Die russische Gesellschaft ist atomisiert

In Russland leben Angehörige verschiedener indigener Völker. Zum Beispiel die Itelmenen in Kamtschatka. Der itelmenische Menschen-rechtsaktivist Dmitry Berezhkov, der im norwegischen Exil lebt, erklärt, wie sie im Reich Wladimir Putins unterdrückt werden.

VON MICHAEL LEH

Dmitrij Berezhkov stammt von der Halbinsel Kamtschatka im Fernen Osten der Russischen Föderation. Der 47-Jährige gehört zum kleinen indigenen Volk der Itelmen, von dem heute nur noch etwa 2.500 Menschen leben. Nach der russischen Kolonisierung Kamtschatkas am Ende des 17. Jahrhunderts schrumpfte ihre Zahl drastisch. Vor der Ankunft der Russen und Kosaken lebten schätzungsweise rund 25.000 Itelmen in der Region. Mehrere Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, Frauen und Kinder versklavt und deportiert. Auch eingeschleppte Krankheiten, gegen die die indigene Bevölkerung keine Immunität besaß, dezimierten die Völker des Fernen Ostens.

In Kamtschatka leben außerdem Korjaken, Ewenen, Tschuktschen, Kamtschadalen und Aleuten. Die Entfernung von Deutschland zur regionalen Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski an der Pazifikküste beträgt rund 8.000 Kilometer Luftlinie. Die 1740 gegründete Stadt hat heute etwa 180.000 Einwohner und ist ein wichtiger Stützpunkt der russischen Pazifikflotte.

Dmitry Berezhkov

Dmitrij Berezhkov Foto: Michael Leh

Tjan Zaotschnaja

Tjan Zaotschnaja Foto: GfbV

Flucht ins Ausland

Dmitrij Berezhkov ist Putin-Gegner. Bereits als Jugendlicher war er in der indigenen Bewegung in Kamschatka aktiv. Nach seinem Pädagogik-Studium arbeitete er mehrere Jahre als Geographie-Lehrer sowie im Informationszentrum für indigene Völker in Petropawlowsk-Kamtschatski. Seit 2004 war er Vizepräsident der „Russischen Vereinigung der indigenen Völker des Nordens“ (RAIPON). Aufgrund von Bedrohungen und Verhören durch den russischen Geheimdienst musste er 2011 ins Ausland fliehen. In Norwegen erhielt er politisches Asyl und setzt seither vom norwegischen Tromsø aus seine Arbeit fort. Tromsø, 344 Kilometer nördlich des

Polarkreises gelegen, ist Sitz des „Arktischen Rates“, welcher sich auch für die Interessen der indigenen Völker in der dortigen Region einsetzt.

Berezhkov gründete mit anderen als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im März 2022 im Exil das „Internationale Komitee indigener Völker Russlands“ (ICIPR ). Dessen Vorsitzende ist die heute im Münchner Exil lebende Itelmenin Tjan Zaotschnaja eine studierte Meterologin. Sie war von Kamschatka nach Moskau gegangen, hatte einen sowjetischen Dissidenten geheiratet und mit ihm Untergrundzeitungen herausgegeben. Sie ist heute Mitglied der Münchner Regionalgruppe der Gesellschaft für bedohte Völker (GfbV) und setzt sich besonders auch für den Erhalt der itelmenischen Sprache und Kultur ein.

Gott in Rabengestalt

Herausragende sehr frühe Zeugnisse über das Leben der Itelmenen hat der aus Mittelfranken stammende deutsche Arzt, Naturforscher und Ethnologe Georg Wilhelm Steller (1709 -1746) überliefert. In seinem umfangreichen Werk „Beschreibung von dem Lande Kamtschatka“ berichtet er auch von der Religion der Intelmenen. Nach ihrer Anschauung hat ein Gott in Rabengestalt mit Namen Kutka die Welt geschaffen. Kutka habe dabei allerdings viele Fehler gemacht, stellten die Itelmenen fest, weswegen er von ihnen oft auch verwünscht, beschimpft oder verlacht wurde. Kutkas kluge Frau Chachy musste nach dem Glauben der Itelmenen oft dessen Fehler korrigieren.

Foto 3 Fest Alchalalalaj in Kovan

Itelmen feiern das Alchalalalaj-Fest im Jahr 1997 im Dorf Kovran auf Kamtschatka. Foto: Tjan Zaotschnaja

Dachorganisation unter Putins Kontrolle

Dmitrj Berezhkov schildert in Berlin im Gespräch mit dieser Zeitung die Lage der indigenen Völker Russlands, ihre Diskriminierung und wie sie zugleich von Putins Propaganda noch benutzt werden. Die offizielle Dachorganisation der Indigenen in Russland (RAIPON) sei längst unter völliger Kontrolle des staatlichen Machtapparates. Deren Vertreter hätten schon im März 2022 eine Erklärung unterzeichnet, in der es hieß, die indigenen Völker Russlands würden Putins Krieg gegen die Ukraine unterstützen. Diese Propaganda-Lügen würden international und auch gegenüber dem „globalen Süden" verbreitet. „Die indigenen Völker Russlands unterstützen den Krieg in

