Ein persönlicher Nachruf auf Mart-Olav Niklus

von Carmen Jondral-Schuler, RA, Vorstandsmitglied der IGFM, Deutsche Sektion

Im Museum mit einer Legende

Bei einer Delegationsreise der IGFM nach Estland im Jahr 2017 lernte ich Mart-Olav Niklus in Tallinn kennen. Mit seinen 83 Jahren wirkte er nicht wie ein von vielen Jahren sowjetischer Lagerhaft gezeichneter Mann, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Im Gegenteil – er strahlte einen freundlich, interessiert zugewandt an und in Gesprächen blitzte immer wieder sein guter Humor auf. Auffällig war ein T-Shirt, das er trug mit der Überschrift Gulag und einem Zitat von Aleksandr Solschenizyn aus dem Buch „Der Archipel Gulag: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und auch nicht zwischen politischen Parteien, sondern mitten durch jedes menschliche Herz, und durch alle menschlichen Herzen.“ Niklus mochte T-Shirts mit einer Botschaft. Einige Monate später nahm er in Frankfurt als Referent an der IGFM Herbsttagung teil und schenkte mir eines dieser T-Shirts mit dem Gulag-Zitat, das ich seitdem zu jeder IGFM Jahrestagung in Bonn trage.

Im Jahr 2022 traf eine Delegation von IGFM und BdV Mitgliedern Mart-Olav Niklus in Lettland wieder. Und es ist wieder ein T-Shirt, das Niklus trägt mit einem Spruch, der auffällt. Dieses Mal ist es das Zitat „Fear is a habit; I am not afraid“ (übersetzt: „Angst ist eine Gewohnheit; ich habe keine Angst.“, das der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechts-Ikone Aung San Suu Kyi, zugeschrieben wird. Selten passt ein Zitat so gut zu einer Person wie zu Mart-Olav Niklus. Mutig  und unerschrocken ist er seinen Weg als Menschenrechts- und Freiheitskämpfer gegangen und hat dafür einen hohen Preis gezahlt. Trotz äußerer Unterdrückung behielt er seine innere Freiheit, der Angst keinen Raum zu lassen.

Die Gruppe besuchte seinerzeit  u.a. im Okkupationsmuseum in Riga die neu konzipierte Dauerausstellung sowie eine Sonderausstellung unter fachkundiger Leitung eines Museumsmitarbeiters. Die modern und interaktiv gestaltete Dauerausstellung geht mit ihren Dokumenten aus dem Alltagsleben in der Verbannung und der Lagerhaft unter die Haut.

Während wir durch die Ausstellung geführt werden, hält Mart-Olav Niklus immer wieder an Portraits politischer Häftlinge wie dem bekanntesten politischen Gefangenen Lettlands Gunars Astra oder dem lettischen Poeten und Nationalhelden Knuts Skujenieks an und teilt wie nebenbei mit, dass er mit jenen die Zelle in den mordwinischen und den Permer Lagern geteilt und die Haftzeit verbüßt hat. Während seiner langen Jahre in Haft hatte Niklus viele freundschaftliche Kontakte mit zahlreichen Dissidenten geknüpft.

Wir stehen vor einer Ausstellungsvitrine. Mart-Olav Niklus betrachtet schweigend die ausgestellte Lagerkleidung mit ihrem groben Stoff, den wattierten Stiefeln, der Mütze fast so, als würde er sie zum ersten Mal sehen.

Die Modernität der Ausstellung mit ihren Lichteffekten stellen einen krassen Gegensatz dar, vielleicht ist es das, was eine Distanz zum Objekt bewirkt.

Tatsächlich hat Mart-Olav Niklus bei unseren Begegnungen nie von sich aus über seine Lagerhaft gesprochen und er suchte auch nicht das Gespräch darüber.

Das Museum wartet noch mit einer Sonderausstellung auf „The USA: A save haven when the homeland is occupied, 1940 – 1991“. Es geht um die Rolle der Exil-Letten, die den Widerstand gegen die sowjetische Okkupation durch Proteste im Ausland und mit Petitionen unterstützte. Auch hier findet Niklus sich voller Überraschung auf einem Protestplakat wieder, das seine eigene Freilassung fordert und er freut sich sichtlich darüber.

Der Museumsmitarbeiter, der natürlich wusste, wen er vor sich hatte, ist voller Ehrfurcht und bittet am Ende um eine Eintragung ins Museumsbuch, dem Niklus gerne nachkommt. Später wurde er als wichtiger Zeitzeuge noch von wissenschaftlichen Mitarbeitern für das Archiv des Museums interviewt.

Nie werde ich diesen besonderen Besuch im Okkupationsmuseum in Riga mit einer Legende vergessen. Ruhe in Frieden, lieber Mart-Olav Niklus.

Fotos zum Text: Carmen Jondral-Schuler

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Mart Olav Niklus

Mart Olav Niklus trägt sich ins Museumsbuch ein Okkupationsmuseum RigaOkkupationsmuseum Riga 2022 Sonderausstellung Mart Olav Niklus