Berlin
„Unantastbar und verletzlich“
Auf dem internationalen Kongress der katholischen Solidaritätsaktion „Renovabis“ für die Menschen in Osteuropa stand die Bewahrung der Menschenwürde im Mittelpunkt. Die ukrainische Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk hielt eine bewegende Rede
VON MICHAEL LEH
Die Menschenwürde stand im Mittelpunkt des dreitägigen Internationalen Renovabis-Kongresses vom 9. bis 11. September in Berlin. Die ukrainische Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk hielt, zugeschaltet aus Kiew, auf Video eine bewegende Rede vor den mehr als 200 Kongressteilnehmern. Diese hatten zuvor der Berliner Erzbischof Heiner Koch und der Hauptgeschäftsführer von Renovabis, Pfarrer Thomas Schwartz, in der Katholischen Akademie begrüßt.
Die Teilnehmer kamen aus vielen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas. Die bereits 1993 gegründete Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken „Renovabis“ für die Menschen im Osten Europas ist in 29 Ländern tätig. Der Name „Renovabis“ stammt aus Psalm 104: „Du wirst erneuern“. Das Leitwort der diesjährigen Renovabis-Pfingstaktion lautete: „Voll der Würde. Menschen stärken im Osten Europas“.

Blick in den Saal in der Katholischen Akademie Berlin, Foto: Leh
Gottesebenbildlichkeit
Der Kongress hob die Bedeutung der Würde jedes Menschen als Ausdruck seiner Gottesebenbildlichkeit hervor. Der erste Satz im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wie gefährdet die Menschenwürde auch bei uns sein kann, machten zuletzt die heftigen Diskussionen darüber deutlich, ob auch ungeborenem Leben die unteilbare Menschenwürde zukommt. Erzbischof Koch hatte zu Beginn des Kongresses erklärt, Christen müssten sich „lebendig und engagiert zu Wort melden und für die Würde des Menschen in ausnahmslos allen Lebensphasen eintreten“.
Der Kongress formulierte auch einen Schlussappell. Darin heißt es: „Jeder Mensch hat von Anfang an Würde, weil er Abbild Gottes ist. Sie hängt nicht von Erfolg oder Stärke ab.“ Doch werde die Menschenwürde durch Gewalt, soziale Ungleichheit und Ausgrenzung bedroht. „Wenn der Wert eines Menschen an Leistung und Nutzen gemessen wird, wenn Polarisierung und Entmenschlichung zunehmen, dann zerbricht das gemeinsame Fundament unserer Gesellschaft“, heißt es in dem Appell. Und: „Wir rufen jede und jeden auf: Übernehmen wir persönliche Verantwortung für ein menschenwürdiges Miteinander – im Alltag, in der Familie, in der Nachbarschaft, im Beruf.“ Am Umgang mit den Schwächsten zeige sich, „wie menschlich wir sind“.
Die Würde als Frage von Leben und Tod
Der aus der Ukraine stammende Jesuitenpater Vyacheslav Okun erklärte, dass er in Lemberg (Liwiw) immer einen Soldatenfriedhof besuche. Von den Gefallenen habe er einige persönlich gekannt. Pater Vyacheslav: „In diesem Moment, in dem die Ukraine der größten Bewährungsprobe ihrer Unabhängigkeit gegenübersteht, erhält das Wort ,Würde´ eine neue und dringende Bedeutung. Es ist kein abstraktes Konzept mehr, sondern eine Frage von Leben und Tod, Freiheit und Unterdrückung, Licht und Dunkelheit“. Der Krieg zeige, wie zerbrechlich die Grenze zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit sei. „Wir erleben“, fuhr Pater Vyacheslav fort, „wie leicht ein Mensch zum ,Unmenschen´ werden kann, wenn er das Bewusstsein für das Gottesbild in sich selbst und in anderen verliert. Gleichzeitig sehen wir auch das Gegenteil: Außergewöhnliche Akte der Solidarität, gegenseitiger Unterstützung und hingebungsvoller Liebe – Schimmer der göttlichen Würde, die keine Dunkelheit auslöschen kann.“

Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk sprach aus Kyjiw zugeschaltet per Video mit den Kongressteilnehmern. Foto: Leh
Besatzung ist nur Krieg in anderer Form
Die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Menschenrechtsanwältin Oleksandra Matviichuk
hat mit ihrem „Zentrum für Bürgerrechte“ (Center for Civil Liberties) und anderen Organisationen seit 2014 mehr als 70 000 russische Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentiert. Sie schilderte in ihrer Rede beispielhaft einzelne Gräueltaten. Putin bestreite das ukrainische Existenzrecht, er wolle die ukrainische Nation und Kultur auslöschen. Unterschiedslos würden zivile Gebäude und Infrastruktur angegriffen, einschließlich Krankenhäusern. Matviichuk betonte: „Manche mögen denken, dass Besatzung besser sei als Krieg, weil sie menschliches Leid verringere. Aber eine Besatzung verringert das menschliche Leid nicht, sie verbirgt es nur. Unter russischer Besatzung zu leben bedeutet Verschleppungen, Folter, Vergewaltigungen, Leugnung der ukrainischen Identität, Zwangsadoption von Kindern, Filtrationslager und Massengräber. Es ist Krieg, nur in einer anderen Form.“ Jeder Frieden, der auf der Ausblendung menschlichen Leids aufgebaut sei, wäre weder gerecht noch nachhaltig.
Sie selbst habe Hunderte von Menschen interviewt, die die russische Gefangenschaft überlebt hätten: „Sie berichten, dass sie geschlagen, wiederholt vergewaltigt, in Holzkisten gesperrt, ihre Knie zerschmettert, sie Elektroschocks an den Genitalien gefoltert, ihre Finger abgeschnitten, ihre Fingernägel herausgedreht und angebohrt wurden. Einer Frau wurde mit einem Löffel das Auge ausgestochen.“ Matviichuk betonte: „Russische Soldaten begehen diese Kriegsverbrechen einfach, weil sie es können – ohne bestraft zu werden.“ Putin und andere russische Regierungs- und Militärvertreter müssten strafrechtlich verfolgt werden.
Matviichuk unterstrich angesichts ihrer Erfahrungen in der Ukraine die Bedeutung des Einsatzes jedes Einzelnen: „Gewöhnliche Menschen können Außergewöhnliches vollbringen.“ In der Ukraine würden immer wieder einfache Menschen ihr Leben riskieren, um andere zu retten, die sie noch nie zuvor gesehen hatten.

Oleksandra Matviichuk (rechts) begleitete schon im Dezember 2021 die früheren politischen Gefangenen und Folteropfer im Gefängnis von Donezk, Prof. Ihor Kozlovskiy (links) und den Journalisten Stanislav Aseyew (Mitte) zu Podiumsdiskussionen nach Berlin. Foto: Michael Leh
Vorlesungen für Ratten in der Zelle
Der Autor dieser Zeilen hatte Oleksandra Matviichuk schon im Dezember 2021 in Berlin kennengelernt, als sie noch nicht mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden war. Sie hatte damals den Philosophieprofessor Ihor Kozlovsky (er starb 2023 mit 69 Jahren) und den ukrainischen Journalisten Stanislav Aseyev begleitet, die beide politische Gefangene in demselben Gefängnis in Donezk waren und gefoltert wurden. Kozlovsky wurde dabei auch ein Bein gebrochen. Matviichuk hatte seine Aussagen nach 700 Tagen russischer Gefangenschaft aufgezeichnet. Wie sie in ihrer Rede auf dem Renovabis-Kongress berichtete, hatte Kozlovsky in seiner fensterlosen schmutzigen Zelle in Einzelhaft, als Ratten aus der Kanalisation kamen, diesen Philosophievorlesungen gehalten – „damit sie den Klang einer menschlichen Stimme hören“ (und wohl auch er seine eigene).
Diskussionsforen, Vorträge, Exkursionen
Während des Kongresses gab es mehrere Podiumsdiskussionen, Vorträge, Dialoggruppen und auch Exkursionen – zum Beispiel zu einem Caritas-Hospiz in Berlin Pankow. Themen waren unter anderen „In Würde leben. Dimensionen der Menschenwürde und ihre Infragestellungen“ (Einführungsvortrag von Ingeborg Gabriel, emeritierte Professorin für Sozialethik aus Wien), „Herausforderungen und Dilemmata anhand der Frage des assistierten Suizids“ (mit unter anderen Professor Andreas Lob-Hüdepohl und Professor Jean-Pierre Wils).
Über „Politik in der Pflicht – Würde als Orientierung für Entwicklung und Zusammenarbeit“ sprach der parlamentarische Staatssekretär Johann Saathoff (SPD). In einem „Länderfokus Bulgarien“ berichtete Diana Dimova über Grenzschutz und den Umgang mit Flüchtlingen. Über Binnenvertriebene aus Bergkarabach / Arzach referierte Harutyun Harutyunyan von der Universität Jerewan in Armenien. Traumata des Krieges in der Ukraine erläuterte Pater Norbert Frejek SJ aus Cernowitz. Weitere Themen waren die Praxis der Schwangerenkonfliktberatung, Gewalt gegen Frauen und Hilfe für die Opfer von Menschenhandel.
- Dieser Beitrag von IGFM-Vorstandsmitglied Michael Leh erschien am 18. September in der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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