„Schwuchteln ist der Zutritt verboten!“
Homophobie in Russland salonfähig

Bildunterschrift 1:
Schildtext: „Pidarasam wchod sapreschtschen“, „Schwuchteln ist der Zutritt verboten.“ Aushang im Geschäft „Brot und Salz“, Moskau
Quelle: IGFM

Beim Anblick des Schildes im Schaufenster des exklusiven Naturprodukte Ladens „Brot und Salz“, auf der zentralen Moskauer Geschäftsstraße Twerskaja-Jamskaja 7, stockt einer deutschen Touristin der Atem. Ein menschenverachtendes Schild mit der Aufschrift „Schwuchteln ist der Zutritt verboten“ in einem Schaufenster auf einer elitären Einkaufsstraße Moskaus ist offenbar salonfähig und ohne Folgen für den Täter. Dass die Menschenwürde auf diese Weise in Russland öffentlich misshandelt wird, ist neu und schockierend. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) fordert die internationale Gemeinschaft dazu auf, den Druck auf Russland zu erhöhen, um eine erneute Hetzjagd gegen Schwule zu verhindern.

Russland steht immer wieder in der Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen gegen sexuelle Minderheiten. Im Moskauer Geschäft „Brot und Salz“ prangt ein Schild im Schaufenster mit der Aufschrift „Schwuchteln ist der Zutritt verboten“, das an dunkelste Zeiten in Deutschland erinnert. Tatsächlich ist die Aussage des Schildes noch menschenverachtender. Sie stellt homosexuelle Männer auf eine Stufe mit Pädophilen. Besitzer des Moskauer Geschäfts ist Hermann Sterligow, bekannt als streng russisch-orthodox, reaktionär und zivilisationskritisch. Wegen seiner kompromisslosen und homofeindlichen Ansichten ist Sterligow mehrfach aufgefallen. 2010 äußerte er in einer Fernsehsendung, dass alle Schwulen und Lesben getötet werden sollten, wie es in der Bibel stünde. Strafrechtlich wurde er dafür nie belangt.

Eine Vernichtungs-Kampagne à la Sterligow wurde im April dieses Jahres bereits in der zu Russland gehörenden Autonomen Republik Tschetschenien umgesetzt. Vermeintliche Schwule wurden von tschetschenischen „Sicherheitsdiensten“ verschleppt, gefoltert und getötet. Republikchef Ramsan Kadyrow und die russische Regierung stritten die Vorwürfe, die von mehreren Menschenrechtsorganisationen bestätigt wurden, ab. Erst als der internationale Druck stieg, versprach Putin Untersuchungen.
Obwohl Homosexualität in Russland seit 1993 nicht mehr unter Strafe steht und seit 1999 nicht mehr als Krankheit gilt, wird sie in der streng orthodoxen ost-slawischen Gesellschaft als abnormal und gesellschaftszersetzend betrachtet. Gewalttaten gegen Schwule nehmen zu und gelten als „normal“. Im Juni 2013 trat ein Gesetz in Kraft, das jegliche positiven oder neutralen Äußerungen über Homosexualität in der Öffentlichkeit unter Strafe stellt. Das Gesetz verstößt sowohl gegen das Diskriminierungsverbot als auch gegen die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte garantierten Versammlungs- und Meinungsfreiheit.
LGBT-feindliche Haltungen werden von Personen der Öffentlichkeit sowie der orthodoxen Kirche offen vertreten und befürwortet. In Deutschland wird über die Hetzjagd in Tschetschenien kaum berichtet. Es scheint, als sollten diese Verbrechen stillschweigend in Vergessenheit geraten. Ohne internationalen und öffentlichen Druck wird sich die Situation für LGBT-Personen in Russland nicht verändern und Putin wird Kadyrow kaum zur Rechenschaft ziehen, kritisiert Dr. Carmen Krusch-Grün, IGFM-Referentin für Osteuropa und Mittelasien.

IGFM Deutschland

Hermann Sterligow, russisch-orthodoxer
Ex-Oligarch hetzt gegen Homosexuelle.
Quelle: Wikimedia