.2. Neuer Präsident der Mitte, Aufstiegschance der Riesin

Im Falle der Ukraine hat diese wirtschaftliche Dauerkrise dazu beigetragen, dass bei der Schuldsuche alte Narrative wieder aus der Klamottenkiste gezogen wurden und im Hinblick auf die Kriegsentwicklung eine bedeutende Rolle eingenommen haben. Narrative, das sind Erzählstränge, trivial zusammengefasst, könnte man es hier so erklären, die Lebens-geschichten, die die Großeltern an ihre Enkel weitergeben.

Wer sich bis ans Ende dieses historischen Ausflugs begeben hat, der kann nun seine Phantasie walten lassen, darüber, was die Großmutter in Galizien ihren Kindern und Kindeskindern aus ihrem Leben weitergegeben hat und was der Großvater aus dem Donbass.

Doch haben die Ukrainer mit der überwältigenden Mehrheit von über 73% in ihrer aktuellen Wahl für den neuen Präsidenten der Mitte bewiesen, dass sie verstanden haben, dass sie sich in diesen Kampf ins eigene Fleisch schneiden und damit einen entscheidenden Gordischen Knoten selbst durchschnitten. Damit besteht erstmals eine reale Chance diesen Krieg zu beenden und der Riesin ihren gebührenden Platz in Europa aufzubauen.[109]

 

Referenzliste

[1] Zahlen sind Mittelwerte aus Berichten der Berichte des UNHCR, der OSZE u.a. S. s. bspw. https://www.ohchr.org/Documents/Countries/UA/ReportUkraine16Feb-15May2019_EN.pdf

[2] Snyder Timothy, Prof., Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 423 34756 3, S. 41

[3] S. auch Quellentext in https://www.bpb.de/izpb/209719/geschichte-der-ukraine-im-ueberblick?p=all sowie [3] Ergebnisse der Volkszählungen der K. K. Statistischen Central-Kommission u. a., in: Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. Austrian History Yearbook, Volume XI, Berghahn Books/Rice University Press, Houston 1975, S. 46/47 (Table III).

[4] S. auch in Kappeler, Andreas, Kleine Geschichte der Ukraine, Ch-Beck Verlag

[5]  Kratochwil, Stepan, Diploma Thesis „Die kulturräumliche Heterogenität der Ukraine und ihre Auswirkungen auf den staatlichen Zusammenhalt und die außenpolitische Orientierung“, S. 19 u.a.

[6] S. auch in Kappeler, Andreas, Kleine Geschichte der Ukraine, Ch-Beck Verlag

[7] Struve, Kai, Bauern und Nation in Galizien. Über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert. In Schriften des Simon-Dubrow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur, Hrsg. D. Diner, Band 4, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen, 2005, ISBN 3525369824, S. 71 ff

[8] https://www.galizien-deutsche.de/siedlungsgeschichte/ansiedlung-der-deutschen-in-galizien.htm

[9] Katrin Steffen, Zur Europäizität der Geschichte der Juden im östlichen Europa, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2006, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1370>

[10] Katrin, Steffen, ebd.

[11] The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe. Hrg. von Gershon D. Hundert, Yale University Press, New Haven 2008, ISBN 978-0-300-11903-9.

[12] https://www.galizien-deutsche.de/siedlungsgeschichte/ansiedlung-der-deutschen-in-galizien.htm

[13] Ergebnisse der Volkszählungen der K. K. Statistischen Central-Kommission u. a., in: Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. Austrian History Yearbook, Volume XI, Berghahn Books/Rice University Press, Houston 1975, S. 46/47 (Table III).

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Galizien, Verkehr

[15] Siehe dazu in: Ther, Philipp, Chancen und Untergang einer multinationalen Stadt: Die Beziehungen zwischen den Nationalitäten in Lemberg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in Nationalitätenkonflikte im 20 Jahrhundert, Ursachen von interethnischer Gewalt im Vergleich, in Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Band 59, Osteuropa Institut der Freien Universität Berlin, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2001, ISBN 3447044942, S. 134 ff

[16] Ergebnisse der Volkszählungen der K. K. Statistischen Central-Kommission

[17] Kaps, Klemens, Ungleiche Entwicklung in Zentraleuropa, Galizien zwischen überregionaler Verflechtung und imperialer Politik (1772–1914), Sozial- und wirtschaftshistorische Studien, Band 378, Böhlau Verlag, S. 53 f

[18] Siehe dazu in: Ther, Philipp, Chancen und Untergang einer multinationalen Stadt: Die Beziehungen zwischen den Nationalitäten in Lemberg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in Nationalitätenkonflikte im 20 Jahrhundert, Ursachen von interethnischer Gewalt im Vergleich, in Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Band 59, Osteuropa Institut der Freien Universität Berlin, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2001, ISBN 3447044942, S. 134

[19] Kaps, Klemens, Ungleiche Entwicklung in Zentraleuropa, Galizien zwischen überregionaler Verflechtung und imperialer Politik (1772–1914), Sozial- und wirtschaftshistorische Studien, Band 378, Böhlau Verlag, S. 53

[20] Kortenko, A.L., Martynjuk O.V., Miller, A.I., Maloross: Evoluzija ponjatija do pervoj mirovoj vojny. Kleinrussland, Die Entwicklung der Begriffswahrnehmung vor dem Ersten Weltkrieg, in žurnalnyj zal, http://magazines.russ.ru/nlo/2011/108/ko3.html, s. zu Pkt 11.

