{"id":39981,"date":"2024-02-02T08:18:59","date_gmt":"2024-02-02T07:18:59","guid":{"rendered":"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/?p=39981"},"modified":"2024-02-02T08:18:59","modified_gmt":"2024-02-02T07:18:59","slug":"stanislaw-assejew-durchlebte-die-hoelle-eines-russischen-foltergefaengnisses-in-donezk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/stanislaw-assejew-durchlebte-die-hoelle-eines-russischen-foltergefaengnisses-in-donezk\/","title":{"rendered":"Stanislaw Assejew durchlebte die H\u00f6lle eines russischen Foltergef\u00e4ngnisses in Donezk"},"content":{"rendered":"<h1>Zwei Jahre konnte Stanislaw Assejew aus den von Separatisten und russischen Geheimdienstkr\u00e4ften besetzten Gebieten in der Ostukraine berichten.<\/h1>\n<div id=\"attachment_39982\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-39982\" class=\"wp-image-39982\" src=\"https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-31x21.jpg 31w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-200x133.jpg 200w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-300x200.jpg 300w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-400x267.jpg 400w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-600x400.jpg 600w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-768x512.jpg 768w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk-800x533.jpg 800w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/donetsk.jpg 900w\" sizes=\"(max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><p id=\"caption-attachment-39982\" class=\"wp-caption-text\">Ein ersch\u00fctterndes Protokoll des Ausgeliefertseins und der Dem\u00fctigung: Stanislaw Assejew.<\/p><\/div>\n<p>2017 wurde er verschleppt, inhaftiert und gefoltert. \u00dcber diese Zeit hat er einen ersch\u00fctternden Bericht verfasst.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hiqo41ht0\" class=\"articlecomponent text\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Seine Artikel aus dem Donbass waren Kult. Stanislaw Assejew schrieb knapp und klar, der Ton: jung und frisch, wie Shortcuts aus einem Alltag, der pl\u00f6tzlich fremd geworden war. Der Journalist holte all diejenigen in der Ukraine ab, die \u00fcber die retrosozialistischen und militanten Entwicklungen im Osten des Landes nur fassungslos staunen konnten.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hir125lt1\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Auf der zentralen Uniwersitezka-Strasse in Donezk Kolonnen von Panzern, Haubitzen und Artillerie? \u00abNoch vor zwei oder drei Jahren (. . .) h\u00e4tte ich wetten k\u00f6nnen, dass eine globale Katastrophe irgendwo am anderen Ende der Welt wahrscheinlicher ist\u00bb, schrieb Stanislaw Assejew in einem Artikel f\u00fcr die Zeitung \u00abUkrainski Tischden\u00bb im M\u00e4rz 2015.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hir139q81\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Zwei Jahre konnte der Journalist unter dem Pseudonym Stas Wasin aus den von Separatisten und russischen Geheimdienstkr\u00e4ften besetzten Gebieten in der Ostukraine berichten. Im Mai 2017 wurde er im Zentrum von Donezk verschleppt. \u00abSie haben mich in ein Auto gezerrt und mir eine T\u00fcte \u00fcber den Kopf gezogen\u00bb, erz\u00e4hlt der Journalist bei unserem Treffen in Kiew. Wie seine Tarnung auffliegen konnte, weiss er bis heute nicht.<\/p>\n<h2 id=\"id-doc-1hir15a300\" class=\"subtitle articlecomponent regwalled\" data-team-subtitle=\"\" data-nzz-article-component=\"\"><span class=\"\">Dachau des Donbass<\/span><\/h2>\n<p id=\"id-doc-1hir13srd1\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Stanislaw Assejew ist ein bisschen blass, man sieht ihm an, dass er wenig Schlaf findet. Er l\u00e4chelt leise und erz\u00e4hlt, dass er gerade aus dem Training f\u00fcr die Front komme. Er will in Awdijiwka k\u00e4mpfen, aber noch muss er sein Knie auskurieren. Das habe er sich durchs h\u00e4ufige Laufen ruiniert, das ihm wiederum neben dem Schreiben dabei geholfen habe, ins Leben zur\u00fcckzufinden.