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Thomas Schirrmacher hält seine Rede vor den Teilnehmern der 50. Jalsa Salana in Mendig © IIRF/Martin Warnecke

Schirrmacher fordert uneingeschränkte Religionsfreiheit für die Ahmadiyya bei ihren Großveranstaltungen, die Zehntausende Zuhörer anziehen

Anlässlich der 50. Jalsa Salana in Deutschland richtet der Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte einen Appell an Pakistan, Indonesien und Malaysia

Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (ISHR), forderte die Regierungen Pakistans, Indonesiens und Malaysias auf, die Diskriminierung und Verfolgung von Angehörigen der Ahmadiyya zu beenden und ihnen uneingeschränkte Bürgerrechte sowie Religionsfreiheit zu garantieren. Er richtete diesen Appell auf der 50. Jalsa Salana der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland unmittelbar nach der virtuellen Botschaft ihres geistlichen Oberhaupts, des Kalifen Hazrat Mirza Masroor Ahmad.

Die Jubiläumsveranstaltung fand vom 4. bis 6. September 2026 auf dem Flugplatz Mendig in Rheinland-Pfalz statt. Nach Angaben der Veranstalter nahmen insgesamt 48.330 Menschen an der Jalsa Salana teil. Die Polizei meldete einen Besucherhöchststand von bis zu 43.000 Besuchern. Weitere 2.000 Menschen nahmen gleichzeitig in „Islamabad“ teil – einem Zentrum der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in der Nähe von Tilford in Surrey, Großbritannien. Die Veranstaltung wurde vor Ort in 21 Sprachen gedolmetscht und weltweit live von Muslim Television Ahmadiyya (MTA) übertragen. Internationale Übertragungen solcher Großveranstaltungen mit Ansprachen des Kalifen erreichen über MTA und YouTube in der Regel ein Millionenpublikum, insbesondere in Afrika.

Diese Begegnungen hatten zudem immer wieder eines deutlich gemacht: Der interreligiöse Dialog darf theologische Unterschiede nicht verschleiern. Vielmehr müssen beide Seiten ihre tief verwurzelten religiösen Überzeugungen offen und unmissverständlich zum Ausdruck bringen, ohne dabei den Respekt vor den Überzeugungen des anderen zu verlieren. Gerade Menschen mit solch tiefen religiösen Überzeugungen müssen sich nämlich gemeinsam für die Religionsfreiheit des anderen einsetzen.

Im Anschluss an die Rede dankte Abdullah Uwe Wagishauser, Bundesvorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland, Schirrmacher für sein langjähriges Engagement für die Ahmadiyya und deren Religionsfreiheit weltweit.

Thomas Schirrmacher am Rednerpult der Jalsa Salana, im Hintergrund die große Versammlungshalle © IIRF/Martin Warnecke

Schwere Verfolgung in Pakistan

Schirrmacher ging besonders ausführlich auf Pakistan ein. Seit einer Verfassungsänderung im Jahr 1974 stuft der pakistanische Staat die Ahmadiyya als Nichtmuslime ein. Seit 1984 drohen ihnen strafrechtliche Sanktionen, unter anderem dafür, dass sie sich als Muslime bezeichnen; zudem sind zentrale Formen der islamischen Religionsausübung in der Öffentlichkeit verboten.

Die anhaltende Relevanz dieser Einschränkungen wurde bereits vier Tage nach Schirrmachers Rede deutlich: Am 8. September 2026 bestätigte das pakistanische Bundesverfassungsgericht das Verbot von „Rohani Khazayeen“, einer 23-bändigen Sammlung von Schriften von Mirza Ghulam Ahmad, dem Gründer der Ahmadiyya. Das Gericht argumentierte, dass die durch Artikel 20 der pakistanischen Verfassung garantierte Religionsfreiheit den Gesetzen, der öffentlichen Ordnung und der guten Sitten unterliegt und daher von der Regierung eingeschränkt werden darf.

Schirrmacher verwies auf die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF), die die Verfolgung der Ahmadiyya durch die Regierung in Pakistan Ende 2025 weiterhin als „schwerwiegend und systematisch“ bezeichnet hatte. Neben der Diskriminierung durch das Gesetz und der strafrechtlichen Verfolgung durch den Staat sind Ahmadis wiederholt Gewalt durch nichtstaatliche Akteure ausgesetzt.

Schirrmacher erklärte:

„Ich appelliere daher an die pakistanische Regierung: Gewährt den Ahmadis endlich die gleichen Bürgerrechte wie allen anderen Pakistanern und garantiert ihnen uneingeschränkte Religionsfreiheit.“

Indonesien und Malaysia

In Indonesien, der weltweit größten Demokratie mit muslimischer Mehrheit, sind Angehörige der Ahmadiyya weiterhin Einschüchterungen und Einschränkungen ihrer Religionsausübung ausgesetzt. Schirrmacher verwies auf Berichte von „Christian Solidarity Worldwide“, wonach extremistische Gruppen Ahmadiyya-Gemeinden angreifen und staatliche Behörden den Betroffenen oft keinen angemessenen Schutz gewähren.

