Aserbaidschan: Buchverbrennungen und Morddrohungen wegen Tabubruchs zum Armenien-Konflikt

IGFM: Parallele zu Salman Rushdi – Musikindustrie soll ein Jahr nach dem Eurovision Song Contest für Meinungsfreiheit eintreten

Baku / Frankfurt am Main (13. Februar 2013) – Ein Jahr nach dem Eurovision Song Contest in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku wird der bedeutendste Gegenwartsdichter des Landes, Akram Aylisli, mit dem Tode bedroht. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mitteilte, hatte der 76jährige Aylishi es gewagt, in seinem neuesten autobiographischen Roman „Steinerne Träume“ Gräueltaten seiner Landsleute an Armeniern zu beschreiben und diese mit dem Genozid der Türken an den Armeniern in Verbindung zu bringen.

Akram Aylisli, aserischer Schriftsteller und Dichter. Bild: azerros.ru

Aserische Intellektuelle aus Chodschaly verbrennen Bücher des Schriftstellers Aylisli. Screenshot, radioazadlyg.org

In seiner Novelle „Steinerne Träume“, die er bereits 2006 beendet hatte, behandelt Aylisli Pogrome an der armenischen Bevölkerung vor allem in Baku in den Jahren 1988-89. Im Dezember 2012 wurde der Roman in russischer Übersetzung in der Zeitschrift „Völkerfreundschaft“ („Druschba narodow“) veröffentlicht. Die Buchbesprechung im Netz begann Anfang Januar 2013 und war schleppend bis Ende des Monats, als in Aserbaidschan wie auf Befehl ein Sturm der Entrüstung und Verunglimpfung des Autors losbrach.

Aserbaidschans autoritär herrschender Präsident Ilham Alijewhatte Akram Aylisli darauf am 7. Februar seinen Ehrentitel als „großer aserbaidschanischer Volksdichter“ entzogen (den Aylisli bereits im März 2001 wegen Hetze und Morddrohungen zurückgegeben hatte) sowie seine Rechte auf eine staatliche Rente. Aylislis Frau und seinem Sohn wurde die Arbeit gekündigt. Exemplare seiner Bücher wurden öffentlich verbrannt. Vor seinem Haus versammelt sich regelmäßig ein Mob aufgebrachter Landsleute, der ihm und seiner Familie nach dem Leben trachten. Der Vorsitzende einer regierungstreuen Partei, Hafis Hadschiew, hat sogar eine Geldprämie von 10.000 Manat demjenigen versprochen, der Aylisli ein Ohr abschneidet.

Buchverbrennung in Aserbaidschan am 11.02.2013 als Protest gegen den Tabubrecher Akram Aylisli. Screenshot, radioazadlyg.org

Karl Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der IGFM, erklärte am heutigen Mittwoch zu den Ereignissen in Baku: „Die Aufbruchstimmung des letzten Jahres ist vorüber, die in strahlendem Licht dargestellte Öffnung des Landes entpuppt sich als Spektakel für gutgläubige Europäer. Tatsächlich gibt es keine wirkliche Presse- und Meinungsfreiheit. Bürgerrechtler klagen über Bedrohung und Nachstellung. Die Manipulation der Bevölkerung anlässlich der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Oktober ist bereits in vollem Gang.“ Die IGFM vergleicht die Morddrohungen gegen Aylisli mit dem Fall Salman Rushdi. Sie fordert die Künstler und Manager der Musikindustrie sowie des Fernsehens, die Baku als Austragungsort für den Eurovision Song Contest durchgesetzt hatten, auf, jetzt für Akram Aylisli und die Meinungsfreiheit in Aserbaidschan einzutreten.