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hiqo41i10\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Stanislaw Assejews bei Suhrkamp erschienenes Buch \u00abHeller Weg, Donezk. Bericht aus einem Foltergef\u00e4ngnis\u00bb legt Zeugnis ab von 969 Tagen Gefangenschaft in der sogenannten \u00abDonezker Volksrepublik\u00bb. Mit nahezu wissenschaftlicher Pr\u00e4zision seziert der Autor ein durch russische Geheimdienste geschaffenes System aus Willk\u00fcr und Erniedrigung. In dessen Zentrum: Isoljazija, ein Foltergef\u00e4ngnis in einer ehemaligen D\u00e4mmmaterialfabrik in Donezk. Bis 2014 hatte die stillgelegte Fabrik K\u00fcnstlern und Aktivisten als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum gedient. Die Adresse lautet Heller Weg 3 \u2013 in Anlehnung an Lenins Versprechen vom hellen Weg in den Kommunismus. Er f\u00fchre, res\u00fcmiert Stanislaw Assejew in seinem Buch, abermals in den Abgrund.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hiqo41i30\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Isoljazija wird als das \u00abDachau des Donbass\u00bb apostrophiert, ein \u00abf\u00fcr jeden Sinn unzug\u00e4nglicher Ort. Unzug\u00e4nglich auch f\u00fcr Vergebung.\u00bb Offiziell existiert das vom russischen Geheimdienst betriebene Gef\u00e4ngnis gar nicht, ein Freibrief f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Sadisten, die dort das Sagen haben.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hir16s8e1\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">\u00abWenn die Zellent\u00fcr aufging, musste man sich sofort eine T\u00fcte \u00fcber den Kopf ziehen, mit dem R\u00fccken zur T\u00fcr stehen und die H\u00e4nde auf den R\u00fccken halten\u00bb, berichtet Stanislaw Assejew. Wer nicht innerhalb von Sekunden strammstand, wurde unter die Pritsche gepr\u00fcgelt und musste dort bellen wie ein Hund. Die Aufseher lachten dann, genauso wie bei der Folter mit Elektroschocks.<\/p>\n<h2 id=\"id-doc-1hir1i72o0\" class=\"subtitle articlecomponent regwalled\" data-team-subtitle=\"\" data-nzz-article-component=\"\"><span class=\"\">Foltern und lachen<\/span><\/h2>\n<p id=\"id-doc-1hir176sd1\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">\u00abDie Prozeduren\u00bb, wie die Folterer ihre Methoden nennen, geh\u00f6ren zum Alltag im Isoljazija-Gef\u00e4ngnis. \u00abWenn sie foltern und dabei lachen, baut das noch gr\u00f6sseren Druck auf. Denn das heisst, dass diese Leute durch nichts aufzuhalten sind\u00bb, stellt Assejew n\u00fcchtern klar und macht eine Handbewegung, als wolle er diese ganzen Schandtaten einfach wegwischen, endg\u00fcltig aus der Welt r\u00e4umen.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hir17tet1\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Er selbst habe inzwischen kaum noch Albtr\u00e4ume, auch nur noch selten Triggermomente, sagt er. Nur eine Stelle am Oberschenkel sei immer noch empfindlich. Etwas oberhalb des rechten Knies donnerte immer der Schlagstock w\u00e4hrend der Verh\u00f6re nieder. Immer auf dieselbe Stelle. Unter Folter presste man aus Stanislaw Assejew ein Gest\u00e4ndnis der \u00abSpionage\u00bb heraus.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hiqo41i50\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">\u00abHeller Weg, Donezk\u00bb ist ein ersch\u00fctterndes Protokoll des Ausgeliefertseins und der Dem\u00fctigung. Es f\u00fcgt der Lagerliteratur einen aktuellen Beitrag des 21.\u00a0europ\u00e4ischen Jahrhunderts bei, der Bericht aus dem Foltergef\u00e4ngnis reisst erschreckend die Distanz zwischen damals, zwischen Nazi-Konzentrationslagern oder stalinistischem Gulag, und heute ein.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hiqo41i51\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Stanislaw Assejew schreibt aus der Perspektive des betroffenen Journalisten, der das Erlebte b\u00e4ndigt, es in Kapitel unterteilt und beispielsweise nach den Motiven der T\u00e4ter fragt. Stilistisch entscheidet er sich dabei f\u00fcr ein nahezu \u00abatonales Schreiben\u00bb: Sachlich und pr\u00e4zise geht er mit analytischer Sch\u00e4rfe dem Wesen von Gewaltherrschaft auf den Grund. Isoljazija begreift er dabei als einen Ort der Wahrheit \u00fcber das Putin-Regime, als dessen Essenz und Inbegriff, wo sich Machtgef\u00e4lle, Sinnlosigkeit, existenzielle Ausgesetztheit und Angst konzentrieren.