Wahrheit jedoch nicht, mindestens nicht alle", betont Berezhkov. In einer Deklaration des ICIPR vom März 2022 hieß es bereits:

„Wir – die unterzeichnenden Vertreter der indigenen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens, die gegen unseren Willen außerhalb Russlands leben – sind empört über den Krieg, den Präsident Putin gegen die Ukraine entfesselt hat." Die gesamte Bevölkerung der Ukraine befinde sich in großer Gefahr. „Alte Menschen, Frauen und Kinder sterben. Städte und Gemeinden eines unabhängigen Landes werden zerstört, weil ihre Bewohner sich nicht dem Willen eines Diktators und Tyrannen unterwerfen wollten", hieß es in der Deklaration weiter. Und: „Als Vertreter der indigenen Völker bekunden wir unsere Solidarität mit dem ukrainischen Volk in seinem Kampf für Freiheit und sind äußerst besorgt um die Gewährleistung der Rechte der indigenen Völker während des Krieges auf ukrainischem Gebiet, einschließlich der Krim-Halbinsel, die weiterhin illegal von Russland besetzt ist." Das ICIPR appellierte an „die internationale Gemeinschaft, RAIPON nicht länger als legitimen Vertreter der indigenen Völker Russlands anzuerkennen".

Wie die Burjatin Maria Vyushkova in der Zeitschrift für Menschen- und Minderheitenrechte der „Gesellschaft für bedrohte Völker" anhand von Zahlen nachweist, sterben Angehörige ethnischer Minderheiten Russlands überproportional oft im Krieg gegen die Ukraine. „Sie haben die höchste Pro-Kopf-Todesrate zu beklagen und werden häufiger als andere Gruppen eingezogen oder rekrutiert", so Vyushkova.

Nicht viele wollen die Wahrheit wissen 

„Wir sind nur eine kleine NGO", erklärt Berezhkov über das ICIPR, „aber die russische Regierung hat uns auch noch neben anderen als ,extremistische Organisation´ eingestuft". Berezhkov ist auch Chefredakteur des seit 2019 bestehenden Online-Magazins „Indigenes Russland". Am 2. Februar berichtete er dort von Verhaftungen indigener Menschenrechtsaktivisten im Dezember in Moskau: „Unter den Festgenommenen befand sich auch Daria Egereva, eine Frau, die in der internationalen indigenen Gemeinschaft für ihre beständige Menschenrechtsarbeit in UN-Foren, unter anderem zu den Themen Klima, Biodiversität und Rechte indigener Frauen, bekannt ist." Daria Egerova sei im Gefängnis wegen ihrer „jahrelangen offenen, gewissenhaften und professionellen Arbeit – der Verteidigung der Rechte indigener Völker, einer der am stärksten gefährdeten und benachteiligten Gruppen in Russland". 

Was wissen die Menschen im fernen Kamschatka über den Krieg in der Ukraine? Was können sie trotz der staatlichen Propaganda und der Überwachung auch im Internet erfahren? „Es ist für normale Leute schwieriger geworden, sich zu informieren", erklärt Berezhkov gegenüber der „Tagespost", „aber wer die Wahrheit wissen will, kann sie erfahren". Nicht viele wollten sie aber überhaupt wissen. „Ich kenne jedenfalls Menschen sogar in Kamtschatka, die genau wissen, dass der Krieg gegen die Ukraine ein Verbrechen ist. Und dass die Ukrainer nur ihre staatliche Unabhängigkeit verteidigen". Aber auch Bekannte von ihm seien im Krieg in der Ukraine ums Leben gekommen. Es sei schwieriger geworden, nach Europa zu fliehen. In den Dörfern auf dem Land könnten die Männer leichter rekrutiert werden. Auch seien viele indigene Menschen arm und sie würden mit Geld zum Kriegseinsatz verlockt.  

Dass sich in Russland nicht wie etwa im Iran viel öffentlicher Widerstand rege, erklärt Berezhkov mit dem „völlig verrückten mehr als 70-jährigen kommunistischen Experiment" der Sowjetunion. Dadurch sei die Gesellschaft in Russland „atomisiert" worden. Offen äußere man sich nur gegenüber Menschen, die man sehr gut kenne, alles andere sei zu gefährlich. Veränderungen würden wie früher nur erwartet, wenn sich an der Staatsspitze etwas ändere – „gewöhnlich durch den Tod des Herrschers".  

Itelmenin an kleinem Fluss

Auf einem kleinen Fluss in Zentralkamtschatka. Eine Itelmen-Frau schält die Rinde einer Bärenklau-Pflanze, um den süßen Stängel zu essen. Foto: Tjan Zaotschnaja

Dieser Beitrag von Michael Leh erschien am 26. Februar 2026 in der deutschen katholischen Wochenzeitung Die Tagespost. Leh ist Journalist in Berlin und Vorstandsmitglied der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Wir veröffentlichen seinen Beitrag hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.