{"id":32497,"date":"2022-02-18T09:49:35","date_gmt":"2022-02-18T08:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/humanrights-online.org\/die-buchbesprechung-ueber-das-buch-paranoia\/"},"modified":"2022-02-18T13:51:57","modified_gmt":"2022-02-18T12:51:57","slug":"buchbesprechung-von-viktor-martinowitschs-paranoia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanrights-online.org\/uk\/buchbesprechung-von-viktor-martinowitschs-paranoia\/","title":{"rendered":"Buchbesprechung von Viktor Martinowitschs \u201eParanoia\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-32495 size-full\" src=\"https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46.jpeg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46-31x20.jpeg 31w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46-200x129.jpeg 200w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46-311x200.jpeg 311w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46-400x257.jpeg 400w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46-460x295.jpeg 460w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46-600x386.jpeg 600w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/photo_2022-02-18-09.37.46.jpeg 700w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">Die Buchbesprechung \u00fcber das Buch von Viktor Martinowitsch\u00a0\u201eParanoia\u201c<\/h1>\n<p>Der 2010 im St. Peterburger Verlag AST Moskau und Astrel\u2018 ver\u00f6ffentlichte Roman, in Wei\u00dfrussland verboten, 2013 auf Englisch erschienen, mit einem Nachwort des renommierten Osteuropa-Historikers Timothy Snyder versehen, setzt mit einer Reihe von Perlustrationsprotokollen eines nicht n\u00e4her bezeichneten Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit ein. Angef\u00fcgt ist der Appendix 1, in dem die observierte Person, Anatoli Petrowitsch Newinski, Autor von f\u00fcnf Erz\u00e4hl- und Dramenb\u00e4nden, geboren unweit einer Polarstation \u201ejenseits des Polarkreises in einer Eisb\u00e4ren Familie\u201c beschuldigt wird, eine Untergrundzeitung herausgegeben zu haben, die \u201edamit den Zerfall der Sowjetunion\u201c bewirkte. Mit diesem wunderlich-grotesken Auftakt, in dem nicht nur der amtliche Duktus der \u00dcberwachungsbeh\u00f6rde veralbert wird, sondern die staatliche Beh\u00f6rde sich augenscheinlich selbst auf den Arm nimmt, wird der Leser in ein Milieu eingef\u00fchrt, das ihm sicherlich vertraut sein sollte. Es ist der Underground-Roman, der nicht nur in ehemaligen und noch existierenden staatssozialistischen Diktaturen und gelenkten Demokratien eine lange Tradition feiert. Im Fall des vorliegenden Romans, von deren Lekt\u00fcre der Autor abr\u00e4t, weil er einen Strafbestand erf\u00fclle, bedient sich der Autor, 1977 in Belarus geboren, gegenw\u00e4rtig als Politikwissenschaftler in Litauen lehrend, eines besonderen Ich-Erz\u00e4hlers. Im ersten Teil, der die \u00dcberschrift: <em>Wir <\/em>tr\u00e4gt, ist es ein junger Mann, ein Ich-Erz\u00e4hler, der mit st\u00e4ndig wechselnder Identit\u00e4t (Ich, er, wir etc.) auf der Suche nach einem M\u00e4dchen namens Jelisaweta ist. Es ist ein V\u00f6gelchen, das immer wieder verschwindet, w\u00e4hrend der frisch\u00a0 Verliebte, immer auf der Flucht vor irgendwelchen MSS-Agenten, so lange sucht, bis er sich sicher ist, dass seine geliebte Jelisaweta noch einen Geliebten hat. Es ist Nikolai Michailowitsch Murawjow, der Minister f\u00fcr Staatssicherheit (MSS), wie der Appendix 2, ein ausf\u00fchrlicher Lebenslauf des Politikers, best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Der Teil 2 mit dem Titel: <em>Sie<\/em> setzt sich mit den Objekten der Begierde auseinander. Auf \u00fcber 110 Seiten sind Observationsprotokolle ausgedruckt, in denen ein Liebespaar (Gogol und F\u00fcchsin) allerlei echte und simulierte Liebesspiele f\u00fcr die aufgegeilten Abh\u00f6rer inszenieren. In dieses wechselhafte Spiel zwischen \u00fcberwachten Personen und ihren Observierern wird auch der Leser einbezogen, da er diese Protokolle liest, die an den Minister f\u00fcr Staatssicherheit Murawjow weiter geleitet werden. F\u00fcr diese aufopferungsvolle Abh\u00f6r-Arbeit erhalten die drei beteiligten MSS-Angeh\u00f6rigen, wie der Leiter der Zentralstelle f\u00fcr Akustische Dienste Oberst Sokolow in einem Empfehlungsschreiben mitteilt, nach Abschluss der erfolgreichen Observation hohe Auszeichnungen.