Er appellierte an die indonesische Regierung, die Ahmadiyya vor Gewalt und Einschüchterung zu schützen, die Einschränkungen ihrer Religionsausübung aufzuheben und ihren Mitgliedern die gleichen Bürgerrechte und die gleiche Religionsfreiheit zu garantieren wie allen anderen Indonesiern.

Auch in Malaysia, wo die Ahmadiyya nur eine sehr kleine Minderheit bilden, sind sie Diskriminierung und Einschränkungen bei der Ausübung ihrer Religion ausgesetzt. Doch gerade die Behandlung kleiner religiöser Minderheiten mit geringem gesellschaftlichem Einfluss ist ein entscheidender Prüfstein dafür, wie ernst ein Staat das Menschenrecht auf Religionsfreiheit nimmt.

Ein Gespräch über Integration, Religionsfreiheit und die Situation friedliebender Muslime in Deutschland: Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Alexander Schweitzer und Sabine Bätzing-Lichtenthäler © IIRF/Martin Warnecke

„Die Religionsfreiheit ist unteilbar“

Schirrmacher betonte, dass die Religionsfreiheit nicht von theologischer Übereinstimmung mit der Religion einer anderen Person abhängen dürfe:

„Die Religionsfreiheit ist kein Privileg, das der Mehrheit vorbehalten ist. Sie ist auch kein Privileg für Religionen, deren Lehren der Staat oder die Mehrheit für richtig hält. Die Religionsfreiheit beweist ihren Wert gerade dann, wenn Menschen Überzeugungen vertreten, die andere für falsch halten.“

Gespräche mit hochrangigen Politikern aus Rheinland-Pfalz

Am Rande der Jalsa Salana sprach Schirrmacher auch mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und derzeitigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Schweitzer sowie mit Sabine Bätzing-Lichtenthäler, der Landesministerin für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend und stellvertretenden Ministerpräsidentin.

Am 20. Dezember 2024 unterzeichnete der damalige Ministerpräsident Schweitzer im Namen des Landes die Vereinbarung zwischen dem Land Rheinland-Pfalz und der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Bätzing-Lichtenthäler, die zuvor von 2014 bis 2021 als Sozialministerin des Landes tätig war, hatte den Vertragsabschluss in ihren damaligen Funktionen als SPD-Fraktionsvorsitzende und Landesvorsitzende politisch unterstützt.

In ihrer Diskussion ging es auch um die zunehmend schwierige Lage gut integrierter Muslime in Deutschland. Schirrmacher wies darauf hin, dass mit der seit 2015 gestiegenen Zuwanderung auch mehr extremistische Elemente aus der islamischen Welt nach Deutschland gekommen seien. In der öffentlichen Wahrnehmung hätten deren kriminelle Handlungen auch einen Schatten auf andere Muslime geworfen. Die Jalsa Salana selbst bildete dazu einen auffälligen Kontrast, wie das Motto zeigte, das in riesigen Buchstaben über der großen Versammlungshalle mit Zehntausenden muslimischer Teilnehmer prangte: „Liebe für alle, Hass für niemanden.“

„Liebe für alle, Hass für niemanden“ – das weithin sichtbare Motto über der großen Versammlungshalle der Jalsa Salanal © IIRF/Martin Warnecke

Erfolgreiche Integration

Zum Abschluss seiner Rede hatte Schirrmacher bereits auf die traditionelle Flaggenzeremonie der Jalsa Salana hingewiesen, an der er erneut teilgenommen hatte. Bei dieser Zeremonie wird die deutsche Flagge neben der Flagge der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland in der Mitte des Geländes gehisst, umgeben von den Flaggen der deutschen Bundesländer. Die Ahmadiyya lehren ihre Mitglieder ausdrücklich, die Gesetze des Landes, in dem sie leben, zu respektieren und loyale Bürger zu sein. Wie die beiden Politiker aus Rheinland-Pfalz lobte auch Schirrmacher die erfolgreiche Integration der rund 50.000 in Deutschland lebenden Ahmadis. Gleichzeitig erinnerte er daran, dass viele von ihnen oder ihre Familien Deutschland gerade deshalb zu ihrer neuen Heimat gemacht hätten, weil ihnen in ihren Herkunftsländern grundlegende bürgerliche und religiöse Rechte verwehrt worden seien. Dennoch blieb seine Hoffnung bestehen, dass kein Ahmadi seine Heimat verlassen müsse, um anderswo die Religionsfreiheit und die gleichen Bürgerrechte zu genießen, auf die jeder Mensch Anspruch hat.

 

Flaggenhissung bei der Jalsa Salana: Die deutsche Flagge wird neben der Flagge der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland gehisst © IIRF/Martin Warnecke