{"id":34720,"date":"2022-05-06T15:27:18","date_gmt":"2022-05-06T13:27:18","guid":{"rendered":"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/?p=34720"},"modified":"2022-05-16T13:35:27","modified_gmt":"2022-05-16T11:35:27","slug":"in-der-hoelle-von-mariupol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/in-der-hoelle-von-mariupol\/","title":{"rendered":"In der H\u00f6lle von Mariupol"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Die ukrainische Stadt Mariupol ist zum Synonym f\u00fcr die Brutalit\u00e4t des russischen Angriffskrieges geworden. <\/strong><\/h1>\n<h2>Kateryna Sukhomlynova hat als Sanit\u00e4terin den Krieg dort erlebt. Mittlerweile ist sie nach Deutschland gefl\u00fcchtet und berichtet dort vom Schicksal ihrer Stadt.<\/h2>\n<h2><strong>VON MICHAEL LEH <\/strong><\/h2>\n<div id=\"attachment_34722\" style=\"width: 605px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-34722\" class=\"wp-image-34722\" src=\"https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"595\" height=\"890\" srcset=\"https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-18x27.jpg 18w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-134x200.jpg 134w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-200x299.jpg 200w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-400x599.jpg 400w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-600x898.jpg 600w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-684x1024.jpg 684w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-768x1149.jpg 768w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-800x1197.jpg 800w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-1026x1536.jpg 1026w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie-1200x1796.jpg 1200w, https:\/\/humanrights-online.org\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Leh-Katarina-1-IMG_0388-Kopie.jpg 1369w\" sizes=\"(max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><p id=\"caption-attachment-34722\" class=\"wp-caption-text\">Kateryna Sukhomlynova hat als Sanit\u00e4terin den Krieg in Mariupol erlebt. Foto: Michael Leh<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcrchterliches hat sie gesehen und durchgemacht. Einundzwanzig Tage harrte die Ukrainerin Kateryna Sukhomlynova in Mariupol aus, bevor sie sich zur Flucht entschied. Jetzt berichtete die Sanit\u00e4terin, die in der Hafenstadt am Asowschen Meer f\u00fcr die Malteser arbeitete und Stadtratsmitglied war, \u00fcber das Erlebte im polnischen Pilecki-Institut in Berlin. Die Stadt, die zuvor 500 000 Einwohner z\u00e4hlte, ist inzwischen nahezu v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Nur noch etwa 100 000 Menschen sollen in den Tr\u00fcmmern leben.<\/p>\n<p>Sukhomlynova schilderte das Leben unter dem Bombardement und Dauerbeschuss der Russen: \u201eFamilien versteckten sich in Kellern mit ihren Haustieren. Alte Menschen konnten nicht mehr aus ihren Wohnungen, um Wasser aus einem Brunnen zu holen, weil ein russischer Soldat aus einem Nachbarhaus auf sie schoss. Die Leichen von M\u00e4nnern, Frauen und Kindern lagen auf den Stra\u00dfen. Wir konnten sie nicht einmal begraben\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberall riecht es nach Schwei\u00df, Blut und Urin<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Sie beschreibt die Enge in den Kellern und R\u00e4umen, in denen Schutz gesucht wurde: \u201eWenn du auf keine Toilette mehr gehen kannst, dein Gesch\u00e4ft in eine T\u00fcte verrichten musst und auch nicht wei\u00dft, wohin du die dann entsorgen kannst. \u00dcberall riecht es nach Schwei\u00df, Blut und Urin. Nach Leichen, Rauch und Feuer, nach geschmolzener Plastik.\u201c Alte Menschen h\u00e4tten ihre Wohnungen nicht mehr verlassen k\u00f6nnen und seien verbrannt. \u201eWie soll ich die Leichen beschreiben, die ich gesehen habe. Die zerschossenen Gesichter, auch von Kindern. Die Wunden, die Knochen. Jeden Tag starben unz\u00e4hlige Menschen.\u201c Kaum h\u00e4tten die Russen einmal gr\u00fcnes Licht f\u00fcr einen humanit\u00e4ren Korridor gegeben, h\u00e4tten sie auch schon wieder auf die Menschen geschossen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der 21 Tage, die sie nach Kriegsbeginn noch in Mariupol war, habe sie versucht als Sanit\u00e4terin den Menschen zu helfen. \u201eDer Krieg dauerte in der Ukraine ja schon acht Jahre. Aber jetzt zeigte sich, dass wir nicht hundertprozentig auf diesen grausamen totalen Krieg vorbereitet waren\u201c, sagte sie. \u00dcber 500 verwundete ukrainische Soldaten l\u00e4gen in Krankenh\u00e4usern in Mariupol. Doch es fehlten Medikamente. Ohne diese w\u00fcrden viele sterben. \u201eDie Russen ver\u00fcbten Morde, Erschie\u00dfungen, Vergewaltigungen. Und die Spuren werden \u00fcberall verwischt\u201c, so Sukhomlynova. Immer wieder sei bewusst auch die Zivilbev\u00f6lkerung angegriffen worden. \u201eMariupol\u201c, erkl\u00e4rte sie, \u201eist wie hunderte Butschas\u201c &#8211; die Stadt in der N\u00e4he Kiews, in der russische Soldaten viele Morde ver\u00fcbt hatten.