<\/p>\n<p>Im dritten Teil, der die \u00dcberschrift <em>Ich<\/em> tr\u00e4gt, ist Gogol, der enttarnte Liebhaber, wieder allein, denn das V\u00f6gelchen Jelisaweta ist augenscheinlich zu ihrem zweiten Liebhaber Murawjow zur\u00fcckgeflogen. Freiwillig oder nicht, Gogol gr\u00e4mt sich auf jeden Fall. Und wieder begibt er sich auf die Suche nach Lisa, wie sie jetzt mit ihrem gek\u00fcrzten Kosenamen hei\u00dft. Es ist freilich eine Jagd durch den Kopf von Anatoli, wie der Ich-Erz\u00e4hler sich jetzt wieder nennt. Wild ausschweifende Visionen von Konzerten, in denen sich der B\u00f6sewicht Murawjow als virtuoser Pianist outet, wechseln mit verr\u00fcckten Szenen in irgendwelchen Kaufh\u00e4usern. Es n\u00fctzt nichts. Anatoli kann sich in der Realit\u00e4t nicht mehr zurechtfinden. Er bleibt allein zur\u00fcck: \u201eLisa, Liebes, Lisa!\u201c seufzt der so Gequ\u00e4lte zum Schluss, \u201emit deiner Stimme, Lisa, \u00fcbermittelt es mir, dass ich Vergebung finden werde, dort, woher Dein Licht kommt, denn Gott ist die Liebe, und ich liebe Dich\u2026\u201c.<\/p>\n<p>Der abschlie\u00dfende Essay \u201eIm dunkelsten Belarus\u201c, aus der Feder von Timothy Snyder, aber holt den Leser in die Realit\u00e4t der wei\u00dfrussischen Diktatur zur\u00fcck: \u201eDer Roman Paranoia \u2026 geht davon aus, dass man in einem Polizeistaat immer beobachtet wird. Echtes Alleinsein n\u00e4hrt Paranoia\u201c, sagt der Osteuropa-Historiker. Und dieser Text, am 28. Oktober 2010 in der <em>New York\u00a0 Review of Books e<\/em>rschienen, ist als Einf\u00fchrungslekt\u00fcre f\u00fcr den Leser unbedingt zu empfehlen. Ansonsten w\u00fcrde er sich in den mit vielen, oft mysteri\u00f6sen Verweisen ausgestatteten Berichten und Gest\u00e4ndnissen verirren. Erstaunlich ist, dass die staatliche Aufsichtsbeh\u00f6rde f\u00fcr Publikationswesen die Druckerlaubnis f\u00fcr diesen Roman \u00fcberhaupt erteilte, doch zwei Tage nach der Ver\u00f6ffentlichung alle Exemplare aus den Buchl\u00e4den entfernen lie\u00df. Ein Irrtum der staatlichen Aufpasser oder eine Geste eines Staates, an dessen Spitze ein seit \u00fcber zwanzig Jahren regierender Diktator steht, der seinem \u00fcberm\u00e4chtigen russischen Nachbarn zeigen m\u00f6chte, dass da und dort Zugest\u00e4ndnisse m\u00f6glich sind, da die Machtstrukturen stabil sind? Ein politischer Roman also, der lediglich die psychischen Mechanismen der Paranoia aufzeigt, ohne eine reale politische und mentale Sprengkraft zu entwickeln? Auf jeden Fall aber ein bedeutendes fiktionales Dokument, in dem die Arch\u00e4ologie eines Polizeistaates aufgezeigt wird, der sich mit seinen \u00dcberwachungsmechanismen selbst parodiert. Doch wen st\u00f6rt es, wenn die Paranoia sich in den K\u00f6pfen der Opfer bereits festgesetzt hat!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Schlott, Osteuropaexperte<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Buchbesprechung \u00fcber das Buch von Viktor Martinowitsch\u00a0\u201eParanoia\u201c Der 2010 im St. Peterburger Verlag AST Moskau und Astrel\u2018 ver\u00f6ffentlichte Roman, in Wei\u00dfrussland verboten, 2013 auf Englisch erschienen, mit einem Nachwort des renommierten Osteuropa-Historikers Timothy Snyder versehen, setzt mit einer Reihe von Perlustrationsprotokollen eines nicht n\u00e4her bezeichneten Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit ein. 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