<\/p>\n<p id=\"id-doc-1hiqo41i70\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">In dem Kapitel \u00fcber das \u00ababsolute B\u00f6se\u00bb widmet sich der Autor dem Kommandanten von Isoljazija, ohne den es das System \u00abso nicht gegeben\u00bb h\u00e4tte. \u00abAlle nannten ihn Palytsch. (.\u00a0.\u00a0.) Ein eingefleischter Sadist, Gewaltt\u00e4ter, Henker und Alkoholiker mit klassischer Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung und gleichzeitig ein subtiler Psychologe und ein Manipulator mit Sinn f\u00fcr Humor.\u00bb Seiner uneingeschr\u00e4nkten Grausamkeit sind die Gefangenen hilflos ausgeliefert.<\/p>\n<h2 id=\"id-doc-1hir1ivko0\" class=\"subtitle articlecomponent regwalled\" data-team-subtitle=\"\" data-nzz-article-component=\"\"><span class=\"\"><strong>Das B\u00f6se benennen<\/strong><\/span><\/h2>\n<p id=\"id-doc-1hir1a2us1\" class=\"articlecomponent text regwalled\" data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">\u00abPalytsch\u00bb ist eine Verballhornung von \u00abpalatsch\u00bb, was auf Russisch \u00abHenker\u00bb oder \u00abFolterer\u00bb bedeutet. De facto heisst der Mann Denis Pawlowitsch Kulikowski, ein 1984 geborener Ukrainer. Es geh\u00f6rt zu der Brisanz des Falles, dass Stanislaw Assejew zwei Jahre nach seiner Freilassung durch einen Gefangenenaustausch im Winter 2019 erfuhr, dass sein Peiniger auch in Kiew lebt \u2013 und zwar ganz und gar unbehelligt. Die Erkenntnis sei die \u00abgr\u00f6sste Herausforderung\u00bb f\u00fcr ihn gewesen, meint Stanislaw Assejew. Eine Retraumatisierung mit sprichw\u00f6rtlich ungeheuerlicher Wucht.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Er wandte sich an den Investigativjournalisten Christo Grosew vom Recherchenetzwerk Bellingcat. Eine Woche sp\u00e4ter wussten die beiden Journalisten, wo Palytsch wohnt. Er hatte sich dem ukrainischen Geheimdienst SBU als Informant angedient, um einer vermeintlichen Bedrohung in der \u00abDonezker Volksrepublik\u00bb zu entkommen. Stanislaw Assejew sorgte daf\u00fcr, dass der Deal ein Ende fand. Im November 2021 wurde der ehemalige Kommandant von Isoljazija vom SBU verhaftet. Nach einem knapp sechsmonatigen Prozess wurde Denis Pawlowitsch Kulikowski am 3. Januar dieses Jahres in Kiew zu f\u00fcnfzehn Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Die Festsetzung seines Folterers hat den Journalisten zu der Gr\u00fcndung des Justice Initiative Fund (JIF) bewegt, einer Online-Plattform, auf der T\u00e4ter von Kriegsverbrechen gelistet werden und Geld gegen Informationen geboten wird. \u00abDas B\u00f6se muss einen Namen haben\u00bb ist Motto und Mission zugleich. \u00abWas sind das f\u00fcr Menschen?\u00bb, fragt Stanislaw Assejew in einem Kapitel in \u00abHeller Weg, Donezk\u00bb. Und kommt zu dem tragischen Schluss, dass es diejenigen sind, \u00abdie vor dem Krieg mit uns die gleichen Strassen entlangliefen, in derselben Schlange f\u00fcr Brot anstanden\u00bb. Es sei das \u00ababsolute Machtgef\u00e4lle auf engstem Raum\u00bb, das bewirke, \u00abdass sich die einen am Leid der anderen erg\u00f6tzen\u00bb.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">\n<p data-team-paragraph=\"\" data-nzz-article-component=\"\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/gefoltert-in-donezk-der-journalist-stanislaw-assejew-und-der-preis-der-wahrheit-ld.1772425\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">nzz.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Jahre konnte Stanislaw Assejew aus den von Separatisten und russischen Geheimdienstkr\u00e4ften besetzten Gebieten in der Ostukraine berichten. 2017 wurde er verschleppt, inhaftiert und gefoltert. \u00dcber diese Zeit hat er einen ersch\u00fctternden Bericht verfasst. Seine Artikel aus dem Donbass waren Kult. Stanislaw Assejew schrieb knapp und klar, der Ton: jung und frisch, wie Shortcuts aus einem Alltag, der pl\u00f6tzlich fremd geworden war. 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