<\/p>\n<p>Sie bejahte die Frage dieser Zeitung, ob sie auch Tschetschenen unter den Soldaten gesehen habe. Tschetschenen seien Kontrollposten gewesen. \u201eManchmal h\u00f6rte man sie laut ,Allah akbar\u00b4 rufen. Da stockte einem der Atem.\u201c Viele Einwohner Mariupol seien zwangsweise nach Russland deportiert worden. In \u201eFiltrationslagern\u201c w\u00fcrden die Menschen aussortiert und zu Aussagen gezwungen.\u00a0 Kontrollposten w\u00fcrden Handys und Videoaufnahmen untersuchen. \u201eIch hatte zur Sicherheit Fotos und Daten auf meinem Handy gel\u00f6scht\u201c.<\/p>\n<p>Die russischen Soldaten h\u00e4tten gewusst, \u201ewen sie als Erste erschiessen m\u00fcssten\u201c, insbesondere politisch und \u00f6ffentlich t\u00e4tige Personen. \u201eDa ich zu dieser Gruppe geh\u00f6rte, musste ich die Stadt heimlich verlassen. Dabei mieden wir mit dem Auto gro\u00dfe St\u00e4dte und fuhren \u00fcber Feldwege durch kleine D\u00f6rfer. Nach zwanzig Tagen konnten wir uns endlich waschen. Unseren drei M\u00e4dchen hatte ich allerdings nicht erlaubt, sich die Haare und das Gesicht zu waschen, damit sie nicht f\u00fcr russische Soldaten attraktiv aussehen k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eEs kann auch euch treffen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Kateryna Sukhomlynova betont: \u201eWir k\u00e4mpfen heute nicht nur f\u00fcr uns, sondern f\u00fcr alle Europ\u00e4er. Es kann auch euch treffen. Auch wir sa\u00dfen auf der Terrasse, tranken Cappuccino und dachten nicht an Krieg. Ich bitte euch: Seid nicht naiv!\u201c\u00a0 Die Ukraine brauche Hilfe, auch Waffen: \u201eJeden Tag fliegen Raketen auf uns.\u201c Die ukrainischen Soldaten k\u00e4mpften und verteidigten ihr Land. \u201eWir brauchen auch den Schutz des Himmels,\u201c f\u00fcgte die Malteser-Mitarbeiterin hinzu. Und: \u201eSehr viele haben alles verloren. Aber unseren Mut haben wir noch nicht verloren. Wir wollen unsere sch\u00f6ne Stadt Mariupol wieder aufbauen.\u201c<\/p>\n<p>Das polnische Pilecki-Institut am Pariser Platz in der N\u00e4he des Brandenburger Tores engagiert sich auch vielf\u00e4ltig f\u00fcr gefl\u00fcchtete Ukrainer und Belarussen. Es ist nach Witold Pilecki benannt, dem tiefgl\u00e4ubigen katholischen Offizier, der sich 1940 freiwillig nach Auschwitz begab, um dort eine Widerstandsorganisation aufzubauen.1943 gelang ihm wieder die Flucht und er nahm am Warschauer Aufstand teil. Nach dem Krieg sammelte er Beweise \u00fcber sowjetische Gr\u00e4ueltaten und wurde von den polnischen Kommunisten 1948 nach Folter und einem Schauprozess zum Tode verurteilt.<\/p>\n<p>Sein Andenken pflegt das Pilecki-Institut ebenso wie das des polnisch-j\u00fcdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1947 f\u00fcr die UNO einen Gesetzentwurf \u00fcber die Bestrafung von V\u00f6lkermord ausgearbeitet hatte. Gemeinsam mit dem Raphael-Lemkin-Insitut in Warschau organisiert das Pilecki-Institut jetzt auch systematische Befragungen von Fl\u00fcchtlingen \u00fcber (Kriegs-)Verbrechen von russischen Truppen in der Ukraine.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag von IGFM-Vorstandsmitglied Michael Leh erschien am 5. Mai in der katholischen Wochenzeitung \u201eDie Tagespost\u201c. Wir ver\u00f6ffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ukrainische Stadt Mariupol ist zum Synonym f\u00fcr die Brutalit\u00e4t des russischen Angriffskrieges geworden. Kateryna Sukhomlynova hat als Sanit\u00e4terin den Krieg dort erlebt. Mittlerweile ist sie nach Deutschland gefl\u00fcchtet und berichtet dort vom Schicksal ihrer Stadt. VON MICHAEL LEH F\u00fcrchterliches hat sie gesehen und durchgemacht. Einundzwanzig Tage harrte die Ukrainerin Kateryna Sukhomlynova in Mariupol aus, bevor sie sich zur Flucht entschied. Jetzt berichtete die Sanit\u00e4terin, die in der Hafenstadt am Asowschen Meer f\u00fcr die Malteser arbeitete und Stadtratsmitglied war, \u00fcber das Erlebte <a href=\"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/in-der-hoelle-von-mariupol\/\"> [&#8230;]<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":119,"featured_media":34724,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"In der H\u00f6lle von Mariupol - Menschenrechte Osteuropa - News &amp; Konflikte","description":"Die ukrainische Stadt Mariupol ist zum Synonym f\u00fcr die Brutalit\u00e4t des russischen Angriffskrieges geworden. 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