Krim. Halbinsel der Angst

Russland verfolgt weiter die Krimtataren – Appaz Kurtamet ist der  jüngste krimtatarische politische Gefangene und in Sibirien inhaftiert

VON MICHAEL LEH

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Auf der Pressekonferenz der Gesellschaft für bedrohte Völker in Berlin (von links): Elvis Colpuh, Aishe Kurtamet und Sarah Reinke. – Foto: Michael Leh

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat in Berlin über die anhaltende Verfolgung der Krimtataren auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim informiert. Eine Dokumentation der GfbV trägt die Überschrift „Halbinsel der Angst“. Die Ukraine- und Krimexpertin der GfbV, Sarah Reinke, wies darauf hin, dass auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) im Juni 2024 in einer Grundsatzentscheidung (Ukraine v. Russia, re Crimea) erklärt hat, dass insbesondere Krimtataren zahlreichen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind. Sie seien ein Ziel von Einschüchterungstaktiken, Druck, physischen Attacken, Drohungen, Durchsuchungen, Festnahmen und Bestrafungen.

Krimtataren werden in Gefängnisse nach Sibirien gebracht

Laut GfbV sind (Stand September 2025) 220 Menschen von der Krim widerrechtlich aus ethnischen, religiösen und politischen Gründen inhaftiert. Mehr als die Hälfte der politischen Gefangenen seien Krimtataren. Sie würden oft in weit von der Krim entfernte Gegenden Russlands deportiert. Es würden Haftstrafen bis zu 20 Jahren und Isolationshaft verhängt. Auch mindestens 30 Frauen von der Krim befänden sich in russischen Gefängnissen. In den letzten Monaten habe es auch mehrere Berichte über willkürliches Verschwindenlassen von Krimtataren gegeben. Krimtatarische Identität, Sprache und Kultur würden systematisch unterdrückt. Krimtataren würden auch als Muslime schikaniert und verfolgt.

Folter und lange Haftstrafen

Beim Pressegespräch der GfbV in Berlin waren Aishe Kurtamet, die Mutter des jüngsten krimtatarischen politischen Gefangenen Appaz Kurtamet, und der Krimtatare Elvis Colpuh zugegen. Der 29-jährige Colpuh ist Arzt, Musiker und Leiter des von ihm gegründeten krimtatarischen Kulturinstituts „Kerem“ in Nürnberg. Wie Frau Kurtamet erklärte, wurden ihr Sohn und sein Vater Khalil im Juli 2022 in der südukrainischen Stadt Cherson vom russischen Geheimdienst FSB entführt. „Ich wusste zunächst gar nicht, wo die beiden sind“, sagte sie. Erst nach drei Monaten habe sie erfahren, dass der heute 22-jährige Appaz zunächst in ein Untersuchungsgefängnis auf der Krim gebracht worden sei. Der 58-jährige Vater sei zu acht Jahren, der Sohn zu zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Man habe beide gefoltert. Inzwischen sei der Sohn in einem Gefängnis im Bezirk Pskow in Sibirien.

„Ich bin stolz auf meinen Sohn“

„Laut Urteil wurde Appaz vorgeworfen, dass er seine Freunde unterstützt hätte, die in der ukrainischen Armee kämpfen. Die Beschuldigungen sind fabriziert, beide sind völlig unschuldig. Appaz hat Freunde in der ukrainischen Armee, aber das ist kein Verbrechen. Schuld an allem sind nur die russischen Besetzer.“ Wie die ukrainische Menschenrechtsorganisation KHPG  mitteilte, sei es um umgerechnet zwölf Euro gegangen, die Appaz Kurtamet an einen Freund geschickt habe, der in einem Freiwilligenbatallion „Krim“ die Ukraine verteidigte.

Aische Kurtamet sagte in Berlin: „Appaz ist ein ukrainischer Patriot. Vor seiner Verhaftung hatte der FSB versucht, ihn anzuwerben. Sie haben ihm gesagt, es sei doch günstiger für ihn, wenn er für sie arbeite, sonst drohten ihm zehn bis fünfzehn Jahre Haft.“ Vielen aus seinem Umfeld sei dasselbe widerfahren, man habe sie bei Anwerbeversuchen unter Druck gesetzt und ihnen Folter angedroht. Viele hätten dann auch die Seiten gewechselt. „Ich bin stolz auf meinen Sohn, dass er widerstanden hat, obwohl er noch so jung ist. Er hat praktisch gesagt, ich wähle eher das Gefängnis als die Mitarbeit beim FSB. So hat er seine Würde bewahrt und war sehr mutig für sein junges Alter“, erklärte Frau Kurtamet.

Der Status als gewaltlose Gefangene für Appaz und Khalil Kurtamet sei bislang nicht vom Internationalen Roten Kreuz bestätigt worden, fügte sie hinzu. „Das macht es sehr schwer, sie zum Beispiel in einen Gefangenenaustausch zu bringen. Ich bitte darum, dass sich viele beim Internationalen Roten Kreuz dafür einsetzen, dass dieser Status anerkannt wird und das Internationale Rote Kreuz so auch mit dem russischen Roten Kreuz verhandeln kann“.

Russland will die Demographie der Krim verändern

Nach Angaben von Elvis Colpuh leben noch etwa 350.000 Krimtataren auf der Krim. Das sei ein Bevölkerungsanteil von etwa zwölf Prozent. Seit 2014 seien etwa 50.000 Krimtataren auf das ukrainische Festland geflohen. Russland kolonisiert die Halbinsel seit 2014 stark. „Sie haben richtige Anwerbekampagnen in ganz Russland gemacht, sogar bis Kamschatka“, sagte Colpuh. Häuser der Krimtataren würden an Zuwanderer gegeben und höhere Gehälter versprochen. „Es geht wirklich darum, die Demographie zu verändern“, erklärte Sarah Reinke.

Colpuh wies auf das große Problem der Staatsangehörigkeit hin. „Seit zwölf Jahren ist die Krim okkupiert und unsere jungen Leute haben keine ukrainischen Pässe“. So könnten sie die Krim nicht verlassen – außer vielleicht nach Zentralasien oder in die Türkei –  und würden auch noch in die russische Armee gepresst: „Das ist eine große Katastrophe.“

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Dieser Beitrag von IGFM-Vorstandsmitglied Michael Leh erschien am 2. Oktober 2025 in der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.