Hintergrund

Anhaltende Hysterie und Hetze als Antwort auf den Tabu-Bruch

Die Darstellung seiner Landsleute als Täter und der Armenier als Opfer war und ist für die meisten Aserbaidschaner unvorstellbar. Aylisli hingegen sagt, dass er keinesfalls seine Landsleute verunglimpfen wollte, er habe nur seine eigenen Erlebnisse in dem Roman verarbeitet. Er sieht sich nicht als Nationalist, sondern als Internationalist. Im Gegenteil, er habe Türen für eine Diskussion, für eine friedliche Zukunft öffnen wollen. Der Roman sei kein politisches Traktat, sondern literarische Kunst. Er habe seinen Landsleuten mehr Toleranz bei der Beurteilung des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts zugetraut. Aylisli sagt, so etwas habe es in der aserischen Gesellschaft seit 100 Jahren nicht gegeben. Für ihn ein Zeichen von Intoleranz der herrschenden Kreise gegenüber freier Meinungsäußerung, gegenüber der Freiheit des Wortes.

Die Reaktion der Aserbaidschaner zeigt nun deutlich, wie tief die Wunden eingebrannt sind. Im Parlament Aserbaidschans wurde provokativ vorgeschlagen, Aylisli einem Gen-Test zu unterziehen, um zu prüfen, ob es sich hier nicht doch um einen Armenier handele. Die Präsidialverwaltung hatte den Schriftsteller eingeladen, um ihm öffentlich seine Verachtung auszudrücken: „Der Mann hat keine Nationalität, kein Recht über menschliche Gefühle zu sprechen…“. Der aserische Schriftstellerverband, aus dem Aylisli vor 20 Jahren ausgetreten war, hat den Roman offiziell als „künstlerisch sehr schwach“ degradiert.

Zur Person:

Akram Aylisli ist der wohl bekannteste aserische Schriftsteller, Übersetzer, Dramatiker. Er wurde am 1. Dezember 1937 in Yukhari-Aylis in Nachitschewan (Aserbaidschan) geboren. Er studierte Weltliteratur am Moskauer Gorki-Institut. In den 70er Jahren war er Chefredakteur des Komitees für Kinematographie in Aserbaidschan, von 1988-89 Sekretär des Schriftstellerverbandes Aserbaidschans. 2005 wurde er ins Parlament gewählt. Aylisli ist Autor mehrerer Romane, Essays und Kurzgeschichten. Er hat Werke von Turgenew, Márquez oder Aitmatow ins Aserbaidschanische übersetzt. 2002 wurde er für seine Verdienste um die heimische Literatur mit den höchsten Orden Aserbaidschans, dem Unabhängigkeit-Orden und dem Ehren-Orden, ausgezeichnet.

Die Novelle „Steinerne Träume“, bei der es sich um den zweiten Teil einer Trilogie handelt, schrieb Aylisli schon 2006. Darin verarbeitet Aylisli seine Erlebnisse bei den Ereignissen in Baku 1988 – 1990, als es infolge kriegerischer Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan um die aserische Enklave Nagorny Karabach zu Pogromen an Armeniern kam. Da die Bevölkerung Nagorny-Karabachs armenischer Volkszugehörigkeit ist, wurde sie in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen Aserbaidschan von Armenien unterstützt, aus dem sie als Sieger hervorging. Flucht, Vertreibung, Säuberung, unzählige Opfer auf beiden Seiten und ein tief verwurzelter gegenseitiger Hass waren die Folge. Aserbaidschan hat seinen Anspruch auf Nagornyj Karabach nie aufgegeben. Aylislis öffentliches Eintreten gegen militärische Gewalt als Maßnahme zur Rückeroberung Nagornyj Karabachs wird daher in seiner Heimat als „Verrat“ angesehen.

Kommentar: Akram Aylisli – Im Schlund eines brodelnden Vulkans

Die Hinter der Degradierung des berühmten aserbaidschanischen Dichters und Schriftstellers Akram Aylisli zur persona non grata erscheint ein verbittertes, zorniges Gesicht. Ein Gesicht, dessen Körper gebrandmarkt ist durch jahrzehntelange nie verheilte Wunden. Tief im Innern schwelender Hass gegen die Anderen, die ihnen ihr Land genommen haben, ihr Land, für das viel Blut vergossen wurde. gibt.

[zum Kommentar von Dr. Carmen Krusch-Grün …]