[21] Vgl. Pkt.3.2.2

[22] Der Name ‘Kosak’ stammt vom türkischen Wort ‘quzzaq’, das „Abenteurer“ oder ‘freier Mann’ bedeutet.

[23] Kappeler, Andreas. Die Kosaken, C.H. Beck-Verlag, S. 32

[24] Schlögel, Karl, in:

https://www.nzz.ch/feuilleton/rocket-city-am-dnipro-1.18438881

[25] Kratochwil, Stepan, Diploma Thesis „Die kulturräumliche Heterogenität der Ukraine und ihre Auswirkungen auf den staatlichen Zusammenhalt und die außenpolitische Orientierung“, S. 19 u.a.

[26] Kappeler, Andreas, Russland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall. 2. Auflage. München 1993, ISBN 3-406-36472-1, S. 52

[27] Lindner, Rainer,  ebd.

[28] Sommerbauer Jutta, in: https://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4784690/Geburt-des-Donbass_Ein-wildes-Feld-fuer-Magnaten-und-Sowjets, 25.07.2015 um 18:24

[29] Lindner, Rainer, s.o., S. 88

[30] http://www.bpb.de/izpb/209719/geschichte-der-ukraine-im-ueberblick?p=all, Industrialisierung, Abs. 2

[31] Lindner, Rainer, s.o., S 99 ff

[32] Lindner, Rainer, s.o. S.94

[33] Lindner, Rainer, s.o., S. 100

[34] Wietek, Hanns-Martin, in http://blog.zvab.com/2011/05/24/aleksandr-ivanovic-kuprin-teil-1-2/

[35] U.a. in Figes, Orlando „Russland. Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924“. Berlin-Verlag, 2014, ISBN 3827012759, 9783827012753

[36]  http://www.encyclopediaofukraine.com/History.asp#Topic_21

[37] http://wk1.staatsarchiv.at/operative-kriegsfuehrung/1915-karpatenschlachten/

[38] Krusch, Carmen, Drogenpolitik im Wandel der ehemaligen Sowjetunion, Inauguraldissertation, S. 20 f.

[39] Vgl. 2.5.1

[40] http://www.encyclopediaofukraine.com/display.asp?linkpath=pages%5CC%5CE%5CCentralRada.htm, 7.2019

[41]  in Anlehnung an die ukrainische Kosakenherrschaft (Hetmanat) als „Universale“ bezeichnet, gesamt 4 (Juni 2017-Januar 2018) http://www.encyclopediaofukraine.com/display.asp?linkpath=pages%5CU%5CN%5CUniversalsoftheCentralRada.htm, 7.2019

[42] Die Wahl der Parlamente und anderer Staatsorgane, Hrsg. D. Sternebrger, B. Vogel, Handbuch, Band I, Europa, De Gruyter Verlag, Berlin 1969, S. 1170

[43] S. cyclowiki.org, otpravit na svalku istorii

[44] https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1919/dec/16.htm

[45] S. unter https://en.wikipedia.org/wiki/1917_Russian_Constituent_Assembly_election

[46] http://www.encyclopediaofukraine.com/display.asp?linkpath=pages%5CA%5CL%5CAll6RussianConstituent Assembly.htm

[47] http://www.encyclopediaofukraine.com/display.asp?linkpath=pages%5CD%5CO%5CDonetsBasin.htm

[48] Grelka, Frank, Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft 1918 und 1941/42, Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund, Band 38, Harrassowitz Verlag Wiesbaden, 2005, ISBN 3447052597, S. 212

[49] So forderte alleine der sogenannte Steckrübenwinter in Deutschland 1916/17 um eine halbe Million Opfer.

[50]  Vgl. 3.5.

[51]  Grelka, Frank, Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft 1918 und 1941/42, S. 310

[52] Siehe dazu, Grelka, Frank, ebd.

[53] Grelka, Frank, ebd.,S. 351

[54] Grelka, Frank, ebd., S. 349

[55] https:// ru.wikipedia.org/wiki/Петрушевич, Евгений_Емельянович

[56] https:// ru.wikipedia.org/wiki/Левицкий,Константин_Антонович

[57] Struve, Kai, in: Fragmentierte Republik? Das politische Erbe der Teilungszeit in Polen 1918 …

Hrsg. Michael G. Müller, Kai Struve, Wallstein Verlag, S.138

[58] Moser, Benjamin, Clarice Lispector: Eine Biographie, SBN: 978-3-442-74904-1, btb, Juli 2015, S. 26 ff

[59] Penter, Tanja, Staats­grün­dung, „Brot­frie­den“ und Pogrome: Die Ukraine in Krieg, Revo­lu­tion und Bür­ger­krieg (1917–1921), Ukraine Verstehen, 12.4.2018, https://ukraineverstehen.de/penter-staatsgruendung-brotfrieden-und-pogrome-ukraine-in-krieg-revolution-buergerkrieg/

[60] russisch: po =  zeitlich begrenzt oder Aufforderung zur Handlung, grom = Donner, doch hauptsächlich mit Bezug zum Verb gromit´ = vernichten.

[61] https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Sowjetischer_Krieg, 7.

2019, hier unter polnische Offensive

[62] https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Sowjetischer_Krieg, ebd.

[63] https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Sowjetischer_Krieg, ebd.

[64] S.a. Verflochtene Geschichten. Stepan Bandera, der ukrainische Nationalismus und der transnationale Faschismus, by-nc-nd/3.0/ Autor: Grzegorz Rossoliński-Liebe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

[65] Golczewski, Frank, Die Kollaboration in der Ukraine, Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 19: Kooperation und Verbrechen. Formen der „Kollaboration“ im östlichen Europa 1939-1945, 2003, S. 156

[66] Agrusow, Iwan Iwanowitsch, Gründer der IGFM, Verleger von, Schwarzbuch Gulag, Die sowjetischen Konzentrationslager, Hrsg. Dobrowolski, I.W.Leopold Stocker Verlag, ISBN 3-7020-0975-2

[67] S. bspw. in Penter Tanja, Die lokale Gesellschaft im Donbass unter deutscher Okkupation 1941-1943, in: Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 19: Kooperation und Verbrechen. Formen der „Kollaboration“ im östlichen Europa 1939-1945, 2003, S. 194 oder Grelka, Frank, Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft 1918 und 1941/42, S. 416

[68] Lindner, Rainer, Unternehmer und Stadt in der Ukraine, 1860-1914, Industrialisierung und soziale Kommunikation im südlichen Zarenreich, Historische Kulturwissenschaft, UVB Verlag, Konstanz 2006, ISBN 13: 978389669609-0, S. 91

[69] Agrusow, Iwan Iwanowitsch, Gründer der IGFM, Verleger von, Schwarzbuch Gulag, Die sowjetischen Konzentrationslager, Hrsg. Dobrowolski, I.W. Leopold Stocker Verlag, ISBN 3-7020-0975-2

[70] Diese und hier im Absatz folgende Zahlen vor allem aus: Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 50). Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-56233-9 und  Snyder Timothy, Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 423 34756 3

[71] Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 50). Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-56233-9

[72] Zur OUN in Struve, Kai, Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, Der Sommer 1941 in der Westukraine, De Gruyter Verlag, Oldenbourg, ISBN 978-3-11-035998-5

[73] S. hierzu Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 50). Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-56233-9

[74] https://de.wikipedia.org/wiki/Einsatzgruppen_der_Sicherheitspolizei_und_des_SD, 7.2019

[75] Stephan Lehnstaedt: Generalgouvernement. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32558 (Stand 30.04.2015).

[76] Vgl. 3.5. u. 3.10.1.

[77] S. dazu Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 50). Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-56233-9 und

Snyder Timothy, Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 423 34756 3

[78] Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf, S. 332.

[79] Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 50). Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-56233-9

[80] Glasunov, Boris, Direktor des national historischen Museums Babyn Jar, Vorstandsmitglied IGFM-Ukraine

[81] Suchorukow, Andrej Aleksandrowitsch, Dr., 1. Vorsitzender IGFM-Ukraine, Abgeordneter der Ersten Obersten Rada 1991, geboren in Charkow

[82] Penter, Tanja. Die lokale Gesellschaft im Donbass unter deutscher Okkupation 1941-1943, in: Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 19: Kooperation und Verbrechen. Formen der „Kollaboration“ im östlichen Europa 1939-1945, 2003, S. 195.

[83]  https://de.wikipedia.org/wiki/Donezk, 7.2018

[84] S. dazu Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 50). Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-56233-9

[85] S. dazu: Penter, Tanja u.a. in:  Kohle für Stalin und Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953. (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe C: Arbeitseinsatz und Zwangsarbeit im Bergbau, Bd. 8.) Essen, Klartext 2010

[86] Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Rußlands. Stuttgart 1998, S. 259 f.

[87] Christian Hartmann: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945. München 2011, S. 77.

[88] Novitski, Vladimir, RA, Vorsitzender der IGFM-Rußland, Experte für europäische Rechtsgeschichte und Xenophobie, geboren in Leningrad

[89] Suchorukow, Andrej Aleksandrowitsch, Dr., 1. Vorsitzender IGFM-Ukraine, Abgeordneter der Ersten Obersten Rada 1991, geboren in Charkow

[90] Christoph Dieckmann: Das Scheitern des Hungerplans und die Praxis der selektiven Hungerpolitik im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. In: Christoph Dieckmann / Babette Quinkert, Babette (Hrsg.): Kriegführung und Hunger 1939–1945. Zum Verhältnis von militärischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen. Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1492-4, S. 88–122, hier S. 120.

[91] Jens Hoffmann: „Das kann man nicht erzählen“ – „Aktion 1005“ – Wie die Nazis die Spuren ihrer Massenmorde in Osteuropa beseitigten. Hamburg 2008, ISBN 978-3-930786-53-4

[92] Pohl, Dieter, S.379

[93] Pohl, Dieter, S. 385

[94] so noch im Februar 1945 die Bombardierung Dresdens mit mindestens 22 000 zivilen Opfern und 90%iger Zerstörung der Innenstadt. Area Bombing Directiv, 1942

[95] bei denen mindestens 100.000 Zivilisten direkt und Hunderttausende an den Spätfolgen gestorben sind

[96] Zahlen unter anderen aus: Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg Band 10: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Halbband 2: Die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, ISBN 978-3-421-04338-2, Die Menschenverluste im Zweiten Weltkrieg (Karte mit Grafik/Tabelle), ohne Seitenangabe, hinteres Vorsatzblatt (= letzte Doppelseite vor Buchrückseite). Dort angegebene Quellen: Der Große Ploetz 2008; Oxford Compendium; Overmans, Deutsche militärische Verluste; Mourik, Bilanz.

[97] REPERES – Modul 1– Notiz – Bilanz des Zweiten Weltkrieges – DE, unter:

http://fr.wikipedia.org/wiki/Bilan_de_la_Seconde_Guerre_mondiale, S.3

[98] Snyder Timothy, Prof., Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 423 34756 3, S. 41

[99] damals noch ohne die Halbinsel Krim, die erst 1954 von dem ukrainestämmigen Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, der zuvor für die Ukraine zuständig war, der Ukraine „geschenkt“ wurde

[100] Siehe in: Struve, Kai, Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, Der Sommer 1941 in der Westukraine, De Gruyter Verlag, Oldenbourg, ISBN 978-3-11-035998-5

[101] S. auch dazu: Krusch-Grün, Carmen, unter https://humanrights-online.org/de/keine-traene-wert/

[102] S. auch in: Krusch, Carmen, Drogenpolitik im Wandel der ehemaligen Sowjetunion, Inauguraldissertation

[103] Zahlen aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetunion, 2019

[104] S. auch: Segbers, Klaus, Der sowjetische Systemwandel. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1989

[105] Krusch-Grün, Übersetzung aus Nowaja Gaseta (Neue Zeitung) vom 3. September 2014, in: https://humanrights-online.org/de/russland-eine-andere-arbeitsstelle-gab-es-einfach-nicht/

[106] S. auch dazu in: Krusch-Grün, Carmen, Ukraine, Das Ursprungsland der schönsten Melodien pfeift nur noch aus dem letzten Loch, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, August 2018, unter:

https://humanrights-online.org/de/ukraine-das-ursprungsland-der-schoensten-melodien-pfeift-nur-noch-aus-dem-letzten-loch/ (DE/RU/EN)

Krusch-Grün, Carmen, In Odessa ist alles möglich, Sommer 2017, Eine Reflexion über die jüngste Geschichte in (der) Ukraine, unter:

https://humanrights-online.org/de/in-odessa-ist-alles-moeglich/ (DE/RU/EN)

Brennpunkt Ukraine, Was sagen die Nachbarn dazu? 10 Sektionen der IGFM aus der ehemaligen Sowjetunion nehmen Stellung, Hrsg. IGFM, Frankfurt, Mai 2014

[107] Krusch-Grün, Carmen, Menschenrechte in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Hrsg.: IGFM Frankfurt, unter: https://humanrights-online.org/de/igfm-dokumentation-menschenrechte-in-den-laendern-der-ehemaligen-sowjetunion/ (DE/EN)

[108] Ukrainisches Institut für Statistik, 28.07.2017 № 281/0/09.3вн-17

[109] Krusch-Grün, Der neue Präsident der ukrainischen Riesin, der „Komiker“ Wolodymyr Selenskyj, ein Mann zum Grinsen? Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, Frankfurt a.M., 28.07.2019

 

Dr. phil. Carmen Krusch-Grün, Juli 2019