{"id":34561,"date":"2022-05-03T17:22:03","date_gmt":"2022-05-03T15:22:03","guid":{"rendered":"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/?p=34561"},"modified":"2022-05-03T17:22:03","modified_gmt":"2022-05-03T15:22:03","slug":"das-weltweite-tauziehen-um-die-pressefreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/humanrights-online.org\/de\/das-weltweite-tauziehen-um-die-pressefreiheit\/","title":{"rendered":"Das weltweite Tauziehen um die Pressefreiheit"},"content":{"rendered":"<h1>Das weltweite Tauziehen um die Pressefreiheit<\/h1>\n<p>Autorit\u00e4re Regime versuchen mit vereinten Kr\u00e4ften, die Pressefreiheit zu unterdr\u00fccken &#8211; aber Journalisten, die sich zusammenschlie\u00dfen, um diese Bem\u00fchungen zu umgehen, geben Hoffnung, meint Can D\u00fcndar.<\/p>\n<p>Das Journalistenzentrum, in dem ich in Berlin arbeite, ist so etwas wie ein Thermometer der Weltpolitik. Als ich vor sechs Jahren kam, mussten sich die Kolleginnen und Kollegen im B\u00fcro zahlreiche Geschichten \u00fcber Zensur in der <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/t\u00fcrkei\/t-17600264\">T\u00fcrkei<\/a> anh\u00f6ren. Sp\u00e4ter kam ein junger politischer Karikaturist hinzu, der vor dem Regime von <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/abdel-fattah-al-sisi\/t-17681297\">Abdel Fattah al-Sisi<\/a> in \u00c4gypten geflohen war. Da richtete sich das Interesse im Zentrum auf die Repressalien des Milit\u00e4rs in Kairo.<\/p>\n<p>Dann eskalierte der Bergkarabach-Konflikt und bei uns klopften Kollegen aus Baku an. Und nachdem die gr\u00f6\u00dfte Zeitung in Ungarn verboten worden war, sa\u00dfen wir mit deren Chefredakteur zusammen und verglichen unsere Erfahrungen. Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, dass wir heute Tisch an Tisch mit einem russischen Journalisten arbeiten, der f\u00fcr den Frieden eintritt.<\/p>\n<h2>Mundtot gemachte Massen<\/h2>\n<p>Wir alle mussten unsere L\u00e4nder wegen unserer Meinung und unserer Berichterstattung verlassen. Uns allen ging es darum, unseren Beruf im Exil weiter auszu\u00fcben. Wir zuerst Gekommenen hatten bereits Erfahrungen mit dem Aufbau eines Exilmediums gemacht, die wir nun mit den Neuank\u00f6mmlingen teilten.<\/p>\n<div class=\"picBox medium\n\"><a class=\"overlayLink init\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/gastkommentar-das-weltweite-tauziehen-um-die-pressefreiheit\/a-61665553#\" rel=\"nofollow\"> <img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Can D\u00fcndar\" src=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/56039649_404.jpg\" alt=\"Can D\u00fcndar\" width=\"340\" height=\"191\" \/> <\/a>Can D\u00fcndar arbeitet in Berlin als Chefredakteur der zweisprachigen Exilanten-Plattform &#8222;\u00d6zg\u00fcz\u00fcz&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<p>Unsere Dialoge offenbaren, wie miserabel die Lage der <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/pressefreiheit\/t-18405726\">Pressefreiheit<\/a> ist: &#8222;Welcher Bericht hat zu deiner Verhaftung gef\u00fchrt?&#8220;, &#8222;Wie lange warst du im Gef\u00e4ngnis?&#8220;, &#8222;Wie hast du es geschafft, das Land zu verlassen?&#8220;, &#8222;Hoffst du auf R\u00fcckkehr?&#8220; Anschlie\u00dfend drehen sich die Gespr\u00e4che darum, wie wir die hohen Mauern der Zensur \u00fcberwinden und unsere Stimmen in der Heimat zu Geh\u00f6r bringen k\u00f6nnen, welche alternativen Wege es gibt, unsere verbotenen Texte an ihr Publikum zu bringen, oder wie wir die uns verfolgenden Geheimdienstagenten loswerden.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Journalisten, die aus verschiedenen L\u00e4ndern zu uns ins Zentrum kommen, gibt klare Hinweise darauf, wo auf der Welt Freiheiten verletzt werden. Wie wir uns gegenseitig Taktiken im Kampf gegen Zensur beibringen, so kupfern offenbar auch die Autokraten der Welt ihre Repressionsmodelle voneinander ab. Sie greifen zu vergleichbaren Methoden, um die Z\u00fcgel ihrer Macht zu straffen. Vor allem geht es ihnen darum, die M\u00f6glichkeiten der Kommunikation in der Gesellschaft zu unterbinden, Wort und Schrift zum Schweigen zu bringen. Denn taub und mundtot gemachte Massen lassen sich viel leichter lenken.<\/p>\n<h2>Auch im Westen ist die Pressefreiheit bedroht<\/h2>\n<p>In den sechs Jahren, die ich \u00fcberblicken kann, war folgende Ver\u00e4nderung zu beobachten: \u00dcbergriffe auf die Presse, die doch als ausschlie\u00dflich in finsteren Weltgegenden \u00fcbliche totalit\u00e4re Gewohnheit galten, sprangen auch auf den Westen \u00fcber, wo Meinungsfreiheit als nat\u00fcrliches Recht gelebt worden war. Wir erlebten, wie Donald Trump in Washington die Presse beschimpfte und kritischen Journalisten den Zutritt zum Wei\u00dfen Haus verwehrte, wie Julian Assange in London verhaftet wurde, nachdem er schmutzige Staatsgeheimnisse aufgedeckt hatte, wie in Paris Journalisten \u00fcber den Boden geschleift wurden, weil sie Aufnahmen von den Protesten der Gelbwesten gemacht hatten.<\/p>\n<p>Wie Corona breitete sich auch die Zensur ungeachtet von Grenzen, Geographie oder Regime aus. Die Frage &#8222;Was k\u00f6nnen wir f\u00fcr euch tun?&#8220;, die wir fr\u00fcher h\u00e4ufig von unseren Kollegen im Westen h\u00f6rten, ist der Frage gewichen: &#8222;Was k\u00f6nnen wir gemeinsam tun?&#8220;<\/p>\n<p>Und wir haben erkannt, dass wir gemeinsam eine ganze Menge tun k\u00f6nnen. Zunehmende, immer weiter um sich greifende Repressionen sorgten nicht blo\u00df f\u00fcr einen gro\u00dfen Journalisten-Exodus, sie brachten auch eine Chance mit sich: In den Hauptst\u00e4dten Europas etablierten sich Exilmedien, die in ihren Gastl\u00e4ndern einerseits die repressiven Regime deutlicher sichtbar machten und andererseits internationale Zusammenarbeit innerhalb der Medien erm\u00f6glichten.<\/p>\n<h2>Gegenstrategie grenz\u00fcberschreitende Berichterstattung<\/h2>\n<p>Wenn die Meinungsfreiheit einem globalen Angriff ausgesetzt ist, muss auch die Antwort global sein. So wurde grenz\u00fcberschreitende Berichterstattung immer gel\u00e4ufiger. W\u00e4hrend Diktatoren gemeinsam Strategien entwickeln, um ihre Gegner und die Pressefreiheit zu unterdr\u00fccken, kooperieren jetzt auch wir, um ihre schmutzigen Kriegsgeheimnisse, geheimen Bankkonten und Taktiken zum Abh\u00f6ren der Telefonate von Widersachern oder zum Vergiften von Kontrahenten aufzudecken.<\/p>\n<p>Von Tag zu Tag dehnt sich die globale Vernetzung von Journalisten weiter aus. Parallel zu Zensur und Repression gegen die Medien sind auch der Kampf f\u00fcr die Presse- und Meinungsfreiheit und die Forderung nach dem Recht auf Information der \u00d6ffentlichkeit auf dem Vormarsch und globalisieren sich. Es sieht ganz danach aus, dass das Ergebnis dieses Tauziehens die Zukunft der Welt bestimmen wird.<\/p>\n<p><em>Can D\u00fcndar ist ein t\u00fcrkischer Journalist und Schriftsteller, der seit bald sechs Jahren in Berlin lebt. Er trat 2016 von seinem Posten als Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet in der T\u00fcrkei zur\u00fcck, nachdem er drei Monate lang inhaftiert war und einen Mordanschlag \u00fcberlebt hatte. Wegen seiner Recherchen \u00fcber das Engagement des t\u00fcrkischen Geheimdienstes in Syrien ist er 2020 in Abwesenheit zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt worden. In Berlin leitet D\u00fcndar als Chefredakteur das zweisprachige Webradio \u00d6ZG\u00dcR\u00dcZ (dt. \u201eWir sind frei&#8220;), das seit Januar 2017 Online ist.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/gastkommentar-das-weltweite-tauziehen-um-die-pressefreiheit\/a-61665553\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">dw.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das weltweite Tauziehen um die Pressefreiheit Autorit\u00e4re Regime versuchen mit vereinten Kr\u00e4ften, die Pressefreiheit zu unterdr\u00fccken &#8211; aber Journalisten, die sich zusammenschlie\u00dfen, um diese Bem\u00fchungen zu umgehen, geben Hoffnung, meint Can D\u00fcndar. Das Journalistenzentrum, in dem ich in Berlin arbeite, ist so etwas wie ein Thermometer der Weltpolitik. Als ich vor sechs Jahren kam, mussten sich die Kolleginnen und Kollegen im B\u00fcro zahlreiche Geschichten \u00fcber Zensur in der T\u00fcrkei anh\u00f6ren. 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