Keine Träne wert?

Wir sind schockiert über die Wahl Donalds Trumps zum Präsidenten von den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir analysieren: Was hat er denn eigentlich alles genau gesagt? Wie hat er es gesagt? Wie ernst meint er es? Bilder schwirren im Kopf, 1945 die Amerikaner in ihren tollen Jeeps wie sie Kaugummis an deutsche Kinder verteilen, als die „Befreier“ kamen und uns nicht bestraften, sondern erzogen. Eine Art Schock Therapie. Hier schaut sie euch an, eure KZs, eure Gaskammern, eure Leichenberge. Dafür seid ihr verantwortlich, weil ihr euch nicht an grundlegende Rechte und Werte gehalten habt, weil ihr kein Rückgrat gezeigt habt. Sie lehrten uns Demokratie. Wir lernten zu diskutieren, zuzuhören, den anderen seine Meinung sagen zu lassen, die eigene Meinung zu äüßern, sie zu begründen. Wir lernten wie wichtig die Gewaltenteilung für einen Rechtsstaat ist und warum es universelle Grundrechte geben muss. Danke dafür Amerika! Auf dieser Basis diskutieren wir jetzt: Die Mauer zu Mexiko, die Ausgrenzung von Muslimen, die Wiedereinführung von Waterboarding, sein Einsatz für die Todesstrafe auch bei Minderjährigen, seine Bewunderung für Putin als Autokraten, seine Einstufung unserer Kanzlerin als geisteskrank, seine Einstellung zu Vergewaltigung in der Ehe, zu Arbeitnehmerrechten, die Bestrafung von Abtreibung und und und. Wir sind schockiert, wir diskutieren und analysieren um die Wette. Wir relativieren. Wir warten erst einmal ab…

Source: Carlos Latuff via Wikimedia Commons

Ich bin schockiert, ich analysiere, versuche zu relativieren, gar Chancen für Europa herauszukristallisieren…
Ich komme ins Büro, seit Kurzen haben wir eine neue Mitarbeiterin, eine junge Deutsch-Amerikanerin. Ihr hübsches Gesicht ist rot und verweint. Sie schaut mich an und weint.
Bilder aus meiner Jugend steigen in mir hoch, Erinnerungen an meine heißen Tränen beim Anblick der Verbrechen meiner Eltern und Großeltern. Meines Landes.
Und plötzlich rinnen sie auch mir wieder, die Tränen.