Ukraine
Das Ursprungsland der schönsten Melodien pfeift nur noch aus dem letzten Loch

Ein Bericht von Dr. phil. C. Krusch-Grün,
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte
August 2018

Tiefe Frustration nach 27 Jahren unabhängiger Ukraine und unsägliches Leid. Das größte Land Europas, die Kornkammer, das Land mit den schönsten Melodien pfeift nur noch aus dem letzten Loch.

Small-Talk mit einem ukrainischen Psychologen im Flugzeug nach Kiew
Nach dem Dienstausfall eines Kollegen, sitze ich unerwartet im Flieger auf dem Weg nach Kiew.
Neben mir ein sympathischer älterer Herr aus den Vororten Kiews. Einen Monat war er jetzt in der Schweiz und in Deutsch-land. Seine beiden Kinder arbeiten dort als Psychologen.
Ich frage ihn, wie es jetzt sei mit Poroschenko als Präsidenten, jetzt mit der neuen Regierung nach dem Maidan. „Oh je“, sagt er, alles sei viel schlimmer als früher. Den Menschen ginge es schlechter, die Arbeitslosigkeit steige, viele seien darauf angewiesen, im Ausland irgendwie Geld zu verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Die Alten blieben mit ihren armseligen Renten zurück. Ich frage ihn vorsichtig, wie hoch denn seine Rente sei. Fast etwas peinlich gesteht er, dass seine Rente noch vergleichsweise gut sei, er habe ja aber auch 50 Jahre in führender Position als Psychologe in einem Kiewer Krankenhaus gearbeitet. Umgerechnet 200,- € erhalte er. Liebevoll erzählt er von seinen beiden Kindern und den Enkelkindern, dass er sehr froh darüber sei, dass sie sich im Ausland etablieren konnten, dass er jeden Tag mit ihnen über Skype in Kontakt stehe und dass die Schweiz ihn so fasziniert habe, dort sei es noch schöner als in Deutschland. Ich frage ihn, ob er sich angesichts der schlechten Lage in seinem Heimatland nicht überlege, dort seinen Lebensabend zu verbringen. Bei seinen geliebten Kindern und Enkelkindern. Ja, überlegt habe er schon, aber weder er noch seine Frau sprechen Deutsch, sie leben auf dem Lande in (der) Ukraine und haben dort eine traute und gute nachbarschaftliche Gemeinschaft, sie haben dort ihre Freunde, ihren Garten, ihr Leben. Insofern, nein, eigentlich wollten sie in ihrem hohen Alter ihre Heimat nicht mehr verlassen.
Ich frage ihn, was er von den neuen Sprachgesetzen in der Ukraine halte, die das Ukrainische jetzt sozusagen zwangsverordnen und das Russische zwangsunterbinden sollen. Er antwortet als Kind einer ukrainischen Mutter und eines russischen Vaters (übrigens ebenso wie Michail Gorbatschow) und sicher auch als Psychologe. Für ihn stehe immer der Mensch im Vordergrund, dieser oktroyierte Hass auf die Russen sei nicht natürlich, man müsse immer unterscheiden zwischen den Regierungen und den Menschen. Er hatte immer eine nahe Bindung zu den russischen Menschen, warum solle er sie nun hassen? Ja, Putin sei ein Autokrat, Poroschenko ein Betrüger und insgesamt wimmele es in der Welt derzeit nur so von schlechten Präsidenten, auch dieser Trump sei doch verrückt.
Bis zum Anflug in Kiew sprechen wir weiter, nicht mehr über Politik, sondern über Privates, obwohl wir uns gerade erst zufällig kennengelernt haben. Ich erhalte noch einige warmherzige psychologische Lebenshilfen mit auf den Weg und die Verabschiedung ist herzlich.

Persönliche Begegnungen unseres ÖPR 8 Länderteams, ein wichtiges Moment in der Menschenrechtsarbeit
Aus dem Flieger heraus stelle ich erleichtert fest, dass die angekündigte „schara“ (Hitze) mit Regen, doch nicht so gnadenlos brütet wie in den letzten (und kommenden) Wochen bei uns in Deutschland. Wir werden abgeholt und auf die Hydropark Insel mitten in Kiew in ein künstlerisch eingerichtetes Bootshotel gebracht, bei diesem Wetter ein wunderbarer Ort für einen Workshop, in dem wir uns mit Bloggern aus allen Ländern der Östlichen Partnerschaft treffen, um an unserer gemeinsam entwickelten, länderübergreifenden Menschenrechts-Webseite zu arbeiten. Ein Projekt, das vom Deutschen Auswärtigen Amt unterstützt wird, wofür wir alle sehr dankbar sind. Innerhalb der ÖPR Raums herrscht reges Interesse für die Entwicklungen in der „Nachbarschaft“.
Das 8 Länderteam kennt sich seit vielen Jahren und es ist immer wieder schön mit anzusehen, wie sich alle miteinander verstehen, der russische Vertreter mit den Ukrainern oder Georgiern, selbst die aserbaidschanische mit der armenischen Vertreterin.

Die größte Revolution im kleinsten Land, ein Überraschungsgeschenk zum 70jährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte
Die armenische Vertreterin ist auch die Heldin in der Begrüßungsrunde. Sie strahlt über alle vier Backen, strotzt vor Glück. Alle gratulieren ihr aufrichtig und umarmen sie herzlich. Sie berichtet, dass sie Nikol Paschinjan persönlich noch aus den Uni-Zeiten kenne und von den großen Hoffnungen, die das gesamte Land jetzt in ihn setze. Sie haben es geschafft, eine samtene Revolution von unten. Aber sie wissen auch genau, dass das erst der Anfang sei und dass ihr Präsident jetzt jedwede Unterstützung dringend benötige. Und seit seiner Wahl vor knapp drei Monaten habe sich schon viel bewegt. Täglich würden Korruptionsskandale aufgedeckt, an die Öffentlichkeit gebracht und Strafverfahren eingeleitet, bei denen man sehr auf die Einhaltung der rechtsstaatlichen Ordnung bedacht sei. Täglich gäbe es Demonstrationen, bei denen sich bspw. Studenten für einen neuen Uni-Direktor einsetzten oder Bürger sich gegen den Bau einer Straße wehrten. Es hört sich fast nach Basis-Demokratie an. Was mir imponiert ist, dass Paschinjan den „feindlichen“ Nachbarstaaten geschickt den Wind aus den Segeln nimmt. In seiner Kommunikation mit 7 Meilen Stiefeln über heiße Kohlen geht: Zur Türkei sagt er, die internationale Anerkennung des Genozids sei keine Frage der armenisch-türkischen Beziehungen. Aserbaidschan schlägt er eine friedliche Lösung des Berg-Karabach Konflikts mit Einbeziehung der OSZE vor. Und noch während des zweiten Tages unseres Workshops, lässt er den ehemaligen Präsidenten Kotscharijan wegen Wahlmanipulation und Schießbefehl auf Demonstranten mit Todesfolge verhaften.
In wirtschaftlicher Hinsicht verfügt er über moderne und qualifizierte Berater, die wissen, dass die Überwindung von Korruption und Bestechung, der „Kleptokratie“, (so die Bezeichnung aus dem berühmten Buch „Why Nations fail“ eines seiner Wirtschaftsberater) von prioritärer Bedeutung ist. Ebenso sucht er die finanzielle Unterstützung aus der weltweit verstreuten Diaspora, mehr als doppelt so vielen Armeniern als im kleinen, armen Armenien (mit knapp 3 Millionen Einwohnern) selbst.

Neben allen Zweifeln an Erfolgen von „schnellen“ Revolutionen, lasse ich mich doch gerne von der Freude anstecken, denn leider gibt es in der Menschenrechtsarbeit nur allzu selten Anlass dazu und – so erscheint es mir gerade in den letzten Jahren – kommen Menschenrechtsverletzungen aus Ländern hinzu, von denen man bislang dachte, dass sie die Allgemeine Erklärung für Menschenrechte mit der Muttermilch aufgenommen hätten. Angesichts ihres 70jähriges Jubiläums in diesem Jahr ein bitteres Geschenk.

Fußball WM in Russland, strikte Trennung von Länderspiel und -konflikt?
In der Runde sind auch viele Sportfreunde, die den russischen Vertreter fragen, wie er die WM in Moskau erlebt habe. Der Moskauer erzählt wie beeindruckend es war, diese Menschenmengen aus aller Herren Länder auf den Straßen live mitzuerleben. Es wäre etwas sehr Besonderes für alle gewesen und fast dankbar hätten sie die Gelegenheit genutzt, diesen Gästen zu zeigen, dass sie keine kalten, bösen Menschen seien und ihrer Ansicht nach, sei ihnen dies auch während der WM gut gelungen. Politik und internationale sportliche Wettkämpfe müsse man trennen. Auch Provokationen wie von Shakiri oder Vida, hätten auf dem Spielfeld nichts verloren. „Und was ist da eigentlich bei euch mit diesem Özil?“, ja, das war eine Frage, die plötzlich alle interessierte. Ich berichte, dass er sich mit dem türkischen Präsidenten habe fotografieren lassen und deswegen stark kritisiert wurde. Ich sehe, dass niemand versteht, was genau ich damit meine und auch wird gleich nachgehakt: „Wieso darf er sich nicht mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen, er ist stammt doch aus der Türkei, oder?“ Etwas echofiert erkläre ich, dass ein Spieler der deutschen Nationalmannschaft auch deutsche Repräsentationspflichten hat und dass er, wenn er sich vor der Präsidentenwahl mit einer herzlichen Geschenkübergabe seines Trikots an Erdogan fotografieren ließe, praktisch als Repräsentant Deutschlands dessen Wahlkampf unterstütze. Und fast alle hier von uns haben doch im letzten Jahr mit Can Dündar zusammengesessen, wir wissen doch, wie viele Menschen Erdogan hinter Gitter gebracht habe. Ja, alle nicken, doch sind sie eher amüsiert darüber, dass ich mich so aufrege, als dass sie nachvollziehen können, was ich meine. Und wieder ein Nachhaken: „Das heißt, sein Recht auf Meinungsfreiheit gilt für ihn nicht?“ Ich versuche weiter zu erklären, dass bei uns Fußball eine große Bedeutung hat, dass es in jedem Dorf, in jeder Stadt einen Fußballverein gibt, dass für uns Nationalspieler irgendwie auch Ehren- und Würdenträger unseres Staates sind. Noch immer ungläubige Gesichter um mich herum. Fast erzürnt sage ich: „Ein deutscher Fußballnationalspieler, der in unserer freiheitlichen Demokratie aufgewachsen ist, hat nicht mit einem Diktator vor aller Öffentlichkeit zu posieren, der Zehntausende unschuldiger Bürger ins Gefängnis wirft!“ Ich bin nicht sicher, ob sie mich jetzt verstanden haben, bin auch nicht sicher, ob ich das Richtige gesagt habe, komme mir selbst irgendwie schlecht vor, aber jetzt haben sie eindeutig verstanden, warum das Thema Özil so viel Platz in unseren Medien einnahm. Zumindest gibt es keine fragenden Blicke mehr, nur noch zurückhaltendes amüsiertes Lächeln.
Eine strikte Trennung von Spiel und Konflikt mag für das Spiel auf dem Spielfeld gelten, aber außerhalb dessen, sollte –meiner Meinung nach- die Weltaufmerksamkeit als respektvoller Austragungsort für das Ansprechen von bestehenden Länderkonflikten genutzt werden.

Alles nur Fake? Neues ukrainisches Schulbuch, Identitätsfindung unter Zeitdruck
Der Moldauer Kollege ist im Internet auf ein neues ukrainisches Geographie-Lehrbuch für die achten Schulklassen gestoßen, das angeblich vom Bildungsministerium per Gesetzerlass empfohlen werde. Ich sitze in der Nähe und höre zu wie er daraus vorliest:

Das Land mit den schönsten Melodien
Die Ukraine existiert seit tausend Jahren in denselben Grenzen; die Ukraine hat die meisten und melodischsten Volkslieder, auf der alle Musik der Welt aufbaut. Der ethnische Ukrainer besitzt Kampfgeist, ist ein Heldensoldat, der den Westen damals wie heute beschützt, die ukrainische Frau ist für ihre Schönheit bekannt. Deutsche Wissenschaftler weisen die Ukrainer als die deutschen Slawen aus und amerikanische Wissenschaftler bestätigen, dass das ukrainische Volk das älteste der Welt ist. Die unwiderstehliche Sehnsucht nach den Sternen ist ein Merkmal des ukrainischen Charakters und dafür verantwortlich, dass die Ukrainer die Raumfahrt mehr beeinflusst haben als alle anderen Länder der Erde zusammen. Und der ukrainische Weizen, ernährt heute die ganze Welt. So ist es das ukrainische Volk, das dem Rest der Welt das Lied, Brot und Flügel gab.

Drumherum gibt es Gelächter, auch ich erwische mich beim Lachen. Wir kommen gemeinsam zu dem Schluss, dass dies nun wirklich nur ein „Fake von russischer Seite“ sein kann. Sicher, die Ukraine hat einen immensen Bedarf an eigener Identitätsbildung, an strikter Trennung von allem Russischen, aber da gäbe es sicher anderes vorzuweisen, als das Land mit den meisten melodischen Volksliedern und dergleichen.

Migration in Europa, ein ukrainisches Erklärungsmodell für junge Mittelschüler
Während die obigen Sätze eher zum Amüsement beitrugen, gibt es noch einen Abschnitt, den ich alles andere als belustigend empfinde:
„Bis vor kurzem herrschte in europäischen Ländern die Theorie und Praxis des Multikulturalismus. Europäische Politiker glaubten, dass Einwanderer aus anderen Ländern, nach und nach die Kultur und Traditionen ihrer Länder und Völker wahrnehmen würden, die Sprache lernten, zu Deutschen, Franzosen, Italienern usw. würden. Aber das ist nicht passiert. Vertreter nationaler Minderheiten haben eine isolierte Existenz vorgezogen, indem sie ihre eigenen Traditionen, Sprache, Religion usw. bewahrt haben. Und heute sehen wir, dass sich dieser Trend in der Welt verbreitet. Nationale Minderheiten siedeln sich in ihren eigenen Vierteln und Gebieten an, in denen sie es vorziehen, Fremde nicht zuzulassen. Also, in europäischen Ländern bilden sich eigentümliche Ministaaten nationaler Minderheiten. Sie verhalten sich oft nicht nur neutral gegenüber den traditionellen Staaten und deren Bürgern, sondern auch feindlich.“

Tiefe Frustration nach fast 30 Jahren unabhängiger Ukraine und unsägliches Leid. Das größte Land Europas, die Kornkammer, das Land mit den schönsten Melodien pfeift nur noch aus dem letzten Loch.
Boris, mein alter ukrainischer Kollege, der sich zur Begrüßungsrunde gesellt hat, ist überzeugt, dass dieses Lehrbuch kein Scherz und kein russischer Fake sei. Für ihn sei seine Heimat zum reinsten „Irrenhaus“ geworden.
Boris, ein mutiger Menschenrechtler aus alten Sowjetzeiten und ehemaliger Mitarbeiter der ersten Obersten Rada nach der Staatenbildung der Ukraine 1991. Ich erinnere mich wie stolz und enthusiastisch damals alle waren. Ich verstehe, dass er enttäuscht und wütend ist. Es sind jetzt fast dreißig Jahre vergangen und wo ist der enthusiastische Pioniergeist der Erbauer gelandet? Seit Jahren herrscht Krieg in der Ostukraine, zwei Millionen Flüchtlinge, mehr als Zehntausend Tote, noch mehr Verwundete, die Ukrainer in den Kriegsgebieten leben unter extremer Not, „unsägliches Leid“ so ein OSZE-Verantwortlicher, jeden Tag fallen noch immer Schüsse. Das größte Land Europas, die Kornkammer, das Land mit den schönsten Melodien, pfeift nur noch aus dem letzten Loch. Und diese Töne scheinen zu schwach im aktuellen Weltgetöse der Pauken und Trompeten. Die Oligarchen teilen sich die Schokoladenseite der Macht und geben dem Volk nichts davon ab. Nationalistische Simplifizierungen bis zum Absurden, Rowdytum, Rechtswillkür, unmenschliche Haftbedingungen. So ungefähr jedenfalls empfindet es mein alter Freund.

Auf dem richtigen Weg in der Schleuse zu Europa
Ganz im Gegensatz zu einem anderen alten ukrainischen Freund, den ich letztes Jahr in Odessa besuchte. Für ihn ist die Ukraine auf dem einzig richtigen Weg, nach dem Maidan endlich in der Schleuse zu Europa, gerichtet auf Freiheit und Unabhängigkeit, nur weg vom ewigen Thron Putins, weg vom Sowjetmodell. Wenn Poroschenko ein schlechter Präsident sei, dann werde er ganz einfach nicht mehr gewählt und es werde ein neuer folgen und wenn dieser schlecht sei, würde er (bzw. heute aktuell sie, da vermutlich Timochenko) wieder abgewählt. Irgendwann komme schon ein guter. Wichtig sei die Zielrichtung.

Rowdys in Kiew, nichts Außergewöhnliches
Auch hatte er mir gesagt, dass die rechts-nationalistischen Parteien, nachdem man sie während des Maidan als „Frontkämpfer“ genutzt hätte, sich sozusagen im Nichts aufgelöst hätten. De facto gibt es allerdings noch immer zahlreiche Restbestände, gewaltbereite nationalistische Hardliner, die auf einen Kriegsdienstverweigerer wie Ruslan Kotsaba einschlagen, die Gerichtssäle zertrümmern oder Anschläge auf Sinti und Roma verüben und die nicht genügend im Zaum gehalten werden. Auch „einfache“ gewaltbereite Gruppen scheinen den Respekt vor der Staatsräson verloren zu haben.
Denn am nächsten Morgen erfahre ich beim Frühstück, dass einige aus der Gruppe am späten Abend noch in eine Karaoke Bar gegangen waren, wo plötzlich eine Gruppe von zehn vermummten Männern auftauchte, die innerhalb kürzester Zeit das ganze Lokal verwüsteten und dann wieder verschwanden. Die Gäste seien allesamt still sitzen geblieben, später sei die Polizei gekommen und alles war, als wenn nichts gewesen wäre. Das sei nichts Ungewöhnliches, hätten die anderen Gäste dann gesagt. Ich bin schockiert, rufe die ukrainischen Kollegen zusammen und gebe den Bericht wieder. Ja, leider sei das nichts Außergewöhnliches, so etwas könne auch am helllichten Tag geschehen. Wir halten noch eine Gruppensitzung ab, in der wir alle Teilnehmer informieren und bitten, potentiell zwielichtigen Situationen aus dem Wege zu gehen.

Come back von Timochenko am 31. März 2019 – kein Aprilscherz?
Danach gehen wir an die Arbeit, unsere vor zwei Jahren gemeinsam entwickelte länderübergreifende Webseite ist ja ein sehr sensibles, lebendiges Produkt, das gleichzeitig ständigen technischen Neuerungen und Anpassungen unterliegt. Wir arbeiten das ganze Wochenende über angestrengt und konzentriert, gut, dass es in Kiew nicht so heiß ist wie bei uns und dass unser Seminarraum auf dem Dnepr liegt. Auch für sensible Themen, die nicht auf unsere Webseite gelangen, bleibt Zeit an diesem Wochenende, dennoch verfliegt die Zeit und die Verabschiedung in dieser besonderen Runde ist immer ein bisschen schmerzlich.

Schon sitze ich wieder im Taxi zum Kiewer Flughafen Borispol, der Taxifahrer fragt, ob ich es passend habe, er habe kein Wechselgeld. 189 Griwna waren mit seinem Taxiunternehmen vereinbart. Das sind umgerechnet ca. 6 € für 35 km. Bei einem Benzinpreis von 95 Cent pro Liter, bleiben seinem Unternehmen noch knapp 3 Euro. Wieviel der Fahrer davon erhält, weiß ich nicht. Ich gebe ihm 210 Griwna, sage es stimmt so und er freut sich über 70 Cent Trinkgeld. Wenn auch mit schlechtem Gewissen, genieße ich den Luxus der Taxifahrt, wohlwissend, dass ich mich in Frankfurt wieder in das Gedränge der öffentlichen Verkehrsmittel stürzen muss.

Ich frage ihn, wie es jetzt sei mit Poroschenko als Präsidenten, jetzt mit der neuen Regierung nach dem Maidan. „Oh je“, sagt er, alles sei viel schlimmer als früher. Den Menschen ginge es schlechter, die Arbeitslosigkeit steige, viele seien darauf angewiesen, im Ausland irgendwie Geld zu verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Die Alten blieben mit ihren armseligen Renten zurück. Ich frage ihn nicht nach seiner zukünftigen Rente. Ich sage, es scheint, als würde Timoschenko bei den Wahlen im nächsten Jahr das Rennen machen. Ja, sagt er, sie sei die letzte Hoffnung, sie könne sich bei „denen da oben“ behaupten, nicht so wie Poroschenko, der sei zu schwach. Sie würde den Krieg beenden und dafür sorgen, dass es den Menschen in der Ukraine wieder besser gehe.

Ich finde es erstaunlich, dass Timochenko, die vor vier Jahren noch „die russischen Hunde und ihren Anführer selbst erschießen“ wollte, jetzt als die Friedenbringerin wahrgenommen wird. Dass sie als Oligarchin und nach ihren zahlreichen Verstrickungen in Korruption, schon lange vor ihrem damaligen Amt als Premierministerin, jetzt als Hoffnungsträgerin gegen die soziale Not in der Bevölkerung gesehen wird.
Dass Poroschenko nicht mehr gewählt wird, das war schon lange klar, die IGFM hatte vor 4 Jahren schon vor einer übereilten Wahl mit ihm als praktisch einzigem Kandidaten abgeraten. Aber dass nun Timochenko wieder an Platz 1 steht, ist doch etwas verwunderlich. Anscheinend hat sie mit ihrer Kehrtwende, weg von kriegstreibenden, hin zu versöhnlichen Tönen und dem Versprechen sich der sozialen Not der Bevölkerung anzunehmen, genau die „Wo tut´s denn weh Stelle“ getroffen.
Dass sie sich – auch als Frau – von „denen da oben“ nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, ja das hat sie in ihrer außergewöhnlichen Vita zumindest zweifelfrei bewiesen. Das traut man einem bekannten Rocksänger oder Schauspieler (unter den 14 Präsidentschaftskandidaten) nicht zu.

„Die Da Oben“ – „Oni nam ne dadut“- Sie lassen uns nicht
Obgleich ich die Antwort eigentlich kenne, stelle ich eine letzte Frage: „Gibt es denn niemanden Vernünftigen aus dem Volk, eine Partei des Vertrauens, des Volkes mit einem soliden Programm?“. „Ah wie kommen Sie denn darauf, oni sche nam de dadut- wörtlich: sie geben es uns nicht“, kommt es auch schon wie aus der Pistole geschossen.
Mir wird wieder ganz flau im Magen, 27 Jahre nach der Unabhängigkeit, 4 Jahre nach dem Maidan und immer noch diese Antwort.

P.S. Kein Fake
Zurück in Frankfurt erhalte ich am nächsten Tag eine Mail mit dem Link zur Verordnung des Ministeriums sowie zu dem neuen ukrainischen